Analyse
Verrückt, aber logisch: Ambri landet im Kampf um die Pre-Playoffs vor Bern

Ambri qualifiziert sich in letzter Sekunde für die Pre-Playoffs und der SC Bern muss das vorzeitige Saisonende verkraften – die Gründe.

Klaus Zaugg
Klaus Zaugg
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Grenzenloser Jubel bei Ambri auf der einen Seite.

Grenzenloser Jubel bei Ambri auf der einen Seite.

Bild: Michela Locatelli / freshfocus

Das Finale ist filmreif. Der SC Bern, der Krösus, der Hockey-Gastro-Konzern mit fast 60 Millionen Umsatz, zu Hause im grössten Hockey-Tempel Europas, gegen Ambri, den charismatischsten Aussenseiter unseres Sports. Und es endet wie im Film. Ambri steht nach dem finalen 6:2 gegen die Lakers in den Pre-Playoffs. Für den SCB ist nach der 1:4-Heimniederlage gegen Lausanne die Saison zu Ende.

Ambri-Lakers - die Tore im Video

Video: TV24 / Mysports

Ambri, nie Meister, ist mit diesem Finale doch so etwas wie ein Meister der Herzen. Mit sechs Siegen hintereinander hat es den SC Bern auf der Ziellinie noch abgefangen. Es ist die verrückteste Geschichte seit Einführung der Playoffs. Verrückt, weil fast Unmögliches vollbracht worden ist – und eben doch wieder nicht verrückt. Eher logisch: Ambri vollbringt die grösste Tat seit dem Finaleinzug von 1999 in seiner liebsten Rolle: Als Aussenseiter. Chancenlos. Von der Liga verraten, die gleich zwei seiner tapfersten Helden (McMillan, Grassi) fürs letzte Spiel mit einer Sperre belegt hat. Geplagt von nicht enden wollenden Verletzungssorgen.

Betrübte Gesichter derweil beim SC Bern nach dem feststehenden Saisonende.

Betrübte Gesichter derweil beim SC Bern nach dem feststehenden Saisonende.

Bild: Daniel Teuscher / KEYSTONE

Aber Ambri verliert nie die Identität, nie die Zuversicht, nie den Glauben an eine Mission. Und so sehr Sportchef Paolo Duca bei der Auswahl seines ausländischen Personals vom Glück verlassen war – ­seine Autorität hat nie gelitten. Weil er zusammen mit seinem Trainer Luca Cereda für das steht, was Ambri ausmacht: Stolz. Leidenschaft, Willen. Und die Bereitschaft, jeden Tag hart zu arbeiten. Die Hockeygötter konnten gar nicht anders: Sie mussten mit Ambri sein. Zumal SCB-Obersportchef Raeto Raffainer vor der Schlussphase der Qualifikation noch verkündet hatte: «Wir werden am Schluss ganz sicher die Pre-Playoffs erreichen.»

Bern-Lausanne: die Tore im Video

Video: TV24 / Mysports

Das ist die Qualität unserer Hockeykultur: Sie gibt einem Aussenseiter die Chance, Träume zu verwirklichen. Zu einem Titel mag es im Zeitalter des Sportkapitalismus nicht mehr reichen. Aber noch immer zu einem kleinen Wunder. Und auch das ist eine Qualität unserer Hockeykultur: Wem der Erfolg zu Kopfe steigt, wer hoffärtig, arrogant und ignorant wird, wer glaubt die ungeschriebenen Gesetze des Hockeys nicht mehr beachten zu müssen, wird gezüchtigt. Nie zuvor ist in unserem Mannschaftsport Arroganz und Ignoranz so hart bestraft worden wie in diesem Finale. Noch bitterer als das Resultat ist Volkes Stimme. Der SCB ist ein Klub des Volkes. Immer wieder hat General Manager Marc Lüthi betont, wie sehr ihm die zahlenden Kunden am Herzen liegen. Denn der SCB hat keinen Mäzen. Er lebt von jedem einzelnen Fan. Im Stadion. In der Beiz. Und die Fans sind gestern zum wichtigsten, zum alles entscheidenden Spiel der Saison nicht gekommen. Bloss 12 949. Offiziell. Die 12 000 Saisonkarten mitgezählt. Gekommen sind weniger als 10 000. Platz hätten etwas mehr als 17 000. Die grosse Stehrampe – zu einem Drittel leer.

Autor Klaus Zaugg

Autor Klaus Zaugg

Für den SC Bern ist die Saison zu Ende und der Tiefpunkt einer Entwicklung erreicht, die sich zu einem Lehrfilm eignen würde. Arbeitstitel: «Wie zerstören wir ein meisterliches Sportunternehmen?» Nach drei Titeln (2016, 2017, 2019) in vier Jahren haben die Berner die Bodenhaftung verloren. Arroganz und Ignoranz erreichten ein in unserem Land nie gesehenes Ausmass. Manager Marc Lüthi und seine Entourage glaubten, sich alles, einfach alles leisten zu können. Sie liessen einen völlig überforderten Sportchef im Amt (Alex Chatelain), ersetzten ihn schliesslich durch Florence Schelling (der grösste Personalirrtum der Geschichte). Das Resultat: eine endlose Reihe von Fehltransfers. Ein teurer, richtiger Trainer? Ach was. Seit dem Frühjahr 2020 taumelt die Mannschaft mit Ausnahme der kurzen Zeit unter Juniorentrainer Mario Kogler führungslos dahin. Über die Verpflichtung von Don Nachbaur lachte ganz Europa und der aktuelle Chefcoach Johan Lundskog hat vor Bern noch gar nie eine Profi-Mannschaft geführt.

So ist der SC Bern der erste Meister geworden, der nun zum dritten Mal in Serie nicht einmal mehr mindestens Rang acht erreicht hat. Und doch kann sich das gestrige Scheitern für den SCB als Glücksfall erweisen. Die Mannschaft wird nächste Saison besser besetzt sein. Richtig gecoacht, richtig zusammengestellt und mit guten Ausländern ergänzt, ist ein Vorstoss in die obere Tabellenhälfte möglich. Wenn dieses Scheitern die Augen zu einem kompletten Neuanfang mit einem neuen Trainer nicht öffnet – was braucht es dann? Die der Wirklichkeit entrückte SCB-Chefetage war bis vor dem gestrigen Spiel wild entschlossen, den von allem Anfang an völlig überforderten Trainer auch nächste Saison weiterzubeschäftigen.