Zuchwil
Randsteine «made in China» werfen Fragen auf

In Zuchwil wird im Rahmen einer Strassensanierung Granit aus Fernost verbaut. Das wirft Fragen auf. Der Kanton als Bauherr verweist auf Sozial-Labels, welche Kinder- und Zwangsarbeit ausschliessen.

Franz Schaible
Drucken
Diese Spezialverbundsteine stammen aus China. Sie werden bei einer Strassensanierung in Zuchwil eingesetzt.hans ulrich mülchi

Diese Spezialverbundsteine stammen aus China. Sie werden bei einer Strassensanierung in Zuchwil eingesetzt.hans ulrich mülchi

Hans Ulrich Muelchi

Die Herkunft des Corpus Delicti ist klar ersichtlich: Die Randsteine, die derzeit auf der Luterbachstrasse in Zuchwil eingebaut werden, stammen teilweise aus China. Das zeigt das Foto einer Leserin, die sich besorgt fragt, warum hier Material aus dem Fernen Osten zum Einsatz kommt. Denn Granitsteine aus China sind assoziiert mit Kinderarbeit, unhaltbaren Arbeitsbedingungen und Umweltverschmutzung. Grund genug für eine Spurensuche.

Auftraggeber für die Sanierung des Strassenbelages auf der Strasse zwischen den Kreiseln Juraplatz und Aarmatt ist das kantonale Amt für Tiefbau und Verkehr. Ob die Randsteine aus China sind oder nicht, kann Rudolf Schluep, Chef des Strasseninspektorates, auf Anhieb nicht beantworten. Eine erste Abklärung habe ergeben, dass die Steine aus Domodossola in Italien stammten. Nach Begutachtung des Leserfotos und einer zweiten Abklärung kommt Schluep zum Schluss, dass die eingesetzten Spezialverbundsteine tatsächlich aus China importiert wurden. Das sei aber kein Problem, weil der Auftragnehmer in jeder Offertstellung eine Selbstdeklaration unterzeichnen müsse. Darin müsse bestätigt werden, dass die eingesetzten Materialien unter anderem aus fairer Produktion und ohne Kinderarbeit stammten. Zum Beweis schickt Schluep die 16 Seiten umfassenden Ausschreibungsunterlagen mit der Selbstdeklaration. Die Bemühungen, dass bei öffentlichen Aufträgen das Baumaterial nicht aus Produktionen mit Kinder- oder Zwangsarbeit stamme, seien «uneingeschränkt im Interesse des Amtes Verkehr und Tiefbau». Ferner ist die Sensibilisierung auf das Engagement der früheren Kantonsrätin Iris Schelbert zurückzuführen .

Auftragnehmer für die Strassensanierung ist das Solothurner Bauunternehmen Marti AG. «Wir wollen uns nicht in die Nesseln setzen und verwenden nur Baumaterialien, welche die Anforderungen des Kantons erfüllen», versichert Geschäftsführer Christoph Müller. Ziel sei auch, jeweils mit in der Region ansässigen Lieferanten zusammen zu arbeiten. Im Fall der Randsteine liege ein entsprechendes Zertifikat («Fair Stone») vor, ausgestellt von der Agentur für globale Verantwortung «win=win». Dass die Randsteine aus China günstiger sind als jene aus Europa, will er gar nicht abstreiten. Der Konkurrenzkampf sei hart, in der Regel erhalte diejenige Firma den Auftrag, die das günstigste Angebot abgebe. «Es wird mit Kleinstmargen gerechnet.» Trotzdem sei man bedacht, die Vorschriften bezüglich Beschaffung einzuhalten. In der erwähnten Selbstdeklaration muss die Unternehmung mit ihrer Unterschrift bezeugen, alle gesetzlichen Vorschriften, geltende Gesamtarbeitsverträge sowie eben die Bedingungen zur Erbringung des Nachweises «Einhalten der Sozialstandards» bei Materiallieferungen einzuhalten.

Lieferant der Randsteine ist die Handelsfirma HG Commerciale in Biel. Es handle sich um Spezialbundsteine des Typ 12A, die aus China importiert werden, erläutert Jürg Büschlen vom Verkauf Baumaterial. «Diese sind Spezialanfertigungen aus grobkörnigem Granit, die nur in China angeboten werden.» Er legt das Zertifikat «Fair Stone» des Importeurs auf den Tisch. Demnach soll es im zertifizierten Betrieb in China weder Kinder- noch Zwangsarbeit geben und es würden relevante Konventionen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) eingehalten.

Importeur der Randsteine ist die Natura Stein AG im luzernischen Zell. «Wir sind seit Jahren Partner der Agentur win=win», erklärt Geschäftsführer Christoph Marti. Das «Fair-Stone»-Label sei ein international anerkannter Sozialstandard für die Natursteinwirtschaft. Die Mitgliedschaft begründet er damit, dass man «mit gutem Gewissen hinter dem importierten Material stehen kann». Eigene Firmenvertreter würden mindestens alle zwei Jahre die Steinbrüche und die Produktion des Lieferanten vor Ort in China besuchen. Dort sei weder Kinder- noch Zwangsarbeit ein Thema. Die Organisation win=win kontrolliere zudem regelmässig, ob die Arbeitssicherheit gewährleistet sei. Mit dem System Tracing Fairstone könne jede Lieferung lückenlos bis ins produzierende Werk zurückverfolgt werden, ergänzt Tobias Eckardt. Er ist beim Naturstein-Verband Schweiz Leiter der Kommission Unternehmerische Sozialverantwortung.

Warum überhaupt Granitsteine aus China importiert werden, begründet Marti einzig und allein mit dem Preis. Man würde auch lieber Material aus Europa oder der Schweiz liefern. Aber qualitativ gleichwertige Steine aus europäischen Steinbrüchen seien doppelt, aus schweizerischen gar dreimal so teurer. «Und die öffentliche Hand vergibt die entsprechenden Bauaufträge jeweils an den günstigsten Anbieter.» Deshalb müssten sich alle Teilnehmer in der Lieferkette auf den Markt ausrichten. Die Globalisierung sei kein Hirngespinst, sondern spiele auch in der Steinbranche, sagt Tobias Eckardt. «Ursprünglich kamen etwa Pflastersteine aus Alpnach, später aus dem Tessin, gefolgt von Polen, Portugal und nun China.»

Die öffentliche Hand könne in den Ausschreibungen keine Privilegierung wie «Made in Europe» vorschreiben, weiss Marti. Das würde die WTO-Abkommen verletzen, welche die Diskriminierung einzelner Länder verbiete. Einzige Möglichkeit wäre, in der Ausschreibung die Steine so spezifisch zu umschreiben – etwa nach Farbe, Körnung oder weiteren Eigenschaften –, dass diese nur aus einheimischer oder europäischer Produktion erhältlich wären. Das wäre aber viel zu teuer und bezüglich Verfügbarkeit schwierig umsetzbar. Marti: «Ein Kompromiss sind die Sozialstandard-Zertifikate.»

Zurück zum Auftraggeber. Beim Kanton wird die Preiskomponente nicht bestritten. «Die Bauaufträge werden gemäss Submissionsgesetz vergeben und in diesem ist der Preis immer ein Hauptkriterium», sagt Schluep vom Strasseninspektorates. Und: «Bei einer Vergabe ist das wirtschaftlich günstigste Angebot zu berücksichtigen.» Eine Ausschreibung mit Herkunftsvorschriften würde tatsächlich das Diskriminierungsverbot in den WTO-Abkommen verletzen.

Zuchwil ist kein Einzelfall. Natursteine aus China werden schweizweit eingesetzt. Dies zeigen die Zahlen der Eidg. Zollverwaltung. Demnach sind die China-Importe der Position «Pflastersteinen, Bordsteinen und Pflasterplatten» massiv gestiegen. Innert zehn Jahren hat sich der Import fast verzehnfacht. Massiv gestiegen sind auch die Einfuhren für Granit aus China.