Lesung
Lisbeth Herger schrieb ein Buch über das Leben von Pauline Schwarz, die als «moralisch defekt» bezeichnet wurde

Im Staatsarchiv in Solothurn stellte Lisbeth Herger ihr Buch über Pauline Schwarz vor. Die insgesamt neun Jahre in der Psychiatrie Langendorf, im Gefängnis und in der damaligen Zwangsarbeitsanstalt Schachen verbrachte.

Susanna Hofer Jetzt kommentieren
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Ausschnitt vom Cover des Buches moralisch defekt: Pauline Schwarz zwischen Psychiatrie und Gefängnis.

Ausschnitt vom Cover des Buches moralisch defekt: Pauline Schwarz zwischen Psychiatrie und Gefängnis.

pd

«Es ist sehr hilfreich, diese Geschichte zu hören. Meine Schwester hat sie mir vorgelesen», sagte eine Frau aus dem Publikum. Ihre Mutter sei selber eine «Versorgte» gewesen. Die Frau bedankte sich bei Lisbeth Herger; die Biografin und Journalistin stellte im Staatsarchiv des Kantons Solothurn ihr neuestes Buch «Moralisch defekt: Pauline Schwarz zwischen Psychiatrie und Gefängnis» vor. Schwarz hatte durch ihren Ehemann den Heimatort Hessigkofen.

«Die Tochter von Pauline Schwarz, in deren Auftrag ich das Buch schrieb, glaubte lange, dass ihre Mutter eine psychisch kranke Triebtäterin war», erzählte Lisbeth Herger. Denn das war das Bild, das bis in die 60er-Jahre des letzten Jahrhunderts durch Behörden und Ärzte von ihr und vielen anderen vermittelt wurde.

Pauline Schwarz lebte von 1918 bis 1982 und stammte aus armen Verhältnissen, sie hatte nur eine kurze Schulbildung genossen und als Frau bekam sie wenig Chancen; sie hatte fünf Kinder von verschiedenen Männern, die ihr alle bis auf eines weggenommen wurden.

Kleinere Diebstähle und Betrügereien

Da sie wahrscheinlich anders als die Männer in der Zwangsarbeitsanstalt Schachen Deitingen keinen noch so geringen Lohn bekam, beging sie in der Not kleinere Diebstähle und Betrügereien, bis sie wieder irgendwo eine Stelle als Magd fand. Sie wurde in den Akten als «liederlich, arbeitsscheu und egoistisch» bezeichnet. Sie sei «moralisch defekt» und dies sei nicht heilbar.

Autorin Lisbeth Herger bei einer Lesung.

Autorin Lisbeth Herger bei einer Lesung.

Sabine Rock / zvg

«Wer nicht ins bürgerliche Schema passte, als arbeitsscheu galt, trank oder mehrere Sexualpartner hatte, lief Gefahr, weggesperrt zu werden», so Herger. Schwarz verbrachte so insgesamt neun Jahre in der Psychiatrie Langendorf, im Gefängnis und in der damaligen Zwangsarbeitsanstalt Schachen.

Im Schachen herrschten Regeln wie in einem Gefängnis: Von fünf Uhr morgens bis abends um sieben musste hart gearbeitet werden, Besuch war einmal im Monat erlaubt, das Essen war karg, beim Arbeiten war das Reden verboten, um 20 Uhr wurde das Licht gelöscht. In der Hausordnung hiess es unter anderem:

«Schleckereien, die den Insassen zugesendet werden, werden vernichtet.»

Hergers Motivation, solche Schicksale zu recherchieren und zu beschreiben: «Ich wuchs selber im Napfgebiet auf, quasi mit Blickkontakt zu Pauline Schwarz’ letztem Wohnort. Auch wir waren arm, doch in den intellektuellen Kreisen, in die ich später kam, war das kein Thema.»

Auch der Vater ihres Mannes sei ein Verdingbub gewesen, und sie beide wollten erfahren, was mit dessen Mutter passiert sei. So sei ihr erstes Buch entstanden. «Es ist auch politisch wichtig. Was passiert heute mit den Armen?» Vor allem das Zusammenspannen von Justiz und Psychiatrie sei noch wenig erforscht.

Aufwendige Recherchen

Staatsarchivar Stefan Frech gab dem Publikum einen Abriss zur damaligen Situation der «administrativ Versorgten» und zur Situation heute:

«In fast 95 Prozent der Fälle können wir im Staatsarchiv Gesuchstellern helfen, Akten zu ihren Angehörigen oder Bekannten zu finden.»

Es sei allerdings aufwendig, da in 35 verschiedenen Beständen recherchiert werden könne. Im Falle von Pauline Schwarz kam hinzu, dass diese achtmal ihren Namen änderte.

«Pauline Schwarz gab nie auf», resümierte Herger, «am Ende fand sie im Napfgebiet doch noch ein kleines Glück mit einem Ehepartner, der sie liebte; und sie konnte ihr letztes Kind bei sich behalten.»

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