Niederamt
Malträtierte Waldpfade sorgen für Ärger: Würde ein spezieller Trail für Entspannung sorgen?

Ein Spaziergänger klagt über Mountainbikes am Dulliker Engelberg – und fordert die Durchsetzung geltender Verbote. Doch eine einzelne Gemeinde kann kaum etwas ausrichten.

Noël Binetti
Drucken
Teilen
Wird unterschiedlich interpretiert: Ein Verbotsschild für Biker in der Nähe der Wartburghöfe.

Wird unterschiedlich interpretiert: Ein Verbotsschild für Biker in der Nähe der Wartburghöfe.

Oltner Tagblatt

Welche Regeln gelten für Mountainbiker? Diese Debatte schwelt schon lange – auch im Niederamt. Aufwändig präparierte Fun-Parks für Snowboarderinnen oder Skater, Rennstrecken für PS-Boliden und Schiesskeller für Sportschützen. Gibt es alles. Doch wo sollen Bikerinnen – mit Go-Pro’s und leistungsstarken Federgabeln ausgerüstet – ihrem Temporausch frönen? Welche Strecken eignen sich, um rasant über freigelegte Wurzelstöcke und Steinblöcke zu donnern?

Strassenverkehrsgesetz (SVG), Art. 43 Zif. 1

«Wege, die sich für den Verkehr mit Motorfahrzeugen oder Fahrrädern nicht eignen oder offensichtlich nicht dafür bestimmt sind, wie Fuss- und Wanderwege, dürfen mit solchen Fahrzeugen nicht befahren werden.»

Einige erachten das 65’000 Kilometer lange Wanderwegnetz der Schweiz als das ideale Terrain dafür. Andere bestreiten seit Jahren vehement, dass diese Wege für Mountainbikes freigegeben sind. Ob die betreffenden Sportler mit oder ohne Motor unterwegs sind, spielt keine Rolle. Problematisch sind blockierte Bremsen. Sie schürfen den Waldboden und bieten so ein Einfallstor für Erosion. Auch schwierig: Wenn durchs Unterholz gefahren wird wo gar kein Weg ist, da wo die Tiere zuhause sind. Diese, durch die Bikes aufgeschreckt, ziehen sich an andere Stellen im Wald zurück und richten dort durch Verbiss Schaden an der Substanz des Waldes an.

Und schliesslich kommt es auf den schmalen Wegen zu gefährlichen Begegnungen mit jenen Waldbesuchern, die zu Fuss unterwegs sind. Das Problem spitzt sich zu. Es werden immer mehr Bikes verkauft. Dementsprechend sind mehr Leute damit unterwegs, meistens im Wald. Auch Leute aus der Szene anerkennen das Problem. Und was sagt das Gesetz? Das seit 1959 geltende Strassenverkehrsgesetz (SVG) verbietet Fahrräder auf Fusswegen. Doch die Passage wird unterschiedlich interpretiert.

Für mehr gegenseitigen Respekt

Fabian Spielmann ist oft auf dem Bike und in den Wäldern um Olten unterwegs. Der Inhaber der «Bikeschule SWISS» aus Olten kennt die Problematik nur zu gut. Und er vertritt dazu eine klare Ansicht: «Ich halte nichts davon, wenn neben den Wegen gefahren wird und im Wald Abkürzungen entstehen. Ich sehe aber kein Problem darin, wenn Wanderwege mit den Bikes benutzt werden.»

Ob mit oder ohne Motor; im Wald suchen alle Erholung, sagt Spielmann auf Anfrage. Und: «Ich appelliere für ein Miteinander, statt ein Gegeneinander.» Die Bikeschule SWISS lerne den Kursteilnehmenden respektvolles Verhalten gegenüber der Natur, dem Wegnetz und allen Waldnutzern. «Die Regeln des Bikerkodex sollte jedem Biker bekannt sein», beteuert Spielmann. Dazu gehört unter anderem, die Bremsen so einzusetzen, dass sie nicht blockieren.

Und was findet Spielmann zum Artikel 43 des SVG? «Diese Bikes sind für das Gelände gemacht, das Gesetzt ist schwammig formuliert und überaltert. Verbote bringen nichts, nur Ärger auf beiden Seiten», ist er überzeugt. Auch extra erstellte Biketrails erachtet er nicht als Lösung. In der Region Olten gebe es ein tolles «Cross-Country»-Netz, welches mit oder ohne Motor genutzt werden solle, so wie in diversen anderen Kantonen. Wichtig sei, auf die Eigenverantwortung aller zu setzen und den gesunden Menschenverstand walten zu lassen.

Spielmann kritisiert zudem den Einsatz von Plattformen, auf denen Biker untereinander ihre gemessenen Zeiten für bestimmte Strecken vergleichen. So herrsche ein stetiger Wettkampf in den Wäldern. «Das hat in einzelnen Wäldern nichts verloren.» Selbst habe er schon lange keine Konflikte mit Fussgängern erlebt, sagt Spielmann. Doch das Gebiet um den Engelberg meide er: «Ich weiss, dass es dort Reiberein gab». Er findet schade, dass andere Biker sich zum Teil aufführen würden, als gehöre der Wald ihnen. Und er glaubt, dass Biker sich freiwillig an der Instandhaltung von Wanderwegen beteiligen würden. «Am Willen dazu mangelt es nicht», ist er überzeugt.

Wanderwege wegen Sumpf umgehen?

Ein Waldgänger, der regelmässig zu Fuss am Engelberg und in der Gegend der Wartburghöfe unterwegs ist, hier aber nicht namentlich genannt werden möchte, beschwert sich: «Unterdessen weiche ich auf die befestigte Waldstrasse aus und umgehe den schmalen, den eigentlichen Fussweg. Das ist doch paradox.» Als Grund dafür nennt er ausgefahrene Stellen, die bei nasser Witterung zu Sumpflöchern werden. «Selbst die Biker verlassen den Weg seitlich, weil er auch für sie nicht mehr befahrbar ist.»

Nun habe er an einer Stelle sogar ein Verbotsschild bemerkt, welches klein und hoch oben an einem Wegweiser angebracht ist: Reitern und Velofahrerinnen ist mit Verweis auf Artikel 43. des SVG die Nutzung des Weges untersagt.

Mit Schotter befestigte Waldwege würden sich für die Biker eignen. «Doch diese bieten den Sportlern keinen Reiz, da sie ohne Wurzeln und somit Hindernisfrei sind», anerkennt der aufgebrachte Spaziergänger. «Für sie ist es toll, wenn der Weg anspruchsvoll ist. Doch für Fussgänger ist das nicht toll.» Und es gelte nun mal das Gesetz, für alle.

Eindeutige Spuren neben einer Treppe: Hier waren Biker unterwegs.
3 Bilder
Wer hat diese Tafel angebracht? Biker werden gebeten, sich an den Kodex zu halten.
Wird bei Feuchtigkeit zu Schlamm: Ein mit Mountainbikes befahrener Wanderweg.

Eindeutige Spuren neben einer Treppe: Hier waren Biker unterwegs.

z.V.g.

Bisher keine Reklamationen bei der Gemeinde

Der Gemeindepräsident von Dulliken, Walter Rhiner, bestätigt auf Anfrage das beobachtete. Ihm persönlich sei auch aufgefallen, dass am Engelberg vermehrt Mountainbiker unterwegs seien. Doch an den Gemeinderat seien bisher keine Beschwerden herangetragen worden. Darum gibt es für den Sport auch keine besondere Regelung für das Gebiet. Rhiner verweist auf die Bürgergemeinde, sie ist Besitzerin des Waldes.

Am Telefon sagt Guido Bärtschi, Präsident der Forstkommission der Bürgergemeinde Dulliken: «Wir diskutieren dieses Thema immer wieder.» Grundsätzlich hätten alle das Recht, den Wald zu nutzen. Dabei sei gegenseitiger Respekt zentral. Und für Wanderer wie Velofahrerinnen und Reiter gelte die Regel: «Die bestehenden Wege nicht verlassen.» Klar gebe es Gesetze. Doch um diese rigoros durchzusetzen fehlen einer einzelnen Gemeinde die Ressourcen.

Den Engelberg teile Dulliken mit einigen anderen Gemeinden. Er bilde somit ein grosses Einzugsgebiet. Dieses werde seit Beginn der Corona-Krise viel stärker frequentiert als zuvor. Von unterschiedlichsten Gruppen. «Vielleicht flacht das nach der Pandemie auch wieder ab» sagt Bärtschi. Und: «Es ist klar, wir von der Forstkommission sehen die Entwicklung zu immer mehr Verkehr im Wald nicht gerne.»

Ein Trail würde neue Probleme schaffen

Wäre ein spezieller Trail für Moutainbiker eine Lösung, wenn dafür das umliegende Terrain tabu würde? Bärtschi erwähnt die Initiative eines privaten Vereins. Dieser wollte vor ein paar Jahren am Engelberg einen solchen Trail einrichten. «Wir führten damals mit allen Beteiligten, der Jagdgesellschaft und den Waldbesitzern Gespräche.» Dann habe man dem Verein die Auflagen unterbreitet, die unter anderem ein reguläres Baugesuch vorsahen.

Das Resultat: Dem Verein waren die Auflagen zu hoch. Und Bärtschi sieht nicht nur Vorteile bei einem Trail: «Wenn eine solche Strecke geschaffen ist, zieht dies Leute von weit weg an. Die Strecke würde im Internet zirkulieren und Touristen mit dem Auto anreisen und vor dem Wald parkieren.» So würden neue Probleme geschaffen.

Bisher sei am Engelberg kein Durchsetzen von Regeln nötig gewesen. Wenn die Entwicklung anhalte, werde es vielleicht einst so weit kommen. Bärtschi sieht den Handlungsbedarf aber auf kantonaler oder gar eidgenössischer Ebene. Dort ist das Thema bereits eine ganze Weile auf der Agenda: Rolf Manser, Kantonsoberförster und Chef vom Amt für Wald, Jagd und Fischerei des Kantons Solothurn, anerkannte in einem Interview vom letzten Juni den dringenden Handlungsbedarf. Er sage: «Mit grosser Wahrscheinlichkeit müssen wir das Waldgesetz ändern.»

Ob es tatsächlich nötig ist, sogenannte Ranger patrouillieren zu lassen, ob solche der Naherholung eher einen Abbruch täten und ob wirklich an jedem Wegweiser Verbotsschilder angebracht werden müssen, muss die Politik entscheiden. Solange bleibt die Frage: Ist Erholung mit einem Adrenalinkick gleichzusetzen? Und wie viel Naturerlebnis steckt in einem 250 Watt-Elektromotor? Im Moment dürften allerdings auch die Biker eine Pause von ihrem Sport machen. Die Schneedecke wird die Zweiräder noch für ein paar Tage aus dem Wald verbannen.

Aktuelle Nachrichten