Magglingen-Protokolle
Aargauer Turnverband wehrt sich gegen Generalverdacht: «Manchmal sagen Eltern, wir sollen strenger sein»

Nach den jüngsten Vorwürfen im nationalen Kunstturnen wehrt sich der Aargauer Turnverband gegen pauschale Vorverurteilungen. David Huser, Leiter Spitzensport, sagt: «Nicht das System ist das Problem. Sondern der Umgang mit Menschen.»

Martin Probst
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Das Kunstturnen steht einmal mehr unter Generalverdacht.

Das Kunstturnen steht einmal mehr unter Generalverdacht.

Colin Frei.

Es scheint, als ob die Zeit im Kunstturnen stehen geblieben ist. 13 Jahre ist es her, da erhoben die Eltern von vier Turnerinnen schwere Vorwürfe gegen Trainer Eric Demay und bemängelten den Führungsstil im nationalen Turnzentrum in Magglingen. Nun wiederholte sich die Geschichte, als zwei Kunstturnerinnen im «Magazin» Missstände rund um das Training von Fabien Martin schilderten, die an das erinnern, was damals passierte. Hat sich in all den Jahren also nichts verändert?

«Als ich die Geschichte las, stellte ich mir die Frage: Bin ich tatsächlich selbst ein Teil dieses Systems?»
Gefragt hat sich dies David Huser. Er ist Leiter Spitzensport beim Aargauer Turnverband und zuständig für das Regionale Leistungszentrum in Niederlenz. Dort werden Talente unter der Leitung von Trainer Renato Gojkovic auf den Übertritt nach Magglingen vorbereitet. Und das sehr erfolgreich. Von sechs Frauen im Schweizer Nationalkader sind aktuell vier aus dem Aargau.

In Gesprächen sollen Probleme erkannt werden

Also, Herr Huser, sind Sie Teil eines Systems, das den Wandel zum Guten offenbar nicht vollzieht? «Das sind wir alle», sagt Huser. «Aber ich glaube nicht, dass das System das Problem ist. Sondern der Umgang mit Menschen. Und dieser ist bei uns vorbildlich. Wir tauschen uns regelmässig mit den Eltern, den Turnerinnen, der Lehrerin der Sportschule und dem Verbandsarzt aus. Alle haben meine Nummer und können mich erreichen.»

David Huser.

David Huser.

Zur Verfügung gestellt

Seit 18 Jahren ist Gojkovic schon Trainer in Niederlenz. Das spricht für seine Arbeit. Doch was sagt er zur Kritik, dass sich das Kunstturnen nicht wandelt? Als vor 13 Jahren Eric Demay als Trainer in Magglingen entlassen wurde, besuchte diese Zeitung in Niederlenz ein Training und stellte Gojkovic die Frage: Gehören Tränen im Kunstturnen dazu? Seine Antwort damals: «Ich kann auch laut werden. So hören mir die Mädchen zu. Ich habe aber den Grundsatz, dass ich keine beleidigenden Worte wähle.»

Als wir Gojkovic mit den Aussagen von damals konfrontieren, muss der Kroate schmunzeln. «Ich bin ruhiger geworden», sagt er. «Meine Methoden haben sich angepasst. Ich bin weniger impulsiv und versuche, Stresssituationen zu vermeiden. Ich bin nicht fehlerfrei, niemand ist das. Aber ich will die Situation immer schnell klären, damit alle mit einem guten Gefühl aus der Halle gehen können. Das gelingt nicht immer. Aber oft.» Seine Trainingsmethoden haben sich gewandelt.

Renato Gojkovic.

Renato Gojkovic.

Zur Verfügung gestellt

Gojkovic stört es, dass das Kunstturnen nun generell auf der Anklagebank sitzt. Dass er als Trainer quasi vorverurteilt wird. «Wissen Sie», sagt er. «Es kommt vor, dass Eltern zu mir kommen und sagen: Sie müssen strenger mit unserer Tochter sein, sie macht sonst zu wenig Fortschritte.» Darauf eingehen würde er nicht und bemängelt stattdessen: «Oft hinterfragen sich die Turnerinnen dadurch grundlos selbst. Dann wird es zu meiner Aufgabe als Trainer, die Situation zu entspannen.» Druck bringe in solchen Momenten nichts.

In anderen Situationen aber manchmal schon. «Es kommt vor, dass es Ansporn braucht», sagt Gojkovic. «Dass wir den Ehrgeiz der Turnerinnen mit Kritik wecken». Die Arbeit des Trainers wird so zu einer Gratwanderung zwischen Anreize schaffen und ungesunden Stress vermeiden. David Huser sagt: «Wir haben eine offene Feedbackkultur. Ich vertraue darauf, dass bemängelt würde, wenn etwas falsch läuft.» Gojkovic sagt: «Kunstturnen ist ein Einzelsport und jeder Mensch ist anders. Darum muss man jede Turnerin individuell trainieren.» Anders gesagt: Was bei einer Athletin zu Stress führen kann, beflügelt eine andere.

In der Schule gibt es auch Leistungsklassen

Bleibt die Frage, ob es einen noch stärkeren Wandel braucht, nicht nur im Umgang mit den Menschen, sondern allgemein im Kunstturnen? Gojkovic sagt: «Man darf nicht vergessen, dass wir Leistungssport betreiben. Ich kann Kritik an der Leistungskultur darum nicht verstehen. Wenn die Noten für die Bezirksschule zu schlecht sind, muss die Schülerin in die Sekundarschule. Das hinterfragt niemand. Wenn im Kunstturnen die Leistung nicht stimmt, um in einem Kader zu bleiben, wird das von manchen als Drohung dargestellt.»