Schutzmassnahmen

Der grosse Schutzkonzepttest im Aargauer Regionalfussball – wer es gut macht und was die Zuschauer tun sollten

Am 8. November endet die Herbstrunde in der 2. Liga AFV – doch die hohen Coronazahlen machen Sorgen: Kommt es zum Abbruch? Die AZ hat die Heimspiele aller Vereine der Liga besucht und geschaut, wie die Schutzkonzepte umgesetzt werden.

Dass es ausgerechnet einer «seiner» Schiedsrichter ist, ärgert Luigi Ponte fast am meisten. Tatort Suhr, Sportplatz Hofstattmatten: Auf der Tribüne sitzen Kollegen des Schiedsrichters. Dieser sieht sie, geht hin und begrüsst alle per Handschlag – und verstösst damit gegen das Schutzkonzept, das die Ausbreitung des Coronavirus verhindern soll.

«Es gibt leider immer wieder Leute, die sich nicht an unser Schutzkonzept halten. Leider auch unter den Schiedsrichtern», sagt Ponte, Präsident des Aargauischen Fuss­ballverbands AFV und zuvor während 13 Jahren höchster Schiedsrichter der Schweiz. «Wir werden aber nicht müde, immer und immer wieder auf unsere Regeln hinzuweisen», ergänzt er. «Und vielleicht haben es irgendwann alle begriffen.»

AFV-Präsident Luigi Ponte ist bemüht, dass alle Funktionäre im Verband das Schutzkonzept einhalten.

AFV-Präsident Luigi Ponte ist bemüht, dass alle Funktionäre im Verband das Schutzkonzept einhalten.

Die Herbstrunde zu Ende spielen

Und schon sind wir mittendrin im Thema: Denn diejenigen, die sich nicht an die Schutzkonzept halten, gefährden ausgerechnet das, was ihnen wichtig ist: den Fussball im Kanton Aargau. Am 7. und 8. November ist der letzte Spieltag der Herbstrunde in der 2. Liga AFV angesetzt. Dieses Wochenende ist quasi das ultimative Ziel. Denn sobald diese Runde gespielt ist, könnte die Meisterschaft gewertet werden, auch wenn im Frühling keine Rückrunde möglich sein sollte.

Im Wallis wurde der Amateurfussball bereits unterbrochen, im Aargau darf (noch) gekickt werden.

Im Wallis wurde der Amateurfussball bereits unterbrochen, im Aargau darf (noch) gekickt werden.

Irgendwie ins Ziel – es wird zum Motto der Fussballer. Doch die Angst, dass der Bundesrat aufgrund der hohen Coronazahlen schon bald wieder alles verbieten könnte, ist gross. «Es ist jetzt absolut notwendig, dass alle, die etwas mit dem Fussball im Kanton Aargau zu tun haben, alles dafür tun, dass wir bis am 8. November spielen können», sagt Ponte. Und viele Vereine haben bereits reagiert und ihre Massnahmen noch einmal verschärft. Wer am Mittwoch in Fislisbach das Spiel gegen Suhr be­suchen wollte, durfte das nur mit Maske. Am Wochenende, wenn die nächste Runde gespielt wird, gilt das auf vielen Plätzen.

Eigenverantwortung als Problem

Die «Schweiz am Wochenende» hat in den vergangenen vier Wochen Heimspiele aller 15 Vereine in der 2. Liga AFV besucht. Wie gut wurden die Konzepte schon vor dem starken Anstieg der Fallzahlen eingehalten?

Der Schutzkonzepttest

Der Schutzkonzepttest

Eines vorneweg: Für die Konzepte gibt es fast überall gute Zeugnisse. Oft entstehen Probleme dort, wo Eigenverantwortung gefragt wäre. Wie beim Fall des eingangs erwähnten Schiedsrichters. Aber nicht nur. Die Erkenntnisse der Matchbesuche:

Contact Tracing: Bei 14 von 15 Klubs war am Tag des Tests eine Liste für den Eintrag der Kontaktdaten problemlos zu finden. Sie lag jeweils gut sichtbar ­direkt beim Eingang oder dort, wo es keinen offiziellen Eingang gibt, in einer definierten Zone, auf die hingewiesen wurde. Einzig beim FC Sarmenstorf fand der Besucher nicht automatisch zur Liste.

«Wir haben aber eine», sagt Marco Meili, im Verein verantwortlich für das Schutzkonzept, auf Nachfrage. «Sie liegt beim Beizli auf.» Allerdings kommen die Besucher weder zwingend dort vorbei, noch wird per Speaker oder Plakat darauf hingewiesen. «Das hätten wir besser lösen müssen», sagt Meili, verweist aber darauf, dass regelmässig darauf hingewiesen wird, Abstand zu halten. Zudem reagiert der Verein und will heute Samstag die Kontaktdatenerfassung verbessern und eine Maskenpflicht einführen.

Beim FC Sarmenstorf möchte man die Kontaktdatenerfassung verbessern und eine Maskenpflicht einführen.

Beim FC Sarmenstorf möchte man die Kontaktdatenerfassung verbessern und eine Maskenpflicht einführen.

Abstandsregeln: Weit weniger gut fällt die Bilanz aus, wenn es darum geht, wie sich die Zuschauer am Spiel verhielten. Handschläge zu Begrüssung oder Umarmungen waren fast überall zu sehen. «Das erstaunt mich nicht», sagt AFV-Geschäftsführer Hannes Hurter. «Dort, wo die Eigenverantwortung beginnt, kommen die Vereine an die Grenzen. Wir dürfen nicht vergessen, dass überall Freiwilligenarbeit geleistet wird. Es ist fast unmöglich, genügend Personal aufzubieten, um alle Massnahmen zu kontrollieren.» Allerdings wurde auch nicht überall per Speaker darauf hingewiesen, sich an die Abstandsregeln zu halten. Das wäre eine Möglichkeit, die kein zusätzliches Personal verlangt.

Bei den Zuschauern in der 2. Liga AFV ist viel Eigenverantwortung gefragt.

Bei den Zuschauern in der 2. Liga AFV ist viel Eigenverantwortung gefragt.

«Wir haben selbst viele Spiele besucht, um uns ein Bild zu machen. Unsere Beobachtungen decken sich mit Ihren», sagt Hurter. «Ich denke, im Grundsatz können wir unsere 85 Vereine loben. Von den Klubs wurde viel getan, um Spiele auch in der Coronazeit zu ermöglichen. Was wir unmöglich steuern können, ist wie sich die Fans verhalten. Da bleibt uns einzig, die Vereine zu sensibilisieren, dass sie ihre Mitglieder und Freunde immer wieder daran erinnern, mitzuhelfen.»

Wenn viele Leute ein warmes Getränk wollen

Verpflegung: Als Ende September die Temperaturen in den einstelligen Bereich gefallen sind, war es verlockend, sich in den Pausen im Klubhaus oder Restaurant aufzuwärmen. Soweit so verständlich. Allerdings führte das oft dazu, dass sich auf kleinem Raum viel zu viele Personen aufhielten. «Auch dieses Problem ist uns bekannt. Doch auch hier: Wer soll als Rausschmeisser amten?», fragt Hurter. Auch hier lässt sich festhalten, dass dies a) nicht ganz abwegig ist, doch b) ebenfalls vielerorts darauf verzichtet wurde, die Besucher wenigstens zu bitten, sich ans Konzept zu halten.

Die Haupttribüne im Stadion Altenburg wurde in drei Sektoren eingeteilt.

Sektoren im Wettinger Stadion Altenburg: Die Klubs der 2. Liga AFV bemühen sich, dass das Schutzkonzept umgesetzt wird.

Die Haupttribüne im Stadion Altenburg wurde in drei Sektoren eingeteilt.

Fazit: An den Grundkonzepten gibt es wenig zu bemängeln. Oft wurde viel getan, um das Contact Tracing so gut es geht sicherzustellen. Beispiel Niederwil: Mit mobilen Abschrankungen wurden die Besucher kanalisiert, damit sie sich eintragen.

Beispiele Gontenschwil und Mutschellen: die Besucher erhielten Armbänder für verschiedene Sektoren. Aber niemand kontrollierte es. Beispiel Schönenwerd-Niedergösgen: Es gab drei Sektoren. Doch fast alle standen im ersten und niemand schaute, dass dies nicht so ist.

Die Liste mit positiven Ansätzen liesse sich erweitern und auf alle Vereine verteilen. An der Bereitschaft, etwas zu tun, mangelt es bei den Klubs nicht. Anders sieht es aus, wenn sich die Besucher in Eigenverantwortung an die Regeln halten sollen. «Dies kann man in allen Bereichen der Gesellschaft so beobachten», sagt Hurter. «Mich nervt es, dass es Leute gibt, dich sich einfach nicht belehren lassen wollen», sagt Ponte.

Die AZ war an einem Tag Schiedsrichter. Und auch die sehen ja nicht alles.

Mitarbeit: Marcel Kuchta, Dean Fuss, Silvan Hartmann, Frederic Härri, Nicolas Blust, Nik Dömer

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