Solothurn Masterplan
«Masterplan»-Architekten wollen die Stadt nicht der Politik ausliefern

Architekten mischen sich in die Stadtplanung ein – und setzen vermehrt auf publikumsnahe Aktionen: «Wir wollen den Leuten Architektur und Städtebau näherbringen.»

Christof Ramser
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Urs Allemann, Daniele Grambone, Diego de Angelis (v.l.) vom Verein Solothurn Masterplan fehlt eine umfassende Übersicht der geplanten Grossprojekte in der Stadt. Im Vordergrund zeigt ein Plan zentrale Leerflächen in Solothurn (gelb), die in ihrer Gesamtheit der Fläche des «Weitblick»-Areals (rosa) entsprechen.

Urs Allemann, Daniele Grambone, Diego de Angelis (v.l.) vom Verein Solothurn Masterplan fehlt eine umfassende Übersicht der geplanten Grossprojekte in der Stadt. Im Vordergrund zeigt ein Plan zentrale Leerflächen in Solothurn (gelb), die in ihrer Gesamtheit der Fläche des «Weitblick»-Areals (rosa) entsprechen.

Hanspeter Bärtschi

Neulich am Solothurner Ritterquai: Zwischen den Tennisplätzen der Schützenmatt und der Aare umspannt in fünf Metern Höhe ein rotes Netz den Raum. Passanten bleiben stehen, neigen den Kopf zur Seite, fragen: Was passiert hier? Ist das Kunst? Eine Frau schüttelt den Kopf: Soll etwa dieser schöne Erholungsraum zugebaut werden? «Warum nicht?», fragt Urs Allemann zurück. Der Architekt ist Mitglied des Vereins Solothurn Masterplan – jenes Zusammenschlusses, der sich in die städtebauliche Entwicklung von Stadt und Region Solothurn einmischt, der überraschen will und auch mal provoziert.

Die temporäre Installation am Ritterquai war eine Aktion von Masterplan. «Es sollte ein Denkanstoss sein», sagt Allemann. «Wir wollen zeigen: Ihr Solothurner lebt in einer attraktiven Stadt mit viel Raum. Überlegt Euch, was hier an bester Lage möglich wäre statt Parkplätzen, Containern und einer weitgehend ungenutzten Zufahrtstrasse.»

Eine Antwort gibt der Architekt gleich selbst: Wohnungen und Gewerbe etwa, der Aare entlang ein Velo- und Fussweg, eine Arkade mit Kaffees. Und die Tennisplätze? Tennisspielen, so Allemann, könne man auch auf dem Dach.

Planlose Planung?

Chef-Stadtplaner setzt auf Ortsplanung

Für Daniel Laubscher, Chef Stadtplanung in Solothurn, kommt der Vorwurf der fehlenden Koordination über die städtischen Grossprojekte nicht überraschend. «Wir sind dran», sagt Laubscher. Im Rahmen der Ortsplanungsrevision soll eine Gesamtübersicht entstehen. Man stecke mitten in der Arbeit, doch bis ein Masterplan stehe, sei es ein langer Prozess. Laubscher sagt, er stehe mit dem Verein Solothurn Masterplan in Kontakt, und er schätze diese Privatinitiative als Ideengeber. «Im Gegensatz zu ihnen habe ich aber nicht dieselbe Narrenfreiheit.» So könne er Grundeigentümern nicht vorschreiben, was auf deren Land gebaut werden soll. Private können nicht gezwungen werden, sonst gerate man in Konflikt mit den Grundrechten, die das Eigentum garantieren. «Zudem bin ich als Stadtplaner für die Gesamtöffentlichkeit verantwortlich, ich muss Behörden und die Bevölkerung mit einbeziehen.» Hinzu kämen soziologische Aspekte oder Fragen über den Verkehr. Bis Ende 2014 soll ein Stadtentwicklungskonzept erarbeitet werden, ein Jahr später soll der Entwurf für einen Masterplan stehen, 2017 verbindliche Zonenpläne. (crs)

Politiker zieren sich

Mit Aktionen wie jener am Ritterquai will «Masterplan» näher an die Bevölkerung. Denn der Funke zur Politik sei, anders als erhofft, nicht gesprungen. Politiker, so habe man im Verein festgestellt, seien in den wenigsten Fällen Städtebauer oder Raumplaner, sondern verfolgten, je nach Parteifarbe, partikulare Interessen. Dass kein Gemeinderat in Solothurn zu einem Vorstoss für eine Finanzierung eines «Masterplans» bewegt werden konnte, also eines übergeordneten Plans mit Alternativen zur heutigen Planung, war eine Ernüchterung.

«Wir haben gesehen, dass wir auf diese Art nichts erreichen», sagt Diego de Angelis. Man habe zwar vor den meisten Parteispitzen einen Vortrag gehalten, bis auf wenige Politiker habe jedoch niemand reagiert. Die Strategie mit direkten Aktionen, glaubt de Angelis, sei erfolgreicher, um auf die Anliegen von Masterplan aufmerksam zu machen: die Ausdehnung auf der unbebauten Fläche einzudämmen und die Stadt dort weiterzuentwickeln, wo sie bereits gebaut ist.

Dabei ginge es nicht darum, bloss der wirtschaftlichen Nachfrage zu genügen. Als Negativbeispiel erwähnt Architekt Daniele Grambone die Überbauung auf der Sphinxmatte, wo durch Wohn- statt Gewerberäumen im Erdgeschoss kein neuer Stadtteil entstehe. Den Einwand, dass die Wohnungen rasch verkauft wurden, lässt Grambone nur bedingt gelten. «Die Nachfrage ist schon vorhanden. Aber das ist sie auch nach einem Aldi oder einem Lidl.»

Kurzsichtig beim «Weitblick»

Kernpunkt der Kritik von Masterplan ist das «Weitblick»-Areal entlang der Westumfahrung, das von der Stadt gekauft wurde und nun teuer veräussert werde. «Ein Riesengeschäft», sagt Urs Allemann – und die logische Konsequenz, schliesslich sei das Land mit Steuergeldern erworben worden. Doch einfach Landwirtschaftsland einzuzonen und dieses mit möglichst viel Profit zu verkaufen, sei der falsche Weg. «Das führt zu keiner Stadt.» Er hinterfragt etwa die Absicht, Richtung Bahngleis Wohnhäuser und an der Aare Gewerbegebäude zu bauen. «Die Stadt hat das Gebiet gekauft, die Stadt garantiert, dass es gut kommt. Eine weitverbreitete Haltung», moniert Allemann.

Es brauche einen weiteren Schritt, um die Planung der nächsten Generation zu überlassen. «Sie braucht auch eine Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln.» Solothurn habe eine üppige Geschichte, auch architekturhistorisch. Das werde oft zu wenig berücksichtigt.

Die Installation am Ritterquai mit dem roten Band löste unterschiedliche Reaktionen aus
6 Bilder
Die Leerflächen (gelb) in der Stadt Solothurn entsprechen in ihrer Gesamtheit dem Weitblick-Areal im Westen (rosa). Grünanlagen sind grün markiert.
Die Leerflächen (gelb) in der Stadt Solothurn entsprechen in ihrer Gesamtheit dem Weitblick-Areal im Westen (rosa). Grünanlagen sind grün markiert.
Provokativer Denkanstoss des Vereins Solothurn Masterplan: Das Hotel Krone mit einem zusätzlichen Geschoss
Bahnhof am Wasser: Collage des Vereins Solothurn Masterplan der Hafenanlage mit Bahnhof Obach nach Idee von Andreas Merian 1854
Schönste Barockstadt der Schweiz? Der Verein Masterplan stellt den Werbespruch mit einer Stadtansicht von Süden auf das markante Gebäude Perron 1 infrage.

Die Installation am Ritterquai mit dem roten Band löste unterschiedliche Reaktionen aus

AZ

Kritik von Kollegen

Mit ihrer Aufforderung zur Denkpause, gar zum Baustopp, machen sich die Masterplan-Architekten nicht nur Freunde. Kritik kommt gar von Berufskollegen. Der SIA, der grösste Berufsverband, wolle die Diskussion über die Stadtplanung mit dem Verein nicht führen.Der BSA hingegen, eine andere Berufsvereinigung, unterstütze den Verein.

Die drei Architekten breiten eine grossformatige Collage des Solothurner Stadtgebiets auf dem Tisch aus. Hervorgehoben sind sämtliche geplante Überbauungen. «So eine Übersicht fehlt in der Stadt, man denkt punktuell und macht sich zu wenig Gedanken über das Gesamte.»

Am unteren linken Rand klebt ein grosses Stück Papier in Hufeisenform, darauf zu sehen sind viele schwarze Punkte: die Wasserstadt, jenes Grossprojekt mit der künstlichen Flussschlaufe, das von Herzog & de Meuron realisiert werden soll. Sie kommt bei Masterplan nicht gut weg.

Daniele Grambone stellt die Machbarkeit infrage: «Wir sind eine kleine Stadt. Es ist mit Risiken verbunden, so ein Projekt auf einmal zu realisieren.» Zudem werde für viel Geld Land urbar gemacht, das dann mit der profansten Nutzung bebaut werde, mit Wohnbauten. «Und dies in einem Masse, das heute nicht mehr ökologisch nachhaltig und zeitgemäss ist.» Vor 500 Jahren, wirft Allemann ein, sei dreimal dichter gebaut worden. Die Stadt solle vorsichtiger umgehen mit ihren Landreserven.

Und der Stadtmist? Das verseuchte Gelände müsse zwar saniert werden, die Finanzierung aber nicht zwingend mit einer Überbauung sichergestellt werden. Solvente Steuerzahler könne man auch in die Stadt holen, indem die bestehende Siedlung sofort weiter nach innen entwickelt werde – sprich: verdichtet wird.

Näher zu den Leuten

Um seine Ideen umzusetzen, ist der Verein auf der Suche nach finanzieller Unterstützung, etwa via Stiftungen. «Unser Traum wäre es, eine Arbeitsstelle schaffen zu können, damit sich jemand dem Masterplan annehmen kann», sagt Urs Allemann. Dass die Architekten selber an Aufträgen interessiert sind, verneinen sie. «Wir wollen den Leuten Architektur und Städtebau näherbringen.»

Dafür planen sie nach der Installation am Ritterquai weitere publikumsnahe Aktionen. Wo und in welcher Form, bleibt geheim. In Solothurn, so glauben die Masterplaner, sei viel mehr Potenzial vorhanden, als oft auf bürokratische Weise vermittelt werde. Es ist ihr Weg, um zu überraschen, zu provozieren, und um aufzurütteln.

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