Deitingen
Wie Beat Jäggi seine Freiheit wiederfand

Der 88-Jährige hat mit einem Spezial-Velo aus Holland für Menschen mit Gehproblemen den Weg zurück ins mobile Leben gefunden. Seither fährt er lieber Fahrrad als Auto.

Simon Binz
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Sobald die Sonne scheint, ist Beat Jäggi auf Achse. Simon Binz

Sobald die Sonne scheint, ist Beat Jäggi auf Achse. Simon Binz

Solothurner Zeitung

Früher trieb Beat Jäggi viel Sport, spielte Fussball, spazierte nach seiner Pensionierung jeden Tag mit seinem Hund durch den Wald. Vor 16 Jahren bemerkte er, dass sich Probleme beim Laufen einschleichen. Als die Gehschwierigkeiten schlimmer wurden, liess er sich bei einem Professor in Bern untersuchen. Die Diagnose: Muskelschwund. «Im Fachjargon Muskeldystrophie», sagt Beat Jäggi. Über die Jahre sei es immer schlimmer geworden. «Dass ich diese kleinen, aber für mich sehr wichtigen Dinge im Leben, dann nicht mehr erleben konnte, war eine grosse Umstellung für mich», sagt Jäggi nachdenklich. Gehen könne er schon noch, aber nur mit Stöcken. Wahrscheinlich dauere es nicht mehr so lange, bis seine Beine gar nicht mehr belastet werden können, mutmasst der 88-Jährige.

«Ich bin wieder mobil»

Vor eineinhalb Jahren kaufte er bei Ellen Rondeel in Obergerlafingen ein Spezial-Velo der Firma Fahriante. «Damit bin ich wieder mobil und kann Orte besuchen, die mir wichtig sind». Das Gefühl von Freiheit sei zurück, wenn man nicht mehr in der Stube festsitzt. Vor dem Kauf habe der damals 87-Jährige gesagt, er wolle versuchen, auf die Anhöhe beim Wald in Deitingen raufzufahren. «Weil dies einer seiner liebsten Plätze ist und er ihn früher, als er noch gut gehen konnte, immer mit seinem Hund besuchte», sagt Ellen Rondeel. «Hätte ich das mit dem Velo nicht geschafft, hätte ich es nicht gekauft», sagt Beat Jäggi und lacht. Gefahren sei er dann, aber nur noch ein oder zweimal im Wald, weil die Strecke dem Velo schade.

Charme, Offenheit und Witz

Seine Tour führt ihn stets von Deitingen, über Horriwil und Hüniken, dann nach Halten und von dort wieder Richtung Deitingen nach Hause. Gute 25 Kilometer sind es täglich, immer dann, wenn einigermassen die Sonne scheint. Die Strassen seien wegen der Bauern alle geteert worden, und zum Fahren mit dem Velo natürlich perfekt. Ein Auto habe er zwar auch noch, aber benutze es nur noch selten. «Ich bin ein Mensch, der sich bewegen will» erklärt Jäggi, und fügt lachend an: «Ich glaube, das Auto habe ich dieses Jahr nur einmal getankt». In den letzten eineinhalb Jahren hat er so mit seinem Fahrrad beeindruckende 3000 Kilometer zurückgelegt. Wahrscheinlich sogar erheblich mehr, denn der Kilometerzähler wurde erst zwei Monate nach Erhalt des Velos nachgerüstet.

Mit viel Charme, Offenheit und Witz erzählt Jäggi von seiner wiedergewonnen, mobilen Unabhängigkeit. Für ihn sei das Fahrrad, wie eine Art physische und psychische Therapie zugleich. Es fällt auf, welch hohen Stellenwert das Velo für ihn hat. «Es hilft meinem Körper und meinem Geist», sagt Jäggi und schaut sogleich nach draussen, denn die Wolken scheinen sich zu lichten und die Sonne kommt hervor. «Vielleicht kann ich heute sogar noch eine Runde drehen», sagt er, und die Vorfreude ist hörbar.

Immer noch selbstständig

Anno 1954 hatte Familie Jäggi ihr Heim in Deitingen errichtet. «Das erste Haus in der Solothurnstrasse» erklärt Beat Jäggi stolz. Ein gebürtiger Deitinger sei er, dort aufgewachsen, zur Schule gegangen und in Derendingen die Bezirksschule besucht. Sein grosses Hobby vor seiner Krankheit sei der Garten gewesen. «Die Fläche da draussen. das war früher einmal alles voller Gemüse», sagt Jäggi und zeigt auf das Land neben seinem Haus, wo jetzt beinahe nur noch Rasen ist. Wenn seine Tochter nicht zwischendurch ein bisschen jäten würde, dann wäre da wohl ein riesiger Wald aus Unkraut, mutmasst Jäggi. «Meine Frau ist vor eineinhalb Jahren verstorben. Jetzt führe ich den Haushalt alleine. Putzen kann ich zwar nicht mehr, aber kochen. Und meine Kommissionen erledige ich immer noch selber.»

Das Velo kommt vor dem Auto

Beat Jäggis Blick schweift über ein iPad, das auf dem Tisch liegt. Die Familie habe ihn beinahe gezwungen, das Ding zu benutzen, sagt er lachend. «Eine meiner Urenkelinnen hat mir einmal gesagt, sie werde bewundert, wenn andere hören, dass ihr Urgrossvater, E-Mails an sie schickt», erzählt Jäggi mit einem stolzen, ansteckenden Lächeln. Dieses Lächeln, das immer wieder auftaucht, wenn er von Dingen redet, die ihm im Leben wichtig sind, wie zum Beispiel von seiner Familie.

Draussen in der Garage steht sein Velo, das Auto steht davor – jedem Wetter ausgesetzt. Das wichtigere Gefährt, sein Heiligtum, wird vor dem Regen geschützt. Er steigt auf das Fahrrad, zieht seine Fahrerkappe an und tritt kräftig in die Pedale. Auf einem Weglein zwischen Maisfeld und Büschen wird das Foto gemacht. Beat Jäggi blickt zum jetzt strahlend blauen Himmel. «Also, ich gehe dann direkt meine Tour fahren», sagt er mit einem strahlenden Gesicht, und braust Sekunden später auch schon davon.