«Ich hoffe, es wird ein ganz ereignisloses Rennen», hatte Geraint Thomas beim Grand Départ der Tour de France in Brüssel erklärt. Mit dieser trockenen Aussage hatte er die Lacher auf seiner Seite. Aber auch Angst vor einer neuen Langweiler-Tour machte die Runde. Team Ineos hatte, als es noch Team Sky hiess, gewöhnlich mit mörderisch hohem, aber für seine Captains gerade noch so erträglichem Tempo den Initiativgeist der Konkurrenz stets zu ersticken vermocht. Thomas, der Titelverteidiger, seit 2010 beim Rennstall, hat sich diese Taktik in Fleisch und Blut eingeprägt. Und er hatte gehofft, dass sie erneut erfolgreich sein wird.

Thomas hat sich geirrt. Das hat das tolle Pyrenäenwochenende gezeigt. Team Ineos hatte in den Bergen niemals die Kontrolle. Viele Mannschaften fühlten sich zu Attacken ermutigt.

Der spanische Rennstall Movistar versuchte alles, auch wirklich alles, um seine bereits abgeschlagenen Captains Mikel Landa und Nairo Quintana zurück in die höheren Zonen des Klassements zu fahren. Mal ging Quintana mit einigen Helfern sogar in die Fluchtgruppe, mal spannte sich der blaue Block vor das Peloton, und machte die Auffahrt zum vorletzten Berg schon so scharf, als wäre dort der Final. «Die haben so beschleunigt, dass ich glaube, viele dachten, am vorletzten Gipfel wäre schon das Ziel. Ich habe auch nicht geglaubt, dass ich ein zweites Mal so ein höllisches Tempo durchstehe», beschrieb der neuseeländische Kletterer George Bennett die Ereignisse auf der Tourmalet-Etappe. Die Tempoverschärfungen seines Teams Jumbo Visma liessen Ineos nicht zum Zuge kommen. «Es war schon ungewöhnlich. Ineos fuhr nach vorn. Dann gab es eine kurze Verzögerung, und wir übernahmen einfach», blickte Bennett zurück.

Ineos geht am Ruhetag 
über die Bücher

Im Bergzug von Ineos klemmt es. «Michal Kwiatkowski und Gianni Moscon haben nicht das geleistet, was sie eigentlich draufhaben», konstatierte auch Nicholas Portal, sportlicher Leiter bei den Briten. Woran es lag, dazu mochte bei Ineos niemand Auskunft geben. Den Ruhetag nutzte der Rennstall zur internen Fehleranalyse. Er muss es auch. Denn mit David Gaudu, dem Bergtalent der Franzosen, verfügt Thibaut Pinot über den wohl stärksten Helfer im Peloton. Gaudu setzt gern dort an, wo die Jumbo-Visma-Combo aufhört. Seine Beschleunigungen am letzten Berg bringen fast alle in den roten Bereich. Nur ein Trio blieb bisher in den Pyrenäen jenseits der Schmerzenszone: Gaudus Captain Pinot, Thomas’ Co-Captain Egan Bernal und der Deutsche Emanuel Buchmann.

Team Ineos steht nun vor der Kardinalfrage: Soll es die gesamte, wenn auch geschwächte, Power des Teams auf den offenbar besseren Kletterer Egan Bernal konzentrieren? Oder soll man die Hoffnungen auf eine Erholung des Titelverteidigers nicht aufgeben? Schwierig wird diese Entscheidung auch deshalb, weil Bernal nicht wie der absolute Sieggarant wirkt. Der stärkste Kletterer im Feld ist aktuell noch immer Pinot. Ausserdem ist weiterhin Julian Alaphilippe in Gelb. Dem Franzosen könnte das alte Kontrolltempo von Ineos sogar entgegenkommen. Ein echtes Entscheidungsdilemma. Ein Dilemma, das gut ist für den Spannungsgehalt dieser Tour.

Tom Mustroph, Nîmes

Tour de France

Gesamtklassement: 1. Alaphilippe 61:00:22. 2. Thomas 1:35. 3. Kruijswijk 1:47. 4. Pinot 1:50. 5. Bernal 2:02. 6. Buchmann 2:14. 7. Landa 4:54. 8. Valverde 5:00. 9. Fuglsang 5:27. 10. Uran 5:33. 11. Porte 6:30. – Ferner: 13. Quintana 8:28. 19. Bardet 27:12. 23. Reichenbach 30:17. 24. Adam Yates 33:18. 26. Mas 35:18. 49. Frank 1:13:25. 52. Simon Yates 1:17:48. 95. Schär 1:59:36. 99. Küng 2:04:49.