Claudia Meier
Transfrau führte jahrelang ein Doppelleben - für ihr Glück musste sie kämpfen

Mit der Transsexualität greifen die Aktionstage Psychische Gesundheit ein Tabuthema auf. Claudia Meier spricht in Zuchwil darüber, wie sie als Mann geboren wurde und lange versuchte, auch Mann zu sein. Nur versteckt lebte sie, was sie fühlte.

Ornella Miller
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«Es brauchte ein auffangendes soziales Netz, dann erst konnte ich mich outen», sagt Claudia Sabine Meier.

«Es brauchte ein auffangendes soziales Netz, dann erst konnte ich mich outen», sagt Claudia Sabine Meier.

Michel Lüthi

Vermutlich sind Sie eine Frau oder ein Mann, haben entsprechende körperliche Geschlechtsmerkmale und fühlen sich dementsprechend weiblich oder männlich. Versuchen Sie nun, sich als gegengeschlechtlich zu fühlen und dementsprechend zu sein. Gelingt Ihnen das?

Stellen Sie sich gar vor, Sie hätten einen gegenpoligen Körper. Statt Brüste hätten Sie einen Penis und umgekehrt.

Stellen Sie sich weiter vor, Sie müssten so gefälligst glücklich oder zufrieden sein mit «umgekehrter» Identität und «umgekehrtem» Körper. Und das müssten Sie ein Leben lang spielen, um in der Gesellschaft als normal zu gelten.

Claudia Meier, mit männlichen Geschlechtsmerkmalen geboren, hat jahrzehntelang versucht, als Mann zu leben, obwohl sie sich schon als Kind als weiblich empfunden hat. Im Rahmen der «Aktionstage Psychische Gesundheit» erzählte sie am Donnerstag von ihrer langen Leidensgeschichte.

Vor drei Jahren begann die Transfrau schliesslich eine Geschlechtsangleichung mit Hormontherapie und Operationen. Aus dem bekannten Hotelbesitzer des Schwefelbergerbads Andreas wurde so Claudia, die heute zufrieden zu sein scheint.

Ganz Konkret: «Wie ist der Sex nun?»

Claudia sprach Klartext: Auch neugierige Fragen beantwortete sie gelassen.

«Bezahlte die Krankenkasse für die Operationen?»

«Die Krankenkasse übernahm einen guten Teil davon. Ich unterzog mich in Deutschland meinen beiden Operationen, sodass es mit rund 30 000 Euro günstiger kam, als es in der Schweiz mit etwa 60 000 Franken gekommen wäre. Ich erwog auch, in der Schweiz zu operieren, aber die Fallzahlen sind hier zu gering. Der Münchner Arzt führt wöchentlich mindestens zwei derartige Operationen durch. Er lehnt sich an eine asiatische Methode an.»

«Wie ist der Sex nun?»

Claudia erhielt operativ Vagina und Vulva, die aus ihrem Penis und ihren Hoden entstanden. «Ich weiss ja nicht, wie es als gebürtige Frau ist, aber bei mir sind die Operationen extrem gut gelungen. Während es früher penetrierend war, ist es heute einfach empfangend.»

«Wie steht es mit dem Bart?»

«Da ich eigentlich rothaarig bin, konnte bei mir keine Laserbehandlung erfolgen. Ich liess mir deshalb die Barthaare mittels Nadel-Epilation in sehr schmerzhaften 120 Sitzungsstunden entfernen. Das fühlte sich an wie ein Wespenstich alle drei Sekunden. In der Regel verteilt man das auf 4 Jahre, ich zog die Behandlung in 6 Monaten durch. Gewisse Hautschäden sind nicht vermeidbar und erfolgten auch bei mir. Damit muss ich leben, das ist aber besser als rasieren.»

«Kennen Sie ‹Coco›, die berühmte Berner Transfrau, die Suizid beging, und was unterscheidet Sie von ihr?»

«Ich lernte sie persönlich kennen. Man setzte bei ihr in der damaligen Zeit nach einer gewissen Weile die Hormone ab. Deshalb wurde sie depressiv und bekam Osteoporose. Sie war bezüglich Suizid auch familiär vorbelastet. Heutzutage müssen wir die Hormone lebenslang einnehmen und bekommen sie von der Krankenkasse bezahlt.»

«Wie lange mussten Sie für die Operationen im Spital bleiben?»

«Für die erste Operation 14 Tage, für die zweite 10 Tage. Die zweite war mehr «revisionierend», bei der man Details verfeinerte.»

Aufgezeichnet: O. Miller

Immer wieder habe sie gemeint, durch Erlangung von rollentypischem Status tatsächlich ein Mann zu werden. Durch Eintritt ins Militär, durch Ehe und durchs Vaterwerden der Tochter. Aber das führte nicht zu einem männlichen Inneren. Beispielsweise war sie im Militär als Koch tätig. Hat – typisch weiblich – für andere gesorgt.

Für Claudia war es schon als Kind und Jugendliche verwirrend, dass ihr Körper nicht zu ihrer Identität passte. «Seit ich 17 Jahre alt war, führte ich ein Doppelleben.» Eindrücklich schilderte sie, wie sie ihre wahre Identität stets verheimlichen musste. Ihre Devise lautete: «Mich ja nicht erwischen lassen.»

Das Outing erfolgte nach mehreren Suizidversuchen

Als Hotelier zum Beispiel schlich sie sich nach einem 18-stündigen Arbeitstag auf Zehenspitzen als Frau gekleidet nach Zürich, um sich mit andern zu treffen. Diese beiden Welten mussten strikte getrennt bleiben. Claudia verzweifelte oft.

Mehrere Male versuchte sie, sich das Leben zu nehmen. Mit dem Messer, mit dem Strick, mit ihrer Dienstwaffe. Danach habe sie sich jeweils gesagt: «Jetzt musst du Hilfe holen.» Sie hatte Angst, es jemandem anzuvertrauen. Angst vor Verlust ihrer sozialen Beziehungen, vor Verlust des sozialen Status.

Dank einer Psychotherapeutin in Zürich gelang es Claudia in vielen Sitzungen, sich zu öffnen. Das Outing erfolgte in Etappen; damalige Partnerin Esther, Schwester, Eltern, Mitarbeiter, Kunden, mediale Öffentlichkeit. Die reagierten zum Glück gut, wohlwollend.

«Ich hätte früher noch kein so grosses Selbstbewusstsein gehabt», meinte Claudia, «um mich schon vorher zu outen. Ich hatte keinen Mut.»

Beschämendes Zwangsouting auf den Ämtern

Mit ihren langen, zu einem dicken Zopf gebundenen blonden Haaren erinnerte sie ein wenig an eine nordische Heldin. In manchen Momenten ihres Auftritts wechselte sie von ihrer hohen Kopfstimme zu einer tieferen.

Claudia musste für ihren Namenswechsel kämpfen und für ihren offiziellen weiblichen Geschlechtsstatus. Beschämend, wie sie in Ämtern zum Zwangsouting getrieben wurde. Ihren Kampf hat sie gewonnen.

Eigentlich müsste sie sich also nicht mehr in der Öffentlichkeit erklären. Aber sie tut es für andere mit ähnlichen Problemen.

Claudias Anderssein kam erst zutage, nachdem sie sich akzeptierter fühlte: «Zunächst brauchte es ein auffangendes soziales Netz, dann erst konnte ich mich outen. Bei mir war die Psychotherapeutin dieses erste Netz.»

Die Eltern hätten nichts falsch gemacht: «Meine Eltern müssen sich keine Vorwürfe machen. Es durfte ganz einfach niemand davon wissen.»
Einige Stimmen aus dem altersgemischten und zum Tell weit angereisten Publikum: «Es war sehr interessant und beeindruckend, wie offen sie sprach.»

Oder: «Ich staune über so viel Ehrlichkeit. Sie öffnet dadurch vielleicht manchen die Türe.» – «Sehr sympathisch mit grosser Strahlkraft.» – «Sie kämpft bis aufs Blut.» – «Ich muss das zu Hause nun etwas verarbeiten.»

Bestimmt hat die charismatische, manchmal kecke, manchmal zartverletzliche Claudia dazu beigetragen, Transmenschen etwas besser zu verstehen, ja sich überhaupt einmal darauf einzulassen.

Bald soll Tanssexualität nicht mehr als psychische Störung gelten

Transmenschen sind Menschen, die sich dem andern Geschlecht zugehörig fühlen und nicht jenem, mit dem sie von Geburt an körperlich ausgestattet wurden. So ist eine Transfrau mit männlichen Geschlechtsmerkmalen geboren, fühlt sich aber als Frau und möchte als Frau akzeptiert werden.

Die sexuelle Orientierung ist damit nicht quasi «automatisch» entschieden – sowohl ein Transmann als auch eine Transfrau kann nämlich heterosexuell, homosexuell oder bisexuell sein. Für Transmenschen wird immer noch meist der Begriff «transsexuell» verwendet, obwohl viele Betroffene ihn ablehnen, denn der Fokus liegt nicht beim Sexuellen, sondern bei der Identität.

Die Angleichung an das andere Geschlecht kann durch Verhaltensänderung, Hormontherapie oder gar Operationen (bei denen etwa der Penis amputiert und zum Teil damit eine Vagina erzeugt wird) erfolgen.

Die Ursachen sind nicht geklärt. Es ist auch nicht möglich, das Phänomen «wegzutherapieren» etwa in dem Sinne, dass man den Betroffenen ihre Geschlechtsidentität «ausredet». Für Transmenschen ist es offensichtlich keine «Wahl» zu einer bestimmten Geschlechtsidentität, sondern das Empfinden und Sein des Geschlechts ist für sie eine «Tatsache».

In der entsprechenden zukünftigen Klassifizierung der Weltgesundheitsorganisation WHO, die 2017 in Kraft treten soll, soll Tanssexualität nicht mehr als psychische Störung gelten, sondern als medizinischer Zustand.

Wie viele Transmenschen es gibt, ist unbekannt, da fast keine Erhebungsdaten existieren. Man schätzt, dass es weniger als 1 Prozent der Gesamtbevölkerung sind.

Betroffene sagen, dass sie schon als Kind fühlten, dass sie eigentlich dem andern Geschlecht zugehören. Wohl die meisten Transmenschen durchleben einen langen Leidensweg, viele sind suizidal.

Der früher übliche Ausdruck «Geschlechtsumwandlung» wird durch die Bezeichnung «Geschlechtsangleichung» ersetzt. Denn selbst mit einer Operation kann man das Geschlecht nicht vollständig umwandeln, sodass zum Beispiel auch die Fortpflanzung funktionieren würde.

In der Schweiz wird für die Durchführung einer geschlechtsangleichenden Hormontherapie und Operation ein psychiatrisches Gutachten verlangt.

Der letztjährige Gewinner des Eurovision Song Contests, Conchita Wurst, ist kein Transmensch. Sondern er ist körperlich gerne Mann. Er schlüpft aber als Travestiekünstler in die Rolle der Frau, besonders deshalb, um sich für Homosexuelle einzusetzen. Denn er selber ist homosexuell. (omb)