Partnerschaft

«In zehn Jahren fliegen wir mit Elektrojets»: Klimawandel beschäftigt auch Breitling-CEO und Flugpionier

Bertrand Piccard (links) und Georges Kern bei der Präsentation der limitierten Breitling Cockpit B50 Orbiter in Genf. Eine Uhr (Piccard trägt sie) in Erinnerung an die Ballon-Weltumrundung durch Piccard vor 20 Jahren.

Bertrand Piccard (links) und Georges Kern bei der Präsentation der limitierten Breitling Cockpit B50 Orbiter in Genf. Eine Uhr (Piccard trägt sie) in Erinnerung an die Ballon-Weltumrundung durch Piccard vor 20 Jahren.

Was passiert, wenn Pioniergeist und Unternehmertum aufeinandertreffen? Aussergewöhnliches, wie die Partnerschaft zwischen der Grenchner Uhrenfirma Breitling und Bertrand Piccard belegt. Im Doppelinterview sprechen Breitling- Geschäftsführer Georges Kern und Bertrand Piccard über die Herausforderung Klimawandel, die Angst vor dem Scheitern und die Zukunft des Fliegens.

Mit dem Lift geht es hoch in den fünften Stock des Fünf-Sterne-Hotels Four Seasons. In einem Eckzimmer sitzen Georges Kern, CEO von Breitling, und Bertrand Piccard, Psychiater und Pionier, auf zwei Sofas an einem Couchtisch. Draussen kreisen die Möwen über dem Genfersee, es ist am Eindunkeln, während sich die beiden angeregt unterhalten. Über gemeinsame Abenteuer, neue Ideen und die globale Herausforderung Klimawandel.

Georges Kern, Breitling-Uhren sind gemeinhin als Pilotenuhren bekannt – und das in Zeiten, in denen über Flugscham gesprochen wird, Umweltschutz eine neue Priorität geniesst. Wie gehen Sie mit diesem Widerspruch um?

Georges Kern: Ein sehr wichtiger Punkt, den Sie ansprechen. Bevor ich zu Breitling kam, hat sich das Unternehmen nicht im Bereich Umweltschutz engagiert und stark auf das Pilotenimage gesetzt. Aber wir sind dabei, das zu ändern, haben mehrere Schritte unternommen, um diesem Widerspruch entgegenzuwirken.

1965 in Düsseldorf geboren, studierte Georges Kern Politologie in Strassburg und Betriebswirtschaftslehre in St. Gallen. Im Jahr 2000 kam er in die Luxusuhrenindustrie. Nach nur zwei Jahren wurde er CEO von IWC und damit der jüngste Boss im Imperium der Richemont Group. Unter ihm wurde Richemont CO2-neutral, ein Ziel, das er nun in aller Konsequenz auch mit Breitling verfolgt.

Georges Kern

1965 in Düsseldorf geboren, studierte Georges Kern Politologie in Strassburg und Betriebswirtschaftslehre in St. Gallen. Im Jahr 2000 kam er in die Luxusuhrenindustrie. Nach nur zwei Jahren wurde er CEO von IWC und damit der jüngste Boss im Imperium der Richemont Group. Unter ihm wurde Richemont CO2-neutral, ein Ziel, das er nun in aller Konsequenz auch mit Breitling verfolgt.

Was zum Beispiel?

Kern: Das kollektive Bewusstsein in Bezug auf Umweltschutz hat sich stark verändert. Breitling seinerseits hat die Sponsoring-Strategie neu ausgerichtet, angepasst einerseits an die globale Präsenz des Unternehmens und andererseits mit zukunftsweisenden und verantwortungsbewussten Engagements. Wie beispielsweise mit Ocean Conservancy zur Erhaltung sauberer Meere oder mit Outerknown, der nachhaltigen Bekleidungsfirma, gegründet von Surflegende Kelly Slater. Zudem arbeiten wir mit Persönlichkeiten wie Bertrand Piccard, David de Rothschild und Inge Solheim zusammen, die sich ebenfalls der Erhaltung der Natur verschrieben haben.

Die Partnerschaft mit dem Breitling Jet Team beenden Sie Ende 2019 . Die Unterstützung für die Patrouille Suisse bleibt aber bestehen.

Kern: Ja, das ist so. Es gibt aber einen entscheidenden Unterschied: Das sind Piloten der Luftwaffe, die sowieso fliegen müssen. Wir wollen uns auch nicht komplett aus der Luftfahrt zurückziehen, aber das Thema Nachhaltigkeit hat ganz klar eine viel grössere Bedeutung bekommen.

Mit welchen Konsequenzen?

Kern: Wir wollen in zwei bis drei Jahren CO2-neutral sein. Auch im Bereich Verpackungen arbeiten wir, wie erwähnt, hart, um in Zukunft gänzlich auf Plastik verzichten zu können. Wir haben vor kurzem eine neue umweltfreundliche Nato-Armbandkollektion lanciert, die ausschliesslich aus recycelten Nylonabfällen hergestellt wird. Unter anderem stammen diese von Fischernetzen. Und wir arbeiten mit Leuten wie Kelly Slater oder Bertrand Piccard zusammen, die sich stark für den Umweltschutz engagieren.

Seit der Weltumrundung mit Solar-Impulse durch Bertrand Piccard wissen wir, dass eine auf Sonnenenergie basierende Aviatik möglich ist.

Kern: Ja, ich erinnere mich, dass ich Bertrand kurz vor seinem Start in Genf traf und ihn fragte, wie gross denn die Wahrscheinlichkeit sei, dass die Luftfahrt künftig auf Wasserstoff oder Solarenergie setzen werde.

Und?

Bertrand Piccard: Die Aviatik hat sich rasend schnell entwickelt. Vom ersten erfolgreichen Flugversuch der Gebrüder Wright 1903 bis zum Abheben des ersten Düsenjets vergingen gerade einmal 41 Jahre. Noch einmal 25 Jahre später setzte Neil Armstrong als erster Mensch einen Fuss auf den Mond. Ich bin überzeugt, dass es in weniger als zehn Jahren Elektroflugzeuge geben wird, die zwei bis drei Stunden mit 50 Passagieren fliegen werden.

Der 61-jährige ausgebildete Psychiater und Hypnotiseur Bertrand Piccard erlangte als Pionier Weltberühmtheit. 1999 schaffte er zusammen mit Brian Jones die erste Non-Stop-Weltumrundung mit dem Ballon. 2016 umrundete er mit André Borschberg die Welt in einem Solar-Flugzeug. Danach entstand die Idee, 1000 Technologien zu finden, die nicht nur nachhaltig, sondern auch wirtschaftlich sind.

Bertrand Piccard

Der 61-jährige ausgebildete Psychiater und Hypnotiseur Bertrand Piccard erlangte als Pionier Weltberühmtheit. 1999 schaffte er zusammen mit Brian Jones die erste Non-Stop-Weltumrundung mit dem Ballon. 2016 umrundete er mit André Borschberg die Welt in einem Solar-Flugzeug. Danach entstand die Idee, 1000 Technologien zu finden, die nicht nur nachhaltig, sondern auch wirtschaftlich sind.

In weniger als zehn Jahren?

Piccard: Ja, das denke ich. Schliesslich gibt es schon heute ein Elektroflugzeug für neun Passagiere.

Kern: Ich will nichts kleinreden. Wir haben enorme Probleme und vielleicht bin ich zu optimistisch, aber ich bin überzeugt, dass die Wissenschaft und Technik auch auf unsere Umweltprobleme eine Antwort haben wird.

Daran arbeiten Sie, Herr Piccard.

Piccard: Ja, das ist genau ...

Kern: ... was seine Stiftung macht. Er ist auf der Suche nach 1000 ...

Piccard: ... Lösungen, die sowohl die Umwelt schützen, als auch finanziell rentabel sind, die Jobs schaffen und Gewinne abwerfen.

Wo stehen Sie?

Piccard: Bei fast 300 Lösungen. Wir haben nach dem erfolgreichen Solar-Impulse-Projekt entschlossen, dass wir das Projekt mit der Weltumrundung nicht beendet ist. Unterdessen sind 400 Experten und 1980 Unternehmen auf der Suche nach Lösungen. Ich bin beeindruckt von der Kreativität, mit der sie alle arbeiten.

Geben Sie uns Beispiele, bitte!

Piccard: Da gibt es zum Beispiel diese Technologie, die es ermöglicht, Plastik aus Abfällen der Milchproduktion zu fertigen. Ein Plastik, der nicht nur biologisch abbaubar ist, nein, man kann ihn sogar essen. Oder eine Innovation aus der Produktion von rostfreiem Stahl, eine Revolution. Man braucht dafür 99,9 Prozent weniger Wasser und spart dabei 99,1 Prozent der Kosten. Und dann gibt es da noch dieses Modul, das man an einen Verbrennungsmotor koppelt. Es reduziert den Partikelausstoss um 80 Prozent, führt zu 20 Prozent geringerem Treibstoffverbrauch und rechnet sich für ein Taxi, das viel unterwegs ist nach nur gerade sechs Monaten.

Kern: Glaubst Du eigentlich ans Elektroauto? Ich meine trotz der ungelösten Fragen beim Batterie-Recycling und der Umweltverschmutzung beim Abbau seltener Erden wie Lithium.

Piccard: Für mich ist die Antwort ziemlich klar. Ich ziehe einige zusätzliche Minen für die Gewinnung seltener Erden vor. Dabei entstehen lokale Probleme, denen man vor Ort mit Regulierung und der Durchsetzung der Menschenrechte begegnen kann. Der Klimawandel ist ein globales Problem und steuern können wir nichts. Wir verlieren die Kontrolle.

Und das sagt ein Pionier, ein Mann, der das Abenteuer und damit auch den zeitweiligen Kontrollverlust nur zu gut kennt.

Piccard: Viel gefährlicher als die Welt in einem Solarflugzeug zu umrunden oder in einem Ballon über dem Pazifik zu sitzen, ist es, auf einer Welt zu leben, die in einer Stunde eine Million Tonnen Öl verbrennt. Wir verschmutzen Luft und Wasser, das Klima verändert sich, die Ungleichheit wächst. Aber es gibt ein grossartiges Zitat von Henry Dunnant: «Nur wer verrückt genug ist, zu meinen, er könne die Welt verändern, kann sie verändern.» Deshalb arbeite ich daran.

So wie Ende August, da sprachen sie am G7-Gipfel mit den Grossen und Mächtigen dieser Welt. Ausser Donald Trump, der war in einem anderen Raum.

Piccard: Es ging ja schliesslich auch um Umweltschutz (lacht). Aber man muss nicht den Atlantik überqueren, um Haltungen wie jene von Trump zu finden. Ich war im Schweizer Parlament, weil Swisscleantech mich bat, vor einer Gruppe rechter Politiker zu sprechen, denen die Haare zu Berge stehen, wenn sie Umweltschutz hören.

Mit welchem Resultat?

Picard: Ich ging dahin, sagte, dass ich Ihnen von Technologien erzählen werde, welche die Schweizer Industrie wiederbeleben können. Technologien, die bereits existieren, die man brauchen kann, die neue Arbeitsstellen schaffen werden. Die Reaktion der Anwesenden war bezeichnend, sie sagten: «Ah, zum Glück sprechen Sie darüber. Als wir hörten, dass Sie kommen, befürchteten wir, dass sie über Umweltschutz sprechen würden.»

Kern: Aber zugleich stellen wir bei den jungen Menschen einen eindeutigen Mentalitätswandel fest. Für sie hat Umweltschutz eine extrem hohe Bedeutung, das sehe ich bei meinen eigenen Kindern. Das ist eine Entwicklung, die auch die Uhrenindustrie mit ihrer 250-jährigen Geschichte umwälzen wird. Will man neue Kunden ansprechen, muss man ihre Werte sehr ernst nehmen.

Gleichzeitig fliegen Sie sehr viel, was auch nicht gerade klimafreundlich ist.

Kern: Es ist leider kaum zu vermeiden in meinem Job. Wir sind ein weltweittätiges Unternehmen.

Sind Sie eigentlich oft in Grenchen am Breitling-Hauptsitz?

Kern: Ja, sehr oft. Ich reise übrigens immer mit dem Zug. Ich bin ein grosser Fan des öffentlichen Verkehrs in der Schweiz, man braucht hier kein Auto.

Die SBB werden sich bei all den Geschichten um Verspätungen freuen über Ihre netten Worte.

Kern: Ich habe das immer wieder erwähnt. Die Geschäftsleitung der SBB hat mich deshalb sogar schon eingeladen auf eine Fahrt beim Lokführer. Als Dankeschön. Leider habe ich es bisher noch nicht geschafft.

Sie könnten ja durchaus auch von Grenchen aus fliegen.

Kern: Nein, nein. Ich habe kein eigenes Flugzeug, keinen Ballon (lacht Piccard an) und auch keinen Pilotenschein. Wenn ich fliege, dann von Zürich aus und dann am liebsten mit der Swiss.

Vor zwanzig Jahren umrundeten Sie, Bertrand Piccard, mit Brian Jones die Erde mit dem Ballon. Als Pioniere. Wie fühlten Sie sich vor dieser Reise ins Ungewisse?

Piccard: Es gibt dieses falsche Bild des Entdeckers, der dem Tod ins Auge blickt und nicht mit der Wimper zuckt. Aber es beginnt damit, dass man am Morgen erbricht, weil man Angst hat in den Ballon zu steigen. Es war der dritte und letzte Versuch. Beim ersten landete ich nach nur sechs Stunden im Mittelmeer. Wir verloren Kerosin, die Kapsel war voller Wasser. Schlimmer kann man nicht scheitern. Beim zweiten Versuch stoppte uns die Politik, China gab uns keine Überflugerlaubnis. Und beim letzten Anlauf sind die Wettervorhersagen nicht gut. Alle applaudierten – und wir fühlten uns schrecklich.

Unter den Applaudierenden war Ihr Vater. Er tauchte in den 60er-Jahren auf fast 11'000 Meter, Ihr Grossvater flog als erster Mensch mit dem Ballon in die Stratosphäre. Fühlten Sie so etwas wie eine familiäre Verantwortung?

Piccard: Absolut. Aber es war kein Druck, ich wurde dazu inspiriert. Von zehn bis zwölf lebte ich mit meiner Familie neben Cape Kennedy. Ich sah sechs Starts von Apollo-Raketen direkt vor Ort bei der Nasa. Ich konnte die Menschen beobachten, die Raumfahrt-Geschichte schrieben. Das hat mich komplett verändert. Ich habe mir gesagt, das ist das wahre Leben. Sei es im Weltall, in der Wirtschaft, in der Politik, in der Spiritualität, in der Kunst, im Tanz – überall geht es darum, ein Risiko einzugehen, um etwas Neues zu schaffen, die Einstellungen der Menschen zu verändern, die Menschheit weiterzubringen und die Welt zu verbessern.

Eine grosse Herausforderung.

Piccard: Ja, aber ich habe unterdessen einige Dinge geschafft, die zuvor als unmöglich erachtet wurden. Weil ich ein fantastisches Team habe, grossartige Partner wie Breitling. Und weil ich keine Angst hatte zu versagen.

Diesen Mut brauchten Sie auch, Georges Kern.

Kern: (überlegt kurz) Ja, man hat oft an mir gezweifelt. Weil ich immer relativ jung war, als ich in immer verantwortungsreichere Positionen kam. Auch zuletzt, als ich den Film «Mon chien stupide» produzierte, begegneten mir wieder diese Zweifel. Was will der im Film-Geschäft? Der hat doch keine Ahnung. Aber ich habe letztlich einfach gemacht, was mir gefällt.

Auch mit dem Drehbuch. Es basiert auf dem Buch von John Fante, das eigentlich kein Happy End hat. Das ist bei Ihrer Verfilmung anders. Warum?

Kern: Ich mache immer alles für ein Happy – im Film oder im realen Leben. Filme ohne Happy End schaue ich genauso wenig wie Horrorfilme.

Piccard: Du hast das Ende angepasst?

Kern: Ja, habe ich. Aber weisst Du, das Buch von Fante ist sehr autobiografisch. Das ist seine Geschichte, seine Familie. Und seine Tochter Vicky hat den Film beim John-Fante-Festival gesehen, wo wir ihn erstmals gezeigt haben. Sie war so gerührt, das sie weinen musste.

Für Regisseur Yvan Attal und seine Partnerin und Schauspielerin Charlotte Gainsbourg war das kein Problem?

Kern: Nein, sie haben mich verstanden, mein Bedürfnis nach einem Happy End. Ich gebe ja zu, dass ich manchmal umschalte, wenn Reportagen über die Verschmutzung der Ozeane im Fernsehen laufen. Oder über Tierversuche. Das halte ich nicht aus, da werde ich verrückt. Aber deshalb unterstützen wir auch all diese Projekte.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1