Schweizer Meisterschaft

Silvan Dillier und der Cancellara-Effekt: Die Mission Titelverteidigung ist kompliziert

Alle Augen auf den Lokaltmatador: Silvan Dillier mit seinem in den Farben des Landesmeisters lackierten Rennrad.

Alle Augen auf den Lokaltmatador: Silvan Dillier mit seinem in den Farben des Landesmeisters lackierten Rennrad.

Lokalmatador Silvan Dillier steht am Sonntag an der Schweizer Meisterschaft vor einer komplizierten Aufgabe. Da alle Augen auf ihn gerichtet sein werden, wird es für Dillier äusserst schwierig werden auszureissen.

Jeden der fast 200 Rennkilometer, welche die Profis am Sonntag absolvieren müssen, kennt Silvan Dillier in- und auswendig. Wenn man also von einem Heimvorteil sprechen darf, dann sicher im Fall des 27-Jährigen. Start- und Zielort des Rennens um den Schweizer-Meister-Titel ist Dilliers Wohnort Schneisingen.

Wobei das mit dem Heimvorteil relativ ist. Weil eben auch jeder Konkurrent von Silvan Dillier weiss, dass dieses Rennen für den Lokalmatador ganz speziell ist. Nicht nur wegen der Tatsache, dass er bei sich zu Hause fahren kann, sondern auch, weil er als Titelverteidiger umso motivierter ist.

Es ist eine Ehre für jeden Radprofi, sich in den Farben des Landesmeisters im Peloton zu bewegen. Im Fall von Dillier bedeutet es sogar, dass er mit einem speziellen, rot lackierten Velo unterwegs ist.

Dillier-Hype in Schneisingen

Dillier-Hype in Schneisingen

Ein Dorf im Ausnahmezustand – in Schneisingen ist der Hype um Lokalheld Silvan Dillier gross. So gross, dass der Reporter mit Zetteln aushelfen muss, als Dillier an seiner alten Primarschule Autogramme gibt.

Dass diese Ausgangslage alles andere als einfach ist, zeigt ein Blick in die Radsport-Geschichtsbücher. 2009 fand die Strassenrad-Weltmeisterschaft in der Schweiz, in Mendrisio, statt. Es sollte die grosse Gelegenheit für Fabian Cancellara sein, in seiner Heimat im Strassenrennen das lang ersehnte Regenbogen-Trikot des Weltmeisters zu erkämpfen.

Alles drehte sich im Vorfeld um den Schweizer RadSuperstar, der in jenem Jahr nicht nur überraschend die Tour de Suisse gewonnen, sondern auch im WM-Zeitfahren wenige Tage vor dem Strassenrennen die Konkurrenz nach Belieben dominiert hatte.

Am Ende mit leeren Händen

Alle Augen waren also auf Fabian Cancellara gerichtet. Aber eben nicht nur jene der Fans, sondern auch jene der Konkurrenz. Was ihm schliesslich zum Verhängnis wurde. Alle Ausreissversuche des Ittigers wurden pariert.

Am Ende profitierte der Australier Cadel Evans von der Patt-Situation um den Top-Favoriten und wurde Weltmeister. Cancellara wurde guter Fünfter, war aber schwer enttäuscht über die verpasste Chance und haderte mit der Taktik seiner Rivalen, die nur auf ihn geachtet hatten.

An der Strassen WM 2009 in Mendrisio reichte es Fabian Cancellara nicht für den Sieg.

An der Strassen WM 2009 in Mendrisio reichte es Fabian Cancellara nicht für den Sieg.

Silvan Dillier könnte es am Sonntag also ähnlich ergehen wie Fabian Cancellara vor neun Jahren. Zumal die Rennen im Kampf um den Schweizer-Meister-Titel per se schon total unberechenbar sind. «Da im Gegensatz zu den normalen Rennen keine kompletten Teams das Geschehen taktisch kontrollieren können, herrscht in der Regel Anarchie, weil jeder versucht, auf eigene Rechnung zu fahren», erklärt Dillier die speziellen Umstände.

Nur noch mit Frank

Bisher hatte auch er davon profitiert, dass er mit einigen Teamkollegen aus der Schweizer BMC-Equipe strategische Vorteile ausspielen konnte. Seit seinem Wechsel zu AG2R fällt aber dieser Vorteil weg. Mit Mathias Frank hat er nur noch einen Co-Equipier am Start.

BMC tritt dagegen immer noch mit fünf Mann (Zeitfahr-Meister Stefan Küng, Michael Schär, Tom Bohli, Kilian Frankiny und Danilo Wyss) an und wird deshalb das Rennen voraussichtlich am besten kontrollieren können.

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Für Silvan Dillier kommt noch ein weiterer, gewichtiger Faktor ins Spiel, der auf seine Leistung einen Einfluss haben könnte. Er nimmt sechs Tage nach dem Titelkampf in Schneisingen erstmals in seiner Karriere am wichtigsten Radrennen der Welt, der Tour de France, teil.

So kurz vor dem wohl bedeutendsten Wettkampf seiner bisherigen Laufbahn als Radprofi wird Dillier mit Sicherheit nicht Kopf und Kragen riskieren. Neben Dillier sind nur die beiden BMC-Profis Küng und Schär in Frankreich am Start.

Wird es endlich Albasini?

Auch deshalb könnte am Sonntag vielleicht endlich mal die Stunde des Michael Albasini schlagen. Der 37-jährige Thurgauer gehörte Jahr für Jahr zu den Aktivposten an den Schweizer Meisterschaften. Zum lange ersehnten Titelgewinn hat es dem «Evergreen» aber bisher noch nie gereicht.

Der Profi des australischen Michelton-Scott-Teams wird in Schneisingen mit Sicherheit wieder die Flucht nach vorne antreten. Als «Alleinunterhalter» ohne Teamunterstützung wird aber sehr viel für ihn laufen müssen, damit er endlich einmal vom obersten Treppchen des Podests aus grüssen darf.

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