Kommentar zur Leichtathletik-WM
Überflieger Simon Ehammer: Appenzeller Schmäh

Eigentlich ist er Zehnkämpfer. Aber der 22-jährige Simon Ehammer gewinnt die Bronzemedaille beim WM-Debüt im Weitsprung. Wieso lässt der Allrounder fast alle Spezialisten alt aussehen?

Rainer Sommerhalder
Rainer Sommerhalder
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Simon Ehammer fliegt im WM-Final auf 8,16 m.

Simon Ehammer fliegt im WM-Final auf 8,16 m.

Jean-Christophe Bott / KEYSTONE / keystone-sda.ch

Simon Ehammer ist Appenzeller, ist halb Österreicher, ist ganz Zehnkämpfer und ist ganz sicher auch Visionär. Dieser explosiven Kombination verdankt die Schweiz die erst neunte WM-Medaille der Leichtathletik-Geschichte.

Simon Ehammer ist Zehnkämpfer. Wieso soll ein Mehrkämpfer nicht auch in einer Einzeldisziplin auf Weltniveau reüssieren? Diese Frage hat der 22-Jährige – wenn er sie sich überhaupt je gestellt hat - lange vor Eugene beantwortet. Zuerst hat Simon Ehammer von einer Weitsprung-Medaille geträumt, später hat er sie sich als Ziel genommen, vor dem Wettkampf den Erfolg öffentlich angekündigt und am entscheidenden Tag eiskalt reüssiert. Quasi als Nebenprodukt seines vielfältigen täglichen Trainings für die grosse Leidenschaft Zehnkampf.

Simon Ehammer ist Appenzeller. Seit Beginn der Karriere lebt und trainiert er in seiner Heimat. Das Trainerumfeld mit den Brüdern René und Karl Wyler ist bodenständig und familiär. Das Duo lehrt den Ausnahmeathleten Bescheidenheit und Demut. Macht so aus dem Träumer einen Traumfänger. Ehammer mag als Mensch extrovertiert sein, als Athlet ist er ein pflegeleichte Musterschüler.

Simon Ehammer ist Visionär. Er will gewinnen und träumt von Dingen, die in jenem Augenblick nicht realistisch scheinen. Vom Olympiasieg im Zehnkampf, vom Weltrekord, von einem Sprung auf neun Meter, von einer Medaille im Weitsprung. Seine Träume ebnen ihm den Weg in die Realität, schaffen bei ihm Training für Training das Bewusstsein und die Motivation, wohin der Weg des bedingungslosen Einsatzes eines Tagen führen wird.

Simon Ehammer ist halb Österreicher. Wir machen uns gerne lustig über die Nachbarn. Doch insgeheim bewundern wir sie. Sie reden, wenn wir schweigen. Sie träumen, wenn wir zweifeln. Sie versuchen, wenn wir zögern. Der Österreicher in Simon Ehammer tut dem Schweizer Sport gut.