Der Weg nach Tokio
Die Kunst, am Tag X zu liefern

Die Olympischen Sommerspiele 2020 sind das grosse Ziel der vier Aargauer Athleten Oliver Hegi (Kunssturnen), Aline Seitz (Rad Bahn), Ciril Grossklaus (Judo) und Michelle Heimberg (Wasserspringen). In ihrer wöchentlich erscheinenden Kolumne geben sie abwechselnd Einblicke in ihren Alltag auf dem Weg nach Tokio. Diesmal Ciril Grossklaus.

Ciril Grossklaus
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Cyril Grossklaus

Cyril Grossklaus

mpr

Nachdem ich zuletzt an dieser Stelle eher generell über die vielschichtigen Herausforderungen im Judosport geschrieben habe, möchte ich diesmal wieder konkreter über das aktuelle Geschehen schreiben:

Als erste Gelegenheit, Punkte zu sammeln, stand Ende Januar der Grand Prix Tel Aviv auf dem Programm. Ich mus­s­te leider etwas angeschlagen antreten, da ich in der Woche davor mit einer Grippe im Bett lag. Ob es das inzwischen berühmte Corona-Virus war?

Wer weiss. Zehn Lagertage, mit Athleten aus aller Welt, hatte ich ja bereits hinter mir. Jedenfalls fühlte ich mich in Israel alles andere als fit und musste mich meinem ersten Gegner, trotz gutem Einsatz, geschlagen geben.

Umschalten von «gewinn-» auf «lernorientiert»

Emotional schnell abhaken, lautet hier die Devise. Warum? Sich selbst zu zerfleischen, ist nicht zweckdienlich. Technische Fehler sollte man natürlich trotzdem objektiv analysieren und daraus seine Lehren ziehen.

Das führt mich gleich zum nächsten mentalen Kniff. Nach dem Turnier in Israel schalte ich schnell von «gewinnorientiert» auf «lernorientiert» um. Das mindert das Verletzungsrisiko markant. Zu viel Ehrgeiz im falschen Moment ist gefährlich.

Ausserdem richte ich den Blick sogleich nach vorne. Es gilt nun, alles so einzuteilen, damit beim nächsten Turnier die Leistungsfähigkeit wieder im Zenit steht. Aber wie lässt sich das steuern? Auf der physischen Seite spielt die Periodisierung eine zentrale Rolle. Hohe Belastungsphasen können logischerweise nicht direkt vor einem Wettkampf stattfinden, weil man ansonsten körperlich am Anschlag wäre.

Intensives Trainingslager in Paris

Deshalb absolvierten wir in der zweiten Februarwoche ein intensives Trainingslager in Paris, womit uns im Anschluss eine weitere Woche zur Verfügung stand, um uns für den Grand Slam Düsseldorf aufzupeppen.

Mit zwei tollen Siegen und vielen gelungenen Würfen konnte ich dort bis ins Achtelfinal vordringen. Der Auftritt stimmt mich sehr zuversichtlich für noch bessere Resultate – und ein paar Olympiapunkte hat es auch abgeworfen.

Für die Physis ist übrigens unser Nationalcoach verantwortlich. Er plant nicht nur unsere Aufenthalte im Ausland, sondern bestimmt bis ins kleinste Detail den Trainingsalltag. Im Kraftraum und auf der Matte legt er alle Übungen sowie deren Umfang fest. Im Bereich Mentaltraining sieht es jedoch anders aus. Das ist eine individuelle Sache und liegt in der eigenen Verantwortung.

Regelmässige Zusammenarbeit mit einem Mentalcoach

Ich persönlich habe mich im Jahr 2014 erstmals mit dem Thema Mentaltraining beschäftigt und arbeite inzwischen regelmässig mit einem Mentalcoach zusammen. Ein langer Lernprozess liegt dabei bereits hinter mir.

In einem ersten Schritt musste ich herausfinden, was mich überhaupt davon abhält, «einfach Vollgas» zu geben. In einem zweiten Schritt ging es darum, herauszufinden, wie ich den optimalen Leistungszustand gezielt herbeiführen kann.

Mittlerweile steht mir ein breites Repertoire an massgeschneiderten Ritualen wie Atemübungen, Selbstgespräche und mentale Trainingsformen zur Verfügung. Wenn ich nächsten Sonntag beim Grand Prix Rabat in Marokko also erneut meine Bestleistung abrufen kann, ist es gewiss kein Zufall mehr.

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