Theater
Die immer wiederkehrende Angst vor dem Neuen

Im «Gas-Streit» zeichnet Autor Markus Keller im Freilichttheater Solothurn eine Episode der Stadtgeschichte plausibel nach. Die Vorpremiere war denn auch ein Erfolg.

Fränzi Rütti-Saner
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Die Solothurner Gas-Gegner demonstrieren heftig gegen den Gas-Fabrikanten Fridolin Rieder und seinen neuartigen Gasometer. Michael Meier Die Solothurner Gas-Gegner demonstrieren heftig gegen den Gas-Fabrikanten Fridolin Rieder und seinen neuartigen Gasometer. Michael Meier

Die Solothurner Gas-Gegner demonstrieren heftig gegen den Gas-Fabrikanten Fridolin Rieder und seinen neuartigen Gasometer. Michael Meier Die Solothurner Gas-Gegner demonstrieren heftig gegen den Gas-Fabrikanten Fridolin Rieder und seinen neuartigen Gasometer. Michael Meier

Solothurner Zeitung

Was man nicht kennt, macht einem Angst oder man lehnt es zumindest erst mal ab. Besonders, wenn es sich um neue Energiequellen handelt. Nach dem Holz kam das Öl und dann das Gas. Doch Gas könnte doch explodieren? Wir lächeln heute über solche Ängste, welche die Leute im 19. Jahrhundert beschäftigten. Und man lächelte und verfolgte gespannt die Vorpremiere des neuen Stückes des Freilichttheaters Solothurn «Der Gas-Streit» am Mittwochabend. Bekanntlich wurde in Solothurn 1861 die Stadtbeleuchtung mittels Leuchtgas in Betrieb genommen.

Werk des Teufels?

Es gab Befürworter der neuen Technik, aber auch Gegner. Ein Stoff, wie geschaffen für ein Solothurner Theaterstück, dachte sich Autor Markus Keller, und es kam ihm gelegen, dass die Regio Energie Solothurn heuer ihr 150-jähriges Bestehen feiert. Zwei Fliegen auf einen Streich schlagen: Das Thema war gefunden, dazu ein potenter Sponsor. Reisen wir also zurück ins 19. Jahrhundert und erleben, wie Gas-Baron Fridolin Rieder (Dieter Stoll) mit Stadtammann (Kuno Jaeggi) und Stadtschreiber (Markus Zahler) in der Kutsche durchs Städtli fährt und die richtigen Standorte für seine modernen, mit Gas betriebenen Laternen auswählt.

Doch ein tollkühner Anschlag junger Gas-Gegner verlegt den Fabrikanten kurz ins Spital und die beiden Stadt-Honoratioren in helle Aufregung. Aber nicht genug damit. Ein Hamburger Jurist Olbrich (Peter Bamler) setzt eine Intrige in die Welt, der Stadtpfarrer (Werner Wenger) befürchtet ein Werk des Teufels, und Albert, der Sohn des Ölers Tanner, und Agnes, die Stieftochter des Gas-Fabrikanten, verlieben sich – ausgerechnet.

Meisterhafte Choreografie

Dazu gesellen sich Klatsch- und Tratschweiber, Dirnen, Polizisten, ein Bettler, zwei stumme Vermesser, eine ebenso sprachlose Nonne, insgesamt über 40 Darsteller in mehreren Rollen sowie zwei Pferde und ein Hund. Sie alle unterhalten mit einem kurzweiligen Sittengemälde aus jener Zeit vor dem Alten Zeughaus. Und es sind wiederum die «Massen»-Szenen, die Regisseur Reto Lang meisterhaft zu choreografieren weiss. Ebenso schafft er es auch in dieser dritten Produktion in Solothurn, mit Musik und dem Gespür für Atmosphäre dem Zuschauer die perfekte Zeitreise zu ermöglichen.

Bei den Darstellern ist vor allem der junge Tobias Guggisberg aufgefallen, der mit viel Energie den überschwänglichen Revoluzzer und den scheuen Liebhaber mimt. Trefflich auch die beiden Behördenvertreter, Kuno Jaeggi als Stadtammann und Roland Hungerbühler als Polizeipräsident. Ebenso Mariella Flury als Bürger-Dame und Dirne.

Wahrlich – Stückeschreiber Markus Keller hat die Solothurner Befindlichkeit aus jenen Tagen sehr gut getroffen; so gut, dass man erkennen muss, dass diese Befindlichkeit noch heute Solothurner Eigenart ist.