Museum Altes Zeughaus

Wie geheim darf es in einer Demokratie zugehen? So trieb es die Geheimorganisation P-26

Das Museum Altes Zeughaus Solothurn zeigt seine neue Sonderausstellung «P-26» – Geheime Widerstandsvorbereitungen im Kalten Krieg». Ein Rundgang in die jüngste Vergangenheit der Schweiz.

Geheimbünde, Geheimdienste, Geheimagenten – nichts scheint faszinierender zu sein, als geheime Machenschaften. Wird das Geheimnis zum Skandal, bekommt das Ganze eine weitere Dimension des faszinierenden. Die Aufdeckung der Geheimorganisation P-26 im Jahr 1990 im Nachgang zum Fichenskandal hat all diese Attribute. Und auch wenn die ganzen Vorgänge mit ihren medialen Irrungen und Wirrungen, mit ihren politischen und personellen Konsequenzen inzwischen dreissig Jahre her sind – noch immer haben sie das Potenzial zum Aufreger, zu Diskussionen über Sinn und Unsinn einer Geheimorganisation in der Demokratie.

Dieser Tatsache standen auch Claudia Moritzi, Leiterin des Museums Altes Zeughaus und Ausstellungsmacherin Sandra Nicolodi gegenüber, als sie sich daran machten, eine Sonderausstellung mit dem Titel «P-26 – Geheime Widerstandsvorbereitungen im Kalten Krieg» einzurichten. «Letztes Jahr erschien das Buch von Titus J. Meier ‹Widerstandsvorbereitungen für den Besetzungsfall – Die Schweiz im Kalten Krieg›. Dieses Buch und die Veröffentlichung des sogenannten Cornu-Berichts, des Berichts über die Administrativuntersuchung von 1991, ebenfalls im Jahr 2018 anonymisiert veröffentlicht, veranlassten uns, diese Ausstellung ins Leben zu rufen.»

Moritzi betont: «Wichtig war uns, eine neutrale Position einzunehmen. Ganz einfach aufzuzeigen, in welchem gesellschaftlichen und politischen Umfeld die P-26 aufgebaut wurde und wie sie wieder von der Bildfläche verschwand.»

Die Schweiz zwischen«Gut» und «Böse»

Doch was war die P-26? «Es war eine geheime Organisation von gewöhnlichen Männern und Frauen aus der Zivilbevölkerung – Hausfrauen, Akademiker, Handwerker», schreibt Titus Meier. «Sie wurden dazu ausgebildet, im Besetzungsfall der Schweiz durch eine fremde Macht Widerstand zu leisten. Sie verstanden sich nicht als militärisches, sondern als politisches Rückgrat der Landesregierung.»

Im ersten Bereich der Ausstellung, die ganz mit Wänden, die mit schwarzen Netzstoff bezogenen sind aufgebaut ist, wird auf die Situation der Schweiz im Kalten Krieg eingegangen. Die Welt spaltete sich damals in Ost und West – Gut und Böse je nach Standpunkt. Krieg war eine stete Bedrohung, der man etwas entgegenhalten musste. Bunker, als Chalets getarnt, wurden gebaut. Ab den 1960-Jahren kam es zu gesellschaftlichen Umbrüchen: Kritik wurde geübt an der Atomkraft, an der Geschlechterordnung, am «Schnüffelstaat», am Vietnamkrieg.

1969 veröffentlichte der Bund Albert Bachmanns Zivilverteidigungsbüchlein, worin der Bevölkerung empfohlen wurde, Notvorräte anzulegen, im Zivilschutzbunker Schutz zu suchen und Widerstand zu üben. Kommunisten, Friedensaktivisten oder Atomgegner waren subversiv. Wie sich 1990 im Fichenskandal zeigte, wurden in diesen Jahren über 900'000 Personen und Organisationen überwacht.

Vom «Spezialdienst» zur Schaffung der P-26

1967 übernimmt der neu gegründete «Spezialdienst» Widerstandsvorbereitungen für den Fall einer Besetzung der Schweiz. Ab 1976 leitete Albert Bachmann (Deckname «Tom») die Abteilung. 1979 wurde der «Spezialdienst» reorganisiert und Efrem Cattelan, Oberst im Generalstab, übernahm. Der «Spezialdienst» erhielt den neuen Decknamen Projekt 26 (P-26). Diese Bezeichnung bezieht sich auf den Artikel 426 der Gesamtverteidigungskonzeption von 1973, die im Artikel mit dieser Nummer Widerstandsvorbereitungen beschreibt.

Der eigentliche Aufbau der P-26 geschah ab 1981. 300 Personen, Männer und Frauen wurden rekrutiert. «Es sollten möglich unauffällige, aber treue Schweizerinnen und Schweizer sein», sagt Moritzi. In der Ausstellung ist es möglich, als Besucher selbst einen «Eignungstest» durchzuführen. Man liest über konspiratives Verhalten, tote Briefkästen oder Erkennungssätze. P-26-Mitglieder berichten an Hörstationen von ihrem Wirken und man findet Organigramme, die aufzeigen, wie die P-26 im Ernstfall in 40 Regionen in der Schweiz agiert hätte. «Nur die wenigsten Mitglieder kannten sich untereinander», weiss Moritzi, denn bei Ausbildungskursen mussten Sturmmasken getragen werden. Ob man sich zum Geheimträger eignet, kann ebenfalls in der Ausstellung getestet werden. Ein Hauch von James Bond lässt sich nicht ganz verleugnen, umso mehr auch Schiessen und das Hantieren mit Sprengstoff in einer der Fachgruppen der P-26 geübt wurde.

1990 wurde die P-26 im Zuge des Fichenskandals enttarnt; ein politisches Erdbeben überrollte die Schweiz. Es folgte eine PUK, worauf der Bundesrat kurzerhand die Auflösung der P-26 beschloss, noch bevor sie richtig aufgebaut war. Parlamentsdebatten von über neun Stunden Dauer können an einer Hörstation mitgehört werden. «Was übrig blieb ist Gold in Form von Goldplättchen, Sanitätsmaterial, nicht mehr einhaltbare Verträge und über 580 kg Akten», erzählt Moritzi. Die Mitglieder wurden aus ihrem Dienst entlassen, aber noch bis 2009 zur Geheimhaltung verpflichtet.

Ab 2007 bekamen sie Urkunden, in denen sie rehabilitiert wurden. Noch bis 2041 sind die Mitgliederlisten unter Verschluss. «Wir wollen mit der Ausstellung erklären, wieso man auf die Idee kam, eine Widerstandsorganisation aufzubauen, aber auch, wieso die Reaktionen bei deren Enttarnung heftig waren. Und wir wollen dokumentieren, was man heute über die Organisation weiss.»

Bis 13. April 2020. Mit vielen Rahmenveranstaltungen.

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