Porträt
Bei der Rückkehr aus dem Entwicklungsland versetzte ihn das Joghurt-Regal in «Schockstarre»

Der Zuchwiler David Rüfenacht lebte als Kind von Entwicklungshelfern in der Mongolei. Heute befasst er sich als Produkt-Manager mit künstlicher Intelligenz.

Noëlle Karpf
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Ist für seinen Job zwischen Zuchwil, Lausanne, Bern und Zürich unterwegs: Produkt-Manager David Rüfenacht.

Ist für seinen Job zwischen Zuchwil, Lausanne, Bern und Zürich unterwegs: Produkt-Manager David Rüfenacht.

Hanspeter Bärtschi

«Für Deutsch drücken Sie bitte die Taste 1», sagt die blecherne Stimme am Ende der Leitung. Dann beginnt das Knöpfedrücken, begleitet von Musik in der Warteschlaufe, bis ein Kundenberater rangeht. Künftig soll es einfacher funktionieren, sollen Kunden direkt mit dem richtigen Berater verbunden werden. Das ist ein Beispiel aus dem Berufsalltag des Zuchwilers David Rüfenacht. Der 31-Jährige ist Produkt-Manager bei der Swisscom. Als studierter Arbeits- und Wirtschaftspsychologe beschäftigt er sich mit Arbeitsschritten, versucht «langweilige und repetitive Arbeiten» zu automatisieren, Abläufe effizienter machen.

So sollen virtuelle Assistenten – wie beispielsweise «Siri» auf dem iPhone – künftig mehr können. Auf Anfrage nicht nur Angaben zum Wetter oder zu Restaurants in der Nähe liefern, sondern auch etwa die benötigten Dokumente für die Steuererklärung automatisch sortieren.

Keine «Siri» in der Mongolei

Digitalisierung sei Alltag in seinem Leben, sagt Rüfenacht. «Virtuelle Zusammenarbeit» wie etwa Sitzungen per Videochat Skype sind «Usus für agile Softwareentwickler». Seine Ziele bestehen in Verbesserung der «User-Experience», sein Schwerpunkt liegt auf «künstlicher Intelligenz». Wer Rüfenacht reden hört, meint, er komme aus einer Computerfamilie, sei zwischen Akademikern und Rechnern aufgewachsen.

Das ist aber nicht der Fall. Seine Eltern waren Teil eines Schweizer Hilfswerks. Rüfenacht ging als Zehnjähriger mit in die Mongolei und verbrachte fünf Jahre im Entwicklungsland. Dort habe man andere Probleme als virtuelle Assistenten, gibt der frischgebackene Vater schmunzelnd zu. So erübrige es sich etwa, via App nach dem Wetter zu fragen: «Im Winter ist es –40 Grad, im Sommer 40 Grad heiss.»

Vor der Digitalisierung des Arbeitsalltags geht es in erster Linie darum, dass Arbeitsalltag entsteht. Ein Beispiel: In einem Dorf wohnt eine arbeitslose Coiffeuse, die sich Salon und Geräte nicht leisten kann. Die Dorfbewohner fahren über eine Stunde Bus, um sich im nächsten Dorf die Haare schneiden zu lassen. Das Hilfswerk gibt der Coiffeuse mithilfe von Spendengeldern einen Kredit, damit sie ihr eigenes Geschäft eröffnen kann. Dann zahlt sie den Kredit zurück. Mit diesem Geld finanziert das Hilfswerk neue Projekte.

Joghurt wird zum Luxusgut

Rüfenacht und seine beiden Schwestern wurden in den fünf Jahren von Schweizer Lehrpersonen in einem Klassenzimmer an einer internationalen Schule unterrichtet. In den Sommerferien waren sie mit dem Hilfswerk unterwegs. Oft wochenlang, manchmal tagelang, ohne andere Autos zu passieren.

Die Mongolei ist 40-mal so gross wie die Schweiz. Auf dieser Fläche wohnen aber nur rund drei Millionen Einwohner. Ein weiterer grosser Kontrast: Wohlstand. Das hat zum kleinen Kulturschock nach der Rückkehr der Familie geführt. Rüfenacht erzählt von dem ersten Mal, als er wieder in einer Migros-Filiale stand. In «Schockstarre» vor dem Joghurt-Regal mit 20 verschiedenen Sorten – und wohl noch etwas schockierter über die Frau davor, die sich beschwerte, weil ihre Lieblingssorte ausgegangen war. «In der Mongolei waren wir erstens froh, wenn wir überhaupt ein Joghurt bekamen, und zweitens, wenn es nicht sauer war.»

Diese Erfahrungen hätten ihm gutgetan, liessen ihn heute noch profitieren. So sehe er nicht alles als selbstverständlich an, gehe wohl gelassener durch den Alltag, als andere. Oft werde in der Schweiz schon auf hohem Niveau gejammert. Einigen würde solch ein «Tapetenwechsel» vermutlich auch guttun.

Faszination Arbeitsprozesse

Lebt er heute nicht auch in einer anderen Welt als in der Mongolei? Macht die Digitalisierung nicht auch einfache Jobs überflüssig? Rüfenacht sagt, dass es zwar «punktuell» zu Jobverlusten kommen wird. «Das war schon bei der Erfindung der Eisenbahn so. Und damit hat man eine grosse industrielle Wertschöpfung erreicht.» Zudem treffe er sich trotz Videokonferenzen immer noch persönlich mit Teamkollegen, in Zürich, Bern, oder im Labor in Lausanne. «Persönlicher Kontakt ist unabdingbar», so der Produkt-Manager. Die Maschine kann den Menschen nicht ganz ersetzen.

Zudem habe es ihn schon in der Mongolei fasziniert, Menschen und ihre Arbeit zu erleben, «zumindest ansatzweise» die Kultur zu verstehen. Dieses Interesse ist geblieben. Auch als der Einstieg ins hiesige Bildungssystem «happiger als erwartet» war. Nach einem Versuch an der Kantonsschule machte Rüfenacht eine Lehre als Biologie-Laborant. Und schliesslich begann er zu studieren und sich mit Arbeitsprozessen auseinanderzusetzen. Wie in der Mongolei – wenn dort auch noch nicht mit virtuellen Assistenten.

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