Eidgenössisches Turnfest Aarau

Ein Geständnis und Tohuwabohu: Warum der Geräteraum während des Wettkampfs ein spannender Ort ist

Am Eidgenössischen Turnfest gibt es im Gerätetraum der Schachenhalle Spannendes zu hören und sehen. Ob Bier oder Honig: Im Geräteraum findet man so ziemlich alles – natürlich auch spannende Gesprächspartner. Doch über was sprechen Turner eigentlich während des Wettkampfs? Wir haben zugehört.

Harz oder Honig? Im Geräteraum der Schachenhalle in Aarau hat es beides. Die besten Geräteturner der Schweiz, die hier am Eidgenössischen Turnfest ihren Wettkampf absolvieren, vertrauen dem Produkt der Bienen, um am Barren nicht abzurutschen. Die Handballer des HSC Suhr Aarau, die hier normalerweise ihre Heimspiele in der NLA bestreiten, schwören auf Harz, um den Ball besser zu greifen. Sehr klebrig ist beides.

Das merkt, wer das Handballtor berührt, das an die Wand gestellt nicht benötigt wird. Momentan haben die Geräteturner das Sagen und die stellen lieber Honig in Tuben auf den Boden. Vor dem Einsatz ein paar Tropfen auf die Hand, etwas mit Magnesium pudern – und fertig ist die Maniküre der Barrenturner.

Der Geräteraum ist während des Wettkampfs der besten Geräteturner ein spannender Ort. Hier bereiten sie sich auf den Einsatz vor, hier werden Pläne geschmiedet, Übungen besprochen und Verschwörungstheorien in Umlauf gebracht. Wir haben Mäuschen gespielt und zugehört.

Der Ärger des Trainers

Der Trainer des BTV Luzern ist gekommen, um kurz Luft abzulassen. Der Kollege, den er trifft, ist ein guter Zuhörer. Und ein noch besserer Versteher. Er versteht nämlich den Ärger. Natürlich sei es ein Skandal, wie tief die Schützlinge des Trainers am Reck beurteilt wurden.

Dabei habe ja jeder gesehen, dass der klar besser benotete Konkurrent mit den Beinen geschaukelt habe. Nichts habe er gegen diesen, der könne schon turnen. «Aber dass er die bessere Wertung bekommt, das kann nicht sein.»

Schnell sind sich die beiden einig. Ein offizieller Protest gegen die Wertung soll hinterlegt werden. Der BTV Luzern ist mit dem Ziel nach Aarau gereist, den Einzel-Turnfestsieger zu stellen. Da zählt jeder Zehntel.

«Konzentration vor der Übung? Das passt nicht»

Weit entspannter sind die Turner des STV Wettingen. Für sie ist der Einzelwettkampf eine Art professionelles Warm-up für den Vereinswettkampf am kommenden Wochenende. Dort wollen die Aargauer zum vierten Mal in Folge Turnfestsieger werden. «Das ist unser grosses Ziel», sagt Severin Egloff. «Und darum gehen wir den Einzelwettkampf lockerer an.» Da stört es sie auch nicht, dass sich unmittelbar vor ihrer Übung Turnerinnen, die erst am späten Nachmittag starten, im kleinen Geräteraum besammeln.

Mit jeder Athletin, die eintrifft und sich mit Dehnübungen aufwärmt, wird es etwas wärmer und enger im Raum. Simon Müller («unser Star im Team», so Egloff), ist umringt von Frauen, als er sich auf seine Übung vorbereitet. Gepaart mit dem Lärmpegel des laufenden Wettkampfs und den Anfeuerungsrufen der Zuschauer in der Halle, ist es ein ziemliches Tohuwabohu, das herrscht. Stört das nicht in der Konzentrationsphase?

Egloff lacht: «Fragen Sie Simon!» Auch dieser lacht. «Ich und Konzentration vor der Übung? Das passt nicht.» Müller liebt den Wirrwarr um ihn herum. Die Gefahr einer Reizüberflutung besteht bei ihm nie. Egloff hingegen blendet für die Übung alles aus. «Dann höre ich gar nichts», sagt er.

Ein Geständnis

Müller ist der bunte Vogel im Team. Nicht nur, weil er als einziger einen deutlichen Sonnenbrand an Armen und Beinen aufweist. Und doch: Am Gerät, dann, wenn es zählt, ist er fokussiert – und stark. Das muss er auch sein: In der Kategorie K7 turnt die nationale Elite. Und Müller gehört dazu. Er beendet den Wettkampf als bester Aargauer auf Rang neun.

Zur Elite zählt auch Simon Stalder. Der Mann, der als Favorit auf den Sieg gehandelt wird. Als er im Geräteraum auftaucht, legt er ein Geständnis ab: «Ich habe gerade das Reck geschrottet.» Beim Einturnen löst sich plötzlich ein Karabiner und das Gerät wackelt verdächtig. Doch in einer Kiste im Geräteraum findet der Luzerner Ersatz. Den Wettkampf rettet er, den Sieg aber holt er als Vierter nicht.

Das Reck ist nicht das einzige, das an diesem Tag in Mitleidenschaft gezogen wird. Und so wird der Geräteraum kurzzeitig zum Sanitätsraum für Selbstversorger. Statt Merfen hat es Magnesium. Doch das eignet sich ebenfalls zur Behandlung von kleinen Wunden. Das denkt sich zumindest Anto Coric vom STV Gränichen. Eine aufgeplatzte und blutende Blase in seiner Handfläche wird kräftig gepudert. Magnesium als Wunderwaffe. Nur gekocht wird im Geräteraum nicht. Aber gegessen und getrunken.

Mit vier Bierbechern im Geräteraum

Und was trinkt der Turnfestbesucher? Genau – oft Bier. Und der junge Mann vom TV Balsthal meint es nur gut, als er mit vier Bechern beim Geräteraum auftaucht. Dumm nur: Der Wettkampf ist noch nicht zu Ende. Und auch wenn die Balsthaler selbst bereits fertig sind, schicken sie den Lieferanten mit der Ware zurück. Die Wettkampfleitung hätte sonst eingegriffen. Vor dem offiziellen Ende sind alkoholische Durstlöscher tabu.

So verlassen die Becher den Tatort. Bestellt und nicht abgeholt – einfach Mal andersrum. Geliefert aber gar nicht bestellt.

Geliefert hat am Ende auch der BTV Luzern. Fabio Gasser wird Turnfestsieger. Mit seiner Bewertung am Reck ist selbst sein Trainer einverstanden – ohne Rekurs.

Bei den Frauen geht der Sieg an Annja Keiser. Ihr Rezept? Vielleicht der Besuch im Geräteraum. Weil an dessen Ende eine Türe nach draussen führt, atmet sie hier während dem Wettkampf frische Luft. Als einzige Frau. Denn der Barren ist ein Männergerät. Auch wenn sich Keiser im Spass bei den Kampfrichtern anmeldet. Noch so eine Geschichte aus dem Geräteraum.

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