Das ist Ihre erste Preisverleihung als Geschäftsführerin der Stiftung. Gibt es Neuerungen im Auswahlverfahren?

Regula Buob: Die diesjährige Auswahl wurde noch im alten Stil durchgeführt. Vieles wurde dieses Jahr evaluiert, diskutiert und mit dem Stiftungsrat haben wir für das Anmeldeverfahren 2016/17 neue Schritte eingeleitet. Der Auswahlprozess wird zeitlich gestrafft und gleichzeitig werden die Schlüsselfaktoren etwas anders gewichtet. Neu steht die Unternehmer-Persönlichkeit mehr im Fokus. Deshalb haben wir den Kreis von Kandidaten, die ihre Idee persönlich präsentieren, erweitert. Bislang wurden die zehn Kandidaten oder Nominees zur persönlichen Präsentation eingeladen. Neu, ab 2017 sind es zwischen 16 und 20 Unternehmer.

Wieso soll der Unternehmer als Person mehr Gewicht erhalten? Reicht es nicht mehr, eine gute Idee zu haben?

Mit der Idee alleine ist es nicht getan. Wir wollen sehen, welche Menschen dahinter stehen, die Unternehmer-Persönlichkeit spüren. Dazu gibt es ein gutes Beispiel. Anton Gunzinger hat vor Jahren mit seinem «Super-Computer» den Preis gewonnen. Das Produkt existiert nicht mehr, aber Gunzinger ist weiterhin als Unternehmer erfolgreich unterwegs. Scheitern ist explizit erlaubt. Ein hungriger Unternehmer lässt sich nicht stoppen, auch wenn sein Produkt nicht erfolgreich auf den Markt kommt. Er macht weiter.

Bei der Stiftung werden jährlich über 200 Projekte eingereicht. Hat es auch aussichtslose Ideen darunter?

Aussichtslos ist das falsche Wort. Aber teilweise passen die Produkte oder Dienstleistungen nicht in unser Selektionsverfahren; sie müssen hochinnovativ sein, eine gesamtgesellschaftliche Relevanz aufweisen, technisch und finanziell umsetzbar sein und grosse Marktchancen haben. Wir wollen Firmen, die «gross» denken und etwas verändern wollen.

Gestaltet sich die Selektion schwierig?

Die Auswahl ist angesichts der grösstenteils hohen Qualität der Projekte anspruchsvoll. Dieses Jahr sind knapp 100 in den Ausschuss zur näheren Beurteilung gekommen. Letztlich kommen rund 20 in den Pool der Kandidaten. Das bedeutet aber nicht, dass die nicht berücksichtigten Unternehmer nichts taugen. Eigentlich hätten jeweils viel mehr Jungunternehmer den Preis verdient.

Arbeitet die Stiftung unabhängig oder gibt es auch Beeinflussungsversuche?

Diese Frage habe ich mir bei Antrittsbeginn als Geschäftsführerin auch gestellt. Aber ich habe sofort gespürt, dass die Stiftung wirklich unabhängig agiert. Wir sind dank dem gut dotierten Stiftungskapital finanziell unabhängig. Und selbst wenn jemand einen Preis stiftet, bedingen wir uns aus, dass die Auswahl einzig und allein dem Stiftungsrat unter Beizug von qualifizierten Persönlichkeiten aus den jeweiligen Fachgebieten obliegt. Die Unabhängigkeit ist die Voraussetzung für die Glaubwürdigkeit der Stiftung. Nur so kann die Stiftung eine qualitativ hochstehende Wirtschaftsförderung auf privater Basis betreiben.

Auffallend ist, dass selten einheimische Unternehmer unter den Gewinnern sind. Sind die Solothurner zu wenig innovationsfreudig?

Nein, überhaupt nicht. Aber viele Innovationen entstehen in den Hochschulzentren beispielsweise in Zürich oder in Lausanne mit den ETHs. Ich spreche von Saugnäpfen, dort findet eine Kumulierung der Ideen statt. Bonuspunkte für Solothurner gibt es keine.

Die meisten Gewinner entstammen dem universitären Umfeld. Gibt es keine Tüftler mehr, die in ihrer Werkstatt bahnbrechende Ideen erfinden?

Das universitäre Umfeld ist keine Voraussetzung. Wir sind offen für alle Geschäftsideen, auch für solche aus der Praxis im KMU-Bereich – sie müssen also nicht aus einer Hochschule kommen. Aber Tatsache ist, dass sich diese viel weniger bei uns melden, das universitäre Umfeld dagegen ist in dieser Beziehung viel aktiver.

Sind die Tüftler aus dem KMU-Kreis zu wenig selbstbewusst?

Nein, das finde ich nicht. Es sind Macher, die in der Regel in ein bestehendes, am Markt bereits aktives Unternehmen eingebettet sind und vielleicht weniger auf Preise als Auszeichnung fokussiert sind.

Oder sind die innovativen Produkte oder Fertigungsmethoden aus der Industrie zu wenig «attraktiv»?

Das wäre ein falscher Eindruck. Die Auswahl erfolgt nicht branchenspezifisch. Aber Tatsache ist, dass in den Branchen wie IT, Bio- und Medtech oder Pharma wahrscheinlich am stärksten nach Innovationen gesucht wird. Das wird aber von uns nicht gesteuert. Wir wollen auf gar keinen Fall als elitärer Zirkel gelten. Die Tür der Stiftung steht allen Unternehmern vorurteilslos offen.

Die Gewinner erhalten je 100'000 Franken. Das reicht nicht lange. Kann die Stiftung mehr bieten als Geld?

Also, es handelt sich für ein Start-up doch um einen hohen Betrag. Aber klar ist auch, dass die Summe rasch «verbrannt» ist. Die Gewinner können nebst dem Geld vom grossen Netzwerk der Stiftungsräte profitieren und erhalten auch einen grossen Support. Alle Mitglieder stehen den Firmen mit ihrem breiten Know-how zur Verfügung. Auch bereiten wir die Jungunternehmer auf den schwierigen Weg zur Beschaffung weiterer Mittel bei potenziellen Investoren vor. Wir stellen kritische Fragen zur Person, zur Firma und zum Produkt. Zudem ist der W.A. de-Vigier-Preis ein sehr gutes Marketinginstrument.