Hauenstein

Diesem Uhrmacher gehört eine 25-millionenteilige Sammlung

Uhrenunternehmer John Meyer am «Établi» in seiner Firma in Horgen.

Uhrenunternehmer John Meyer am «Établi» in seiner Firma in Horgen.

Der Hauensteiner Uhrmacher John Meyer besitzt ein Unternehmen, das über eine einmalige Sammlung an Ersatzteilen verfügt. Noch immer ist er dran, Ordnung zu schaffen.

Rund 25 Millionen Einzelteile beherbergt der über 200 Quadratmeter grosse Raum im zürcherischen Horgen, dessen nordöstliche Fensterfront einen grosszügigen Blick auf den Zürichsee ermöglicht. Es befinden sich alle erdenklichen Komponenten von Luxusuhren darunter – vorwiegend von solchen fürs Handgelenk, vor allem von älteren Modellen. Uhrwerke, Zifferblätter, Glasabdeckungen, Federn, Schrauben und weiteres teilen sich hier den angesichts ihrer Zahl engen Platz.

Seit zwei Jahren ist John Meyer daran, den Inhalt der zahlreichen Korpusschubladen, Tischflächen und Kartonschachteln kennen zu lernen. Am Ziel ist er noch nicht. «Ich entdecke auch jetzt noch Neues», sagt der 34-Jährige im anthrazitfarbenen Poloshirt mit Tieremblem, der in einer Grossfamilie in Hauenstein aufgewachsen ist und heute in Wollerau SZ wohnt.

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Teile nach eigenem System aufbewahrt

Der Vorbesitzer dieser schweizweit – und gemäss Meyer gar weltweit – einzigartigen Sammlung habe die Teile bewusst nach einem «eigenen System» aufbewahrt. «In der Branche hiess es, nur er selbst könne benötigte Teile jeweils finden», sagt Meyer. Dieser Vorbesitzer war der Luzerner Alfred Süess. Er begann im Alter von Ende 20 mit dem Aufbau des umfassenden Ersatzteillagers. Das war während der Uhrenkrise in den 1970er- und 80er-Jahren. Damals sah sich die Schweizer Zeitmesserindustrie durch die Quarzuhren japanischer Hersteller in ihrer Existenz bedroht.

In unzähligen Schubladen werden die Ersatzteile fein säuberlich aufbewahrt.

In unzähligen Schubladen werden die Ersatzteile fein säuberlich aufbewahrt.

Viele hiesige Firmen fielen dieser Entwicklung zum Opfer oder sahen sich zu Lagerräumungen gezwungen – mit der Folge, dass Süess ihre Ersatzteilbestände günstig oder gar gratis übernehmen konnte. Einige Marken überlebten die Krise und kamen danach wieder zu Kräften, als sich mechanische Uhren ab den 1990ern wieder zunehmender Beliebtheit erfreuten. Und Süess profitierte von der ansteigenden Nachfrage nach Ersatzteilen für alle möglichen Edeluhren, die dieser zeitweise an vier verschiedenen Standorten in der Stadt Luzern aufbewahrte.

Den Firmenwert musste er selber erraten

2017 verstarb Süess. Seine Assistentin übernahm anschliessend bis auf weiteres die Geschäftsleitung. Als Uhrmacher hatte John Meyer als Kunde bereits jahrelang mit Süess zu tun gehabt und erfuhr somit rasch, dass die Sammlung ihren ursprünglichen Besitzer verloren hatte. Für ihn war es die Chance, in seiner Profession noch einen Schritt weiterzugehen – und Ersatzteile nicht nur zu verbauen, sondern zu verkaufen. Als er sich erstmals an die Verantwortlichen wandte, um sich nach dem Kaufpreis der Firma zu erkundigen, habe man ihm gesagt: «Gehen Sie Lotto spielen.»

Monate lang habe er verhandelt, bis er sich letztlich mit der Treuhandfirma, welche die Erben Süess’ mit dem Verkauf beauftragt hatten, einigen konnte. Einsicht in die Buchhaltung habe er vorgängig jedoch nicht erhalten, so Meyer. «Ich hatte keine Vorstellung über den erzielten Umsatz der vergangenen Jahre, ich konnte alles nur abschätzen.» Auch eine Inventurliste habe es nicht gegeben. Anhand von Schätzungen habe er dann eine Unternehmensbewertung erstellt, welche Rückschlüsse auf den angemessenen Kaufpreis ermöglichte. Überzeugt habe er die Verkäufer wohl auch mit seinem Fachwissen als Betriebswirtschafter und erfahrener Uhrmacher.

Neuen Standort gesucht

Seit 2018 ist Meyer nun dabei, seinen Überblick über das Ersatzteillager stetig zu erweitern, ihm ein System zu verpassen und die dauerhafte Aufbewahrung der teilweise ungeordnet herumliegenden Teile mit geeigneten Möbeln sicherzustellen. Die zwei Luzerner Lagerorte, die er vom Vorbesitzer übernommen hatte, hat Meyer zu einem zusammengeführt – wofür er einen neuen Standort finden musste. Dabei entschied er sich, den Firmensitz in den Kanton Zürich zu verlegen. «Die Mieten in der Luzerner Altstadt sind hoch», nennt Meyer einen der Gründe für den Wegzug aus der Zentralschweiz.

Zudem habe das Gewicht der Sammlung – darunter befinden sich über 17'000 Federn für Grossuhren und über 10'000 verschiedene Gläser – die Statik der alten Gebäude an der Reuss an ihre Grenzen gebracht. Zudem sagt Meyer: «98 Prozent der Ware gelangt per Post zu den Kunden. Da spielt der Standort keine entscheidende Rolle.» Er beliefert damit vorwiegend Uhrmacher, die sich der Reparatur antiker wie auch moderner Modelle annehmen und die benötigten Teile bei ihm finden. Auch in der Industrie hat er Klienten.

Kanti-Austritt teilte er per Postkarte mit

Spezielles Werkzeug, Maschinen und Verbrauchsmaterial hat Meyer ebenfalls in seinem Sortiment. Viele seiner Kunden konnte er von Alfred Süess übernehmen, wovon manche den Besitzerwechsel gar nicht mitbekommen hätten. Denn auch den Firmennamen führt Meyer weiter. Weitere Abnehmer seien Uhrengeschäfte weltweit, darunter auch der bekannte Juwelier Tiffany in New York.

Daneben fügt er der Sammlung laufend neue Teile hinzu. Zu diesen gelangt er über seine Kontakte bei den Herstellern selbst oder, indem er Bestände alter Uhrmacher übernimmt, die sich in Pension begeben. Letzteres sei gleichzeitig auch ein Problem: «Es gibt in diesem Bereich nicht mehr viel Nachwuchs.» Das Fachwissen übers Reparieren alter Uhren gehe so verloren. «Viele junge Uhrmacher haben den Mut nicht, sich selbstständig zu machen oder sich auf antike Modelle zu spezialisieren.» Dabei gäbe es hierbei eine zunehmende Marktlücke zu füllen, sagt Meyer.

Dass seine Faszination für mechanische Uhren damals eine Zunahme erfahren hat, die Meyer schliesslich in diesem Bereich zum Unternehmer werden liess, gehe auf ein Geschenk seines Grossvaters zurück. Dieser überliess ihm einst eine Omega-Armbanduhr. «Als sie einmal nicht mehr lief, öffnete ich den Boden. Das komplexe Uhrwerk, das zum Vorschein kam, begeistere mich irgendwie», sagt Meyer. Diese Begeisterung sei derart gross geworden, dass sich der damalige Kantonsschüler ein Jahr vor dem Abschluss gegen die Matura entschied, um sich ganz der Uhrmacherei zu widmen. Noch während seiner Bergferien liess er die Leitung der Kanti Olten mittels Postkarte wissen, dass er danach nicht auf die Schulbank zurückkehren werde – gefolgt von den Worten «… und tschüss!»

Firmenkauf mit eigenen Mitteln finanziert

Glücklicherweise habe er danach gleich einen Ausbildungsplatz an der Uhrmacherschule in Grenchen gefunden, wo er seine vierjährige Lehre als sogenannter Rhabilleur beginnen konnte. Dabei lernte er auch, die benötigten Einzelteile selber zu konstruieren. Zeitgleich mit der Lehre absolvierte Meyer die Berufsmatura. Danach war er acht Jahre lang bei einem «renommierten Uhrenfachgeschäft in Zürichs Bahnhofstrasse» angestellt, parallel dazu absolvierte er ein Studium an einer Fachhochschule zum Betriebswirtschafter. Die Einkünfte, die er anschliessend aus seiner selbstständigen Tätigkeit im Handel und der Reparatur von Armbanduhren und Uhrenbändern erzielen konnte, ermöglichten ihm den Kauf von Süess’ Firma ohne den Beizug zusätzlicher Kapitalgeber. Meyer wurde zum Uhren-Unternehmer.

Und diese Firma möchte Meyer nun noch etwas wachsen lassen und um zusätzliche Angebote erweitern. Ihm schwebt vor, auch selber ein Atelier zu betreiben, in welchem er angestellte Uhrmacher alte wie neue Modelle wieder instand setzen lässt. Denn viele Uhrenfachgeschäfte, die sich heute mit Reparaturen befassen, fänden keine Nachfolger, sagt Meyer. «Wir werden in der Schweiz bald ein grosses Problem haben, denn wer soll all die antiken Grossuhren reparieren, oder die jene, welche die Industrie ablehnt?»

Daneben stellt er aus den unzähligen Ersatzteilen auch selber «neue» Armbanduhren zusammen. Die Kundschaft kann mitbestimmen, welche «Zutaten» er dabei verwenden soll – und eine Inschrift nach Wunsch aufs Ziffernblatt gravieren lassen. Und dann werde er natürlich weiterhin das grosse Ziel verfolgen, noch mehr Ordnung in die 25-millionenteilige Sammlung zu bringen.

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