Analyse
Winterspiele in der Wüste Saudi-Arabiens: Eine absurde Idee nimmt Formen an

Es gibt zwar Berge. Aber diese sind staubtrocken und die Temperatur fällt selten unter 8 Grad. Trotzdem werden 2029 die asiatischen Winterspiele in Saudi-Arabien durchgeführt. Ein weiteres Beispiel dafür, dass das Machtzentrum des Sports auf der arabischen Halbinsel zu Hause ist.

François Schmid-Bechtel
François Schmid-Bechtel
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Wie man sich in Saudi-Arabien den Wintersportort Trojena vorstellt, wo 2029 die asiatischen Winterspiele stattfinden werden.

Wie man sich in Saudi-Arabien den Wintersportort Trojena vorstellt, wo 2029 die asiatischen Winterspiele stattfinden werden.

saudigulfprojects.com

Und wann findet Olympia auf dem Mond statt? Die Vergabe von sportlichen Grossanlässen wird immer bizarrer. Schon die Winterspiele 2014 waren mehr als fragwürdig. Allein, weil im russischen Sotschi keine Infrastruktur vorhanden war und Bewohner zwangsenteignet wurden. Danach die dekadenten Retorten-Spiele 2022 in Peking. Und bald die Fussball-WM in Katar.

Es ist gerade in Mode, sportliche Mega-Events möglichst an Orte zu vergeben, die wir nicht mit diesen in Verbindung bringen. Die jüngste Vergabe bildet den Gipfel dieser Absurdität: asiatische Winterspiele in Saudi-Arabien im Jahr 2029.

Wir könnten uns zurücklehnen und sagen: Was kümmern uns Asiens Winterspiele? Schliesslich sind sie eine kontinentale Angelegenheit. Aber es sind die gleichen Funktionäre, die in Saudi-Arabien Potential für Wintersport ausmachen und gleichzeitig grossen Einfluss im Internationalen Olympischen Komitee (IOC) haben. Also diejenigen, die den Deutschen Thomas Bach zum IOC-Präsidenten gemacht haben. Diejenigen, deren Macht im Sport stetig wächst, weil ihre Länder und Herrscher grenzenlos Mittel zur Verfügung stellen.

So soll der Wintersportort Trojena aussehen.

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Auf der arabischen Halbinsel tobt ein irrer Wettstreit

Manchester City? Gehört der Herrscherfamilie von Abu Dhabi. Paris Saint Germain? Wird vom katarischen Staatsfond alimentiert. Newcastle United? Gehört einem saudischen Fond, der über eine Finanzkraft von geschätzt 400 Milliarden Euro verfügt. Die Formel 1? Macht sowohl in Katar wie in Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten Halt. Und die weltbesten Athletinnen und Athleten aus Leichtathletik, Radsport, Tennis und Schwimmen treten regelmässig in Katar auf.

Auf der arabischen Halbinsel tobt ein irrer Wettstreit um Stars, Events und Macht im internationalen Sport. Warum? Weil der Sport ein optimales PR-Vehikel ist, mit dem man alle Dinge zu verwischen glaubt, die im Westen angeprangert werden wie Menschenrechte, freie Meinungsäusserung oder die aktive Rolle in einem Krieg (Saudi-Arabien in Jemen). Aber der Sport dient auch dazu, dem Westen zu signalisieren: Schaut her, wir sind gar nicht so anders. Oder: Was ihr könnt, können wir noch besser.

700 Millionen Dollar für Tiger Woods

Dabei hat Saudi-Arabien insbesondere gegenüber Katar etwas Nachholbedarf. Die Machthaber von Riad haben vergleichsweise spät die politische Kraft des Sports erkannt. Weshalb man nun mit aberwitzigen Summen hantiert. Beispielsweise, um Tiger Woods für eine Golf Serie zu ködern. 700 Millionen Dollar soll man dem Amerikaner geboten haben.

Aber nicht immer kriegt man, was man will. Auch in Saudi-Arabien nicht. Woods lehnte ab. Auch das Projekt einer internationalen Super-Liga im Fussball, die mit Geldern aus Saudi-Arabien hätte finanziert werden sollen, ist noch nicht Tatsache geworden.

Aber nun kriegen sie die asiatischen Winterspiele. Wie absurd das ist, zeigt allein, dass Saudi-Arabien erst dieses Jahr erstmals an Olympischen Winterspielen vertreten war. Mit einem Athleten, der im Riesenslalom gestartet ist. Egal: Was man nicht hat, kann man sich beschaffen, so die Denkweise am Golf.

Wintersportort für die Megacity Neom

Beschaffen tun sie sich in Saudi-Arabien gerade so einiges. Unter anderem haben sie mit dem Bau des Prestigeobjekts Neom begonnen: Eine 170 Kilometer lange Megastadt für fast zehn Millionen Menschen. Dazu, etwa 50 Kilometer entfernt, die Berg-Depandance Trojena am Fuss der 2400 Meter hohen Sarawat-Berge.

Dort ist es staubtrocken, fällt kein Schnee und das Thermometer kaum unter acht Grad. Aber man verspricht, spätestens bis 2029 «eine Winteratmosphäre im Herzen der Wüste zu schaffen». Wahrscheinlich gelingt das sogar, auch mit künstlichem Schnee.

Wir können lange wettern über Sportwashing, totalitäre Regime und Unrechtsstaaten auf der arabischen Halbinsel. Aber wir müssen auch konstatieren, dass gerade jetzt, wo bei uns die Rohstoffe knapp werden, viele westliche Politiker als Bittsteller bei ihren als Schurken verschrienen Amtskollegen vorsprechen, weil man es im Westen verpasst hat, sich zu emanzipieren.