Solothurn
Als eine Kinderhorde das Dilitsch eroberte

Silvia, Odette und Edith Sommer verbrachten ihre Kindheit im Mikrokosmos Dilitsch und kehrten später dahin zurück.

Andreas Kaufmann
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Silvia, Odette und Edith Sommer (v. l.) prägten zusammen mit der «Generation Dilitsch» das kleine Solothurner Quartier mit.

Silvia, Odette und Edith Sommer (v. l.) prägten zusammen mit der «Generation Dilitsch» das kleine Solothurner Quartier mit.

Andreas Kaufmann

Wie man Solothurn in seine Quartiere aufteilt, ist letztlich Ansichtssache. Eine konsequente Grenze ziehen Edith, Odette und Silvia Sommer. Drei Schwestern aus dem Dilitschquartier, die um den Reiz dieses Mikrokosmos wissen. Und «mikro» ist es allemal, das Dilitsch: Für die Sommers fängt es südlich der Hasenmattstrasse an und endet nördlich der Vogelherdstrasse. Punkt. «Alles andere gehört nicht dazu», bekräftigt die 70-jährige Edith Sommer.

Das Elternhaus, das sie sich mit ihrer 67-jährigen Schwester Silvia stockweise teilt, liegt «im Rank» an der Dilitschstrasse. Einen Steinwurf entfernt wohnt die 68-jährige Odette Sommer. Alle drei sind im Quartier aufgewachsen, weggezogen und wieder heimgekehrt. Das Elternhaus, das ihr Vater 1946 erwarb, war bereits 1912 erbaut worden, sechs Jahre später folgten die drei langen Wohnblöcke mit den typischen vorgelagerten Gärten – früher für den Anbau zum Eigengebrauch, heute auch einfach zum Verweilen. Mit dem sozialen Wohnbauprojekt wollte die Stadt Solothurn damals der akuten Wohnungsnot entgegentreten. Es folgten kleinere Reihenhäuschen für das Kader der angrenzenden Industrie, beispielsweise der Roamer-Uhrenfabrik.

Beim «Mätteli», wo sich das Leben abspielte

Um einiges lebendiger sind die Erinnerungen der Schwestern an ihr Kindheit, die sich oft beim «Mätteli», dem heutigen Spielplatz, abspielte. «Wir schlichen uns aber auch gerne ins Holzlager der angrenzenden Schreinerei, was deren Inhaber gar nicht gerne sah», erinnert sich Odette Sommer. Die Wohnung mit dem einzigen Fernseher im Dilitsch wurde am Donnerstagnachmittag jeweils zum Quartier-Kino für die Ausstrahlung der «Kinderstunde». Auch sonst keine Langeweile: Ein Hirsig-Mitarbeiter versorgte die Kinder leihweise mit neustem Spielzeug. Eine rund 30-köpfige Horde an Kindern, die alle um 1950 geboren worden waren, nahm das Gebiet selbstbestimmt in Beschlag und unternahm ohne elterliche Aufsicht Abstecher für die Schnitzeljagd auf den Balmberg, zu den nahegelegenen Hosteten, in die Lanco zum «Schlöfle» oder in die psychiatrische Klinik, um den Patienten ein Ständchen zu singen. Und wenn die Croquet-Runde, das Federballspiel oder das «Ball-Furtschuttis» auf dem Mätteli zu laut wurden, rief schon mal ein Erwachsener vom Fenstersims aus zur Ordnung: «Es längt jetzt!» – unaufgeregt, unwidersprochen. Sackgeld verdienten sich die Kinder durch Hundehütedienste oder die eigens organisierte Papiersammlung – wobei aussortierte Romanhefte noch eine Ehrenrunde im Quartier drehten, bevor sie der Entsorgung zugeführt wurden. «Wir haben als Kinder nichts vermisst», erinnert sich Odette Sommer. «Unser Leben funktionierte ohne soziale Kontrolle.»

Fünfermocken, Tiki und Goggifröschli

Was die «Dilitschianer» in den Fünzigern und Sechzigern nicht selbst im Garten anbauten, war in nächster Nähe verfügbar. In guter Erinnerung hat Edith Sommer das «Tante-Änni-Lädeli», in dem das «Fischer Änni» Fünfermocken, Goggifröschli, Tiki und Carambar anbot, aber auch andere Offenware des täglichen Gebrauchs. Die Schuhmacherei Kaltschmied, die Metzgerei Laubscher, der Scheidegger-Beck, das Restaurant Erlacherhof, ein Coiffeurladen, sogar ein «Konsum» und andere bildeten die Gewerbelandschaft des Dilitsch. Und der Milchmann, der mit Ross und Wagen ins Quartier fuhr, kutschierte für eine Runde auch mal die Dilitsch-Kinder herum oder reichte im Sommer Glace.

Umso mehr fallen Entbehrungen auf, die man heute kaum mehr kennt: Ein Wasch- und Baderaum war in Gemeinschaftskellern zugänglich, Zugriff auf Gas fürs Kochen gabs via Münzautomat. Lange sah man bloss drei Autos im Quartier, an die sich die Schwestern erinnern. Und: «Unsere Mutter war die Erste mit einer Waschmaschine», erinnert sich Silvia Sommer. «Sie übernahm Wäschedienste für Nachbarn.»

Der heilen Welt zum Trotz: «Ich wollte schon immer fort», sagt Edith Sommer. Reisen, in die Welt hinaus. Was sie in jungen Jahren auch tat. Später arbeitete sie in der Personalvermittlung und als Reiseleiterin. Als die Todesnachricht ihrer Mutter sie in Brasilien erreichte, kehrte sie zum Vater ins Quartier zurück und nahm eine Stelle als Filialleiterin von Hotelplan in Langendorf an. Odette Sommer blieb nach ihrer Ausbildung am Lehrerseminar in der Region, heiratete früh und kam zurück ins Dilitsch. Hier erwarb sie günstig ein Eigenheim, wo auch ihr Sohn gross wurde. Die Jüngste der drei, Silvia Sommer, arbeitete zunächst als Coiffeuse und wurde anschliessend ebenfalls in die weite Welt hinausgezogen, arbeitete als Au-pair in England und an diversen Orten im Service und kam Ende der 80er-Jahre zurück nach Solothurn, wo sie zuletzt ebenfalls bei Hotelplan arbeitete und in die «WG» mit ihrem Vater und Schwester Edith zog.

Das Dilitsch befindet sich nicht im Tiefschlaf

Eine lange Zeit, wissen die Schwestern, wohnten kaum mehr Familien im Quartier. «Wie ein Alpdorf – die Jungen gehen weg, die Alten werden älter und sterben hier», kommentiert Odette Sommer die Zeit ab 1970. Und auch die Nahversorgung mit Alltäglichem, der Mikrokosmos all dessen, was man zum Leben braucht, ist Vergangenheit: Das Quartier sei mit dem öffentlichen Verkehr gut erschlossen, finden die Sommers. Man passt die im Viertelstundentakt verkehrende Einser-Linie oder das Moutier-Bähnli ab. Auch viele Aktivitäten für Kinder sind ausgelagert, weiss Odette Sommer. Deswegen aber sei das Dilitsch nicht zum Stadtteil im Tiefschlaf geworden.

Seit einigen Jahren füllt sich das Quartier mit jungen Zuzügerfamilien und neuem Leben. «Mütter und Väter haben wieder begonnen, Feste und Flohmärkte zu veranstalten, sich um den Unterhalt des Spielplatzes zu kümmern.» Heute wieder wohnen die Sommers gerne in ihrem Quartier – «gerne» auf eine andere Art als damals. Oder, wie es Odette Sommer zusammenfasst: «Jede Generation lebt mit den vorhandenen Möglichkeiten.»