«Wir haben die drei Punkte, das ist alles, was zählt. Ich freue mich auf ein volles Brügglifeld und ein geiles Spiel.» Die Message von Aarau-Trainer Patrick Rahmen nach dem Zittersieg am Donnerstagabend in Chiasso ist unmissverständlich: Abhaken und nach vorne schauen – auf das grosse Finale gegen Rapperswil-Jona vor heimischem Publikum. Bevor sich Rahmen in den Bus setzt und dieser in der Tessiner Nacht verschwindet, sagt er noch: «Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass wir es schaffen.»

Warum ist sich der 50-Jährige da so sicher? Nach diesem Auftritt gegen den Tabellenletzten, bei dem abgesehen vom Resultat und der Goalieleistung so ziemlich gar nichts stimmte? Rahmen: «Das wird ein ganz anderes Spiel als hier in Chiasso. Mit unseren Fans im Rücken werden wir von der ersten Sekunde an bereit sein und den nötigen Sieg einfahren.»

Wahnsinnsparade von Nikolic

Doch die veränderten Rahmenbedingungen können nicht der einzige Grund für die Überzeugung sein. Auch wenn er es nicht aussprechen will, der Trainer denkt bestimmt auch an das Schicksal, an höhere, an die Fussballgötter.

Fussball ist manchmal unerklärlich und deshalb so faszinierend. Freud und Leid liegen so nahe beieinander, im Fall des FC Aarau eine Handlänge oder eine Pfostenbreite. In Chiasso ist es erst die Torumrandung, die nach einem Kopfball von Gabriele Perico die Aargauer vor dem 1:1 bewahrt. Bei der nächsten Chiasso-Chance packt Goalie Djordje Nikolic eine Wahnsinnsparade aus, indem er den Abschluss von Ivan Lurati mit einem Geistesblitz ins Aus lenkt.

Challenge League 18/19 Runde 35: Chiasso - FC Aarau 24.2.19 - Schuss von Ivan Lurati (FC Chiasso)

Challenge League 18/19 Runde 35: Chiasso - FC Aarau 24.2.19 - Schuss von Ivan Lurati (FC Chiasso)

Aarauer Wettkampfglück

Blicken wir noch weiter zurück: Vor zwei Wochen spielt der FC Aarau in Schaffhausen. Nach der frühen Führung durch Elsad Zverotic geraten die Gäste immer mehr unter Druck, sie taumeln – doch sie fallen nicht: Weil die zwei Schüsse von Miguel Castroman vom Pfosten weg und nicht ins Tor prallen. Am Ende gewinnt Aarau 2:1, das Siegtor fällt nach einem Wahnsinnssolo des sonst inexistenten Varol Tasar.

Drin oder nicht – wenn die Marge wie in den genannten Fällen so dünn ist, entscheidet das Schicksal für und gegen eine Mannschaft. Rational erklärbar sind die Szenen nicht. In der Schlussphase laufen die Dinge für den FC Aarau. Wieso? Klar, Trainer und Mannschaft haben nach dem miesen Saisonstart die richtigen Schlüsse gezogen, haben sich auf die Basistugenden besonnen – Solidarität, Leidenschaft und Kampf – statt sich zu zerfleischen. Das ist die greifbare Begründung dafür, dass die Aarauer das Wettkampfglück in diesen Wochen auf ihrer Seite haben.

Stoff für die Stammtische

Doch wie gesagt – der Fussball hat auch eine rational nicht erklärbare Komponente, der Fussball ist auch ein Nährboden für Verschwörungstheorien. Das ist der Stoff für die Stammtische. Spulen wir zurück an den Saisonstart: Am ersten Spieltag gegen Servette ist Aarau die dominierende Mannschaft, doch die Genfer machen aus zwei Chancen zwei Traumtore. Die Aarauer beklagen sich nach der Partie zu Recht, dass ihnen zwei Penaltys verwehrt wurden.

Eine Woche später: Auswärtsspiel in Winterthur. Bevor Davide Callà zum 1:0 für das Heimteam trifft, klatscht auf der anderen Seite der Ball zwei Mal an die Latte. In beiden Partien hätte der FC Aarau aufgrund der Torchancen und Leistung den Sieg verdient gehabt. Doch das Schicksal, und mit ihm die Fussballgötter, hatte im Sommer 2018 etwas gegen den FC Aarau.

Das schlechte Gewissen

Eine Fussballweisheit besagt: Wenn das letzte Saisonspiel abgepfiffen ist, halten sich bei allen Mannschaften Glück und Unglück die Waage. Die Perspektive wieder auf den FC Aarau gerichtet: Nach dem Saisonstart hatten die Fussballgötter ein schlechtes Gewissen und sind ihm nun umso besser gesinnt. Gehen wir noch einen Schritt weiter:

Die Fussballgötter wollen offensichtlich, dass das Märchen des FC Aarau ein Happy End erfährt. Sie wollen, dass der wie Phönix aus der Asche auferstandene FC Aarau die Barrage erreicht – und nicht die 12-Millionen-Truppe aus Lausanne, die zuletzt lustlos ihren Stiefel runterspielte und nicht im Traum daran glaubte, dass die Aarauer ihr noch gefährlich werden könnte.

Oder gibt es eine andere Erklärung dafür, dass der FC Aarau in den vergangenen drei Partien gegen Schaffhausen, Kriens und Chiasso jegliche Souveränität und Unbeschwertheit vermissen liess, aber dennoch sieben Punkte holte, an Lausanne vorbeizog und den zweiten Tabellenplatz verteidigen konnte? Wetten, dass die Fussballgötter dafür sorgen, dass der FC Aarau am letzten Spieltag gegen Rapperswil-Jona den nötigen Sieg einfährt?