Lehrplan 21
«Ufzgi» sind Lehrersache: Der Kanton diktiert keine Hausaufgaben

Kanton und Lehrerschaft wollen Hausaufgaben an der Solothurner Volksschule beibehalten – Lehrplan 21 hin oder her. Die Diskussion rund ums Thema bleibt indes anspruchsvoll; das letzte Wort fällt in den einzelnen Schulen.

Noëlle Karpf
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Die Hausaufgaben, die der Lehrer aufgibt, sind leider nicht freiwillig – freiwillig ist dafür die Hausaufgaben-Empfehlung des Kantons an die Schulen. Am Schluss können die einzelnen Lehrpersonen selber entscheiden.

Die Hausaufgaben, die der Lehrer aufgibt, sind leider nicht freiwillig – freiwillig ist dafür die Hausaufgaben-Empfehlung des Kantons an die Schulen. Am Schluss können die einzelnen Lehrpersonen selber entscheiden.

KEYSTONE

Die Seite im Zahlenbuch fertigmachen. Wörtchen lernen. Das Diktat üben. Hausaufgaben gehören im Kanton Solothurn zur Volksschule. Daran ändert auch der Lehrplan 21 nichts. Anders als im Bernischen oder Luzernischen. Die Gemeinde Köniz etwa hat die klassischen «Ufzgis» mit dem neuen Lehrplan abgeschafft. Auch in Kriens gibt es keine Hausaufgaben mehr. Dafür haben die Schülerinnen und Schüler nun individuelle Lernzeit im Unterricht, während der sie Aufgaben lösen können. Zu Hause arbeiten sie nur noch, um etwa Prüfungen vorzubereiten.

Der Kanton Solothurn hält indes weiter an den klassischen Hausaufgaben fest. «Ufzgi» könnten zwar durchaus ein umstrittenes Thema sein, so Andreas Walter, Leiter des Volksschulamtes (VSA). Ab und zu komme auch hier die Frage auf: «Braucht es überhaupt ‹Ufzgi›?», heftig diskutiert von einer «Ja-» und einer «Nein-Fraktion». Der Kanton beschäftige sich deshalb von Zeit zu Zeit auch mit dieser Frage. Derzeit beantwortet er sie klar mit Ja.

Seit 1992 die selben Richtlinien

Das sind die Empfehlungen für Hausaufgaben

15 Minuten Hausaufgaben pro Tag – Erst- und Zweitklässler im Kanton Solothurn sollten im Schnitt nicht mehr «Ufzgi» erhalten. Weniger geht immer. In der 3. und 4. Klasse sind es 30 Minuten, bis zum Ende der Primarschule dann 30 bis 45 Minuten. Oberstufenschülerinnen und -schüler sollten täglich höchstens eine Stunde Hausaufgaben machen müssen.

Das hält der Kanton auch in seiner Richtlinie so fest, einem Schreiben, das es schon seit den 90er-Jahren gibt. Hausaufgaben sollten den Unterricht «ergänzen und bereichern», heisst es dort etwa. Darin macht der Kanton auch eine ungefähre Angabe dazu, wie viel Hausaufgaben höchsten aufgetragen werden sollten. «Das ist aber kein Muss», stellt Walter klar. Sondern lediglich eine Empfehlung. Laut dem VSA-Leiter könne die Schule aber nicht Zeit für alles bieten – so mache es etwa Sinn, Wörtchen ausserhalb des Unterrichts zu lernen.

Im Lehrplan 21 steht zu den Hausaufgaben lediglich, dass Kinder im Stande sein sollten, die Aufgaben eigenständig zu lösen sowie sich auf Prüfungen vorzubereiten. Mit der Hausaufgabenpraxis habe der neue Lehrplan nicht viel zu tun, so Walter. Und auch nicht nur mit der Vorgabe des Kantons. Denn am Schluss gilt: «Die Lehrperson entscheidet.»

«Ufzgi» sollen Sinn machen

Aus dem Solothurner Lehrerinnen- und Lehrerverband (LSO) klingt es ähnlich: Der Lehrplan 21 ändere nichts an der Hausaufgabenpraxis im Kanton, so Präsidentin Dagmar Rösler. Vergangenes Jahr hat der LSO eine Umfrage dazu durchgeführt. Das Ergebnis: 95 Prozent der befragten Lehrpersonen erteilen Hausaufgaben. Zwei Drittel sprachen sich gegen die Abschaffung der «Ufzgi» aus. «Ich stelle auch ohne diese Umfrage keine grundsätzliche Tendenz fest, mit den Hausaufgaben herunterzufahren», so Rösler. Insofern stützt der LSO das VSA. Rösler fügt aber an, dass nicht nur Zeitvorgaben wichtig sind, wenn es um die Hausaufgaben geht.

«Hausaufgaben machen nur Sinn, wenn diese vom Kind weitgehend selbstständig gelöst werden können.» Weshalb die Lehrperson je nach Klasse auch nicht allen Kindern die gleichen Hausaufgaben erteilen muss. «Ufzgi» seien weiter nur sinnvoll, wenn sie bereits Gelerntes verfestigen, klein portioniert und interessant sind. «Hausaufgaben zu geben, nur damit etwas im Hausaufgabenbuch steht, ist auf keinen Fall erstrebenswert.»

«Ufzgi»-Arbeitsgruppe geplant

«Ufzgi» sind also vor allem Lehrersache. Je nach Kanton haben die Behörden mehr oder weniger Einfluss. So hat etwa zeitgleich mit der Einführung des Lehrplans 21 der Kanton Bern die Vorgaben zur maximalen Hausaufgabendauer der Schülerinnen und Schüler in der Woche auf Primarstufe um zwei Drittel, auf Oberstufe um die Hälfte verkürzt.

Das ist im Kanton Solothurn kein Thema. «Wir wollen nur dort eingreifen, wo es wirklich auch Regeln braucht», erklärt Walter. «Unterricht findet vor Ort statt, die Schulen, die Klassen stehen im Zentrum. Der Kanton gibt nur Orientierung», und sei von daher eher «liberal» aufgestellt. Dafür überprüft das VSA von Zeit zu Zeit seine Richtlinien – die eingangs gestellte Frage: «Braucht es überhaupt Ufzgi?» Von Zeit zu Zeit. Aktuell soll eine Arbeitsgruppe gebildet werden, um diese Frage neu zu beantworten.

Die Diskussion ist laut Rösler vom LSO sehr «kontrovers». «Die Situation zu Hause hat sich verändert, die Schule steht im stetigen Wandel, das Freizeitangebot ist vielfältiger geworden, die Anforderungen an den Nachwuchs, auch im Hobby erfolgreich zu sein, sind ebenfalls gestiegen.» So wie die Anzahl Lektionen, die Kinder heute an der Schule verbringen. Für eine Weiterführung der Hausaufgabenpraxis spreche, dass Eltern so einen Einblick in das Lernen ihrer Kinder erhalten. Auf der anderen Seite gebe es auch Eltern, die ihre Kinder bei den Hausaufgaben nicht unterstützen könnten oder wollten. «Dies macht eine einheitliche, für alle gültige Hausaufgabenregelung extrem schwierig.»