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Chantal Müller befindet sich auf dem Weg an die Spitze

Chantal Müller und ihre Stute U Tabasca sind ein eingespieltes Team.

Chantal Müller und ihre Stute U Tabasca sind ein eingespieltes Team.

Die Veltheimerin Chantal Müller und ihre Stute U Tabasca sind ein eingespieltes Team. Im Springreitsport, in dem immer mehr das Geld die Überhand gewinnt, behauptet sie sich mit jeder Menge Harmonie.

Chantal Müller sitzt auf der Veranda ihres Elternhauses. Der offizielle Arbeitstag ist zu Ende, sie geniesst die Mittagspause. Ihr Vater Hans-Peter ist auf dem Sprung zur Arbeit, erzählt daher nur kurz von den Ereignissen der vergangenen Wochen. Der Stolz über die jüngste Entwicklung und die Resultate von Tochter Chantal ist spürbar. Schwester Adrienne (19), selbst ambitionierte Springreiterin, ist auf dem Weg nach Deutschland, um ein Pferd abzuholen. Es bleibt wenig Zeit, alles scheint hektisch.
Und Trotzdem ist alles akribisch geordnet bei der Familie Müller. «Alle sind sehr engagiert und helfen, wo sie nur können», beschreibt Chantal Müller. Die Grosseltern beispielsweise stehen fast jeden Morgen im Stall, um zu misten.

Ganze zehn Pferde betreut die Familie, die meisten aus eigener Zucht. Chantal, Adrienne und Marielle (12) haben dabei ihre eigenen Pferde, die sie an Turnieren jeweils einsetzen. Dass es dabei zum familieninternen Konkurrenzkampf kommt, scheint logisch: «Wir haben alle in etwa dieselben Ziele. Da fühlt sich schon mal jemand etwas benachteiligt», sagt Chantal Müller. «Natürlich gönnen wir uns die Erfolge untereinander von Herzen. Es beschäftigt einem aber auch, wenn es bei den Geschwistern gut läuft, man sich selber jedoch mit Schwierigkeiten konfrontiert sieht.»

Im Ausland viel gelernt

Das momentan beste Pferd im Stall ist U Tabasca. Sie ist das Championats-Ross von Chantal Müller. Die 11-jährige Schimmelstute begleitet sie seit ihrem 14. Lebensjahr. Gemeinsam haben sie das Springreiten erlernt. Zusammen haben sie sich weiterentwickelt. Heute vor zwei Wochen durfte die 21-jährige Nachwuchshoffnung ihren bisher grössten Erfolg feiern. In Aachen, dem Mekka des Pferdesports, klassierte sie sich am gutbesetzten CHIO mit U Tabasca auf dem hervorragenden 4. Schlussrang. Mitten in der Weltspitze also.

Die Wildcard zum Turnier in Aachen erhielt sie dank der Young Riders Academy des Internationalen Springreiter-Verbandes. Fünf Talente aus ganz Europa sind in diesem einjährigen Programm, das heuer zum ersten Mal durchgeführt wurde. Nebst verschiedenen mehrtägigen Kursen zur Persönlichkeitsbildung beinhaltet die Aufnahme ein Stipendium für einen sechsmonatigen Aufenthalt bei einem Spitzenreiter im Ausland. Müller war zunächst beim belgischen Pferdehändler Gilbert de Roock, dann beim deutschen Weltklassespringer Ludger Beerbaum. «Vor allem von Ludger konnte ich enorm profitieren und lernte viel über mich und meine Pferde», sagt Müller. Es gefiel ihr in Deutschland derart, dass sie zum Schluss gar ihre Mutter Annette nach Hause holen musste, erzählt Müller mit einem Lachen.

Mit dabei auf ihrer Reise war unter anderem Müllers Spitzenpferd U Tabasca. «U Tabasca bringt alles mit, was man sich als Reiter wünschen kann», sagt Müller. Leistungsbereitschaft, Willensstärke und Motivation sind nur drei der hervorragenden Attribute, die ihre Reiterin hervorhebt.

Eingespieltes Team

U Tabasca ist ein absoluter Glücksfall für Müller. «Sie gibt mir enorm viele Möglichkeiten. Ich weiss nicht, ob ich ohne sie da wäre, wo ich jetzt stehe», sagt sie. Seit sieben Jahren sind die beiden ein Team. Die Verbindung, die sie zusammen pflegen, ist in diesem Sport zur Seltenheit geworden: «U Tabasca gehört zur Familie.» Gerade in der Schweiz, in der es viele gute Reiter gibt, spielt das Geld eine grosse Rolle. «Es ist sehr bestimmend, auch wenn ich natürlich lieber hätte, wenn es nicht so wäre», sagt Müller.

Umso mehr steigert dies die Wichtigkeit des eigenen Spitzenpferdes. Auf die Hilfe eines lukrativen Sponsors muss die Nachwuchsreiterin noch verzichten. Dafür muss sie sich zuerst in der Weltelite behaupten. Was wiederum starke Resultate mit U Tabasca bedingt. «Mein Pferd hebt sich insofern von anderen ab, als dass es konstant gute Leistungen bringt.»

Das Problem, dass Stuten als kompliziert und eigenwillig gelten, kennt Müller nicht: «Wenn man sie auf seiner Seite hat, dann machen sie alles für einen.» Umgekehrt macht Familie Müller alles für ihre Pferde. Chantal arbeitet zu 50 Prozent jeweils am Morgen auf dem Hof bei ihrer Trainerin Heidi Hauri.

Hauri gewann 1984 in Los Angeles Olympia-Bronze. Heute betreibt Hauris Bruder Max im Familienbetrieb einen Handelsstall in Seon. Chantal Müller hilft dort im Stall und reitet junge Pferde aus. Diese darf sie dann auch an kleineren Turnieren einsetzen, wie zuletzt am vergangenen Donnerstag im luzernischen Hitzkirch.

Ausgefüllter Tagesplan

Am Nachmittag kümmert sie sich um die eigenen Tiere: «Zehn Pferde zu betreuen, ist ein Riesenaufwand. Da bin ich um jede Unterstützung froh», erzählt Müller. Nebst dem Unterhalt braucht jedes Pferd ein individuelles, auf seinen Charakter und sei Turnierprogramm abgestimmtes Training. «Für das Tier ist es wichtig, dass es viel Abwechslung bekommt, damit die Motivation hoch bleibt.» Eine eigentliche Pause gibt es dabei nie. Die Pferde brauchen täglichen Auslauf, auch wenn es nur in die nahen Berge geht. «Das ist dann so was wie Ferien für sie.»

Zu kurz kommen dann manchmal die eigenen Bedürfnisse: «Ich stehe um 6 Uhr auf. Der Tag geht dann meist bis zirka 18.00 Uhr. Danach bin ich manchmal so müde, dass ich um 20.00 Uhr bereits schlafen gehe», erzählt Müller. Am Wochenende stehen meist Turniere in der Schweiz und im Ausland auf dem Plan.

Umso gelegener kommt es Müller, wenn sie beispielsweise während ein paar Tagen auf die Skipiste kann: «Das ist wichtig, um den Kopf zu lüften.» Oder, wenn sie in der Mittagspause mal etwas die Beine hochlagern darf. Wirklich Pause hat sie aber auch dann nicht. Entweder steht ein Interviewtermin auf dem Programm, oder der Hund Xara benötigt etwas Aufmerksamkeit. Schlimm findet sie das aber nicht: «Ich lebe meinen Traum und bin meiner Familie dafür unendlich dankbar.»

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