Wirtschaftskrise
Gregory aus Griechenland: «Beton kann man nicht essen»

Wie die Wirtschaftskrise einen griechischen Rentner trifft – eine Solothurnerin erlebt das tragische Schicksal von Gregory hautnah mit. In Griechenland sah der heute 67-Jährige keine Zukunft für sich, also wanderte er aus.

Marianna Moser*
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Ohne seinen Garten müsste Gregorys Familie in Lesvos hungern. zvg

Ohne seinen Garten müsste Gregorys Familie in Lesvos hungern. zvg

Gregory wurde 1947 auf der Insel Lesvos geboren und wuchs dort in Armut auf. Schon bald realisierte er, dass Griechenland ihm keine Zukunftschancen bieten konnte. Arbeit war auch damals auf den Inseln Mangelware, und so beschloss er als 17-Jähriger, nach Australien auszuwandern. Als Hilfsarbeiter auf dem Bau arbeitete er sich in den 1960er- und 70er-Jahren langsam hoch, legte jeden Cent beiseite und konnte dann seine griechische Verlobte nach Australien holen. Sie heirateten und gründeten eine Familie. Ein Vierteljahrhundert harrten sie im Ausland aus, bis die Entscheidung anstand, für immer dort zu bleiben oder die Heimkehr anzutreten.

Gregory und seine Frau liebten ihr Heimatland sehr. Sie hegten den tiefen Wunsch, ihre Kinder zurück zu den Wurzeln zu führen. Und so entschieden sie sich, alles, was sie im Ausland aufgebaut hatten, abzubrechen und nach Griechenland zurück zu kehren.

Nach der Pension den Lebensabend geniessen

Jeden im Ausland zurückgelegten Cent investierte der Rückkehrer nun in seinem Heimatland in Immobilien. Er baute traditionsgemäss für seine drei Mädchen ein Haus als Mitgift auf. Für sich selbst errichtete er eine Taverne mit Mietwohnungen. Die nächsten Jahre führte er mit seiner Ehefrau die Taverne und die Wohnungen wurden vermietet. Die Kinder heirateten, Grosskinder wurden geboren, allen ging es relativ gut, bis Gregory ins Pensionsalter kam. Die Arbeit in der Taverne, wo er als «Angestellter» seiner Tochter arbeitete, gab er auf, um seinen Lebensabend zu geniessen.

2009 begann die grosse Eurokrise in Griechenland. Der Staat musste Einnahmen generieren und erhöhte, nebst vielen anderen einschneidenden Massnahmen, die Immobiliensteuer innerhalb von fünf Jahren um 700 Prozent. Und bis heute ist Gregorys Antrag auf die staatliche Pension hängig – seit zwei Jahren. Gregorys Schwiegersöhne verloren ihre Arbeit. Die ganze Familie ist heute auf die finanzielle Unterstützung der Schwiegereltern angewiesen.

Gregory pflanzt unermüdlich auf jedem Quadratmeter seines Gartens Gemüse und Früchten an, hält Hühner und versorgt damit seine 15-köpfige Familie mit Nahrung. Das durch seine Olivenhaine gewonnene Olivenöl verteilt er ebenfalls. Heute lebt er fast wie vor seiner Auswanderung. Seine mit australischem Geld erstellten Immobilien wurden vom Segen zur Plage. Auf jeden Quadratmeter, auch für Garagen und Autoabstellplätze, muss Gregory immer mehr Steuern bezahlen, auch wenn seine Häuser leer stehen.

Mit grosser Bitterkeit erklärt er: «Beton kann man nicht essen.» Statt nach lebenslanger harter Arbeit endlich seine Pension geniessen zu können, lasten nun finanzielle Sorgen auf seinen Schultern. Er fühlt sich vom griechischen Staat betrogen und hadert mit seinem Schicksal. Wäre er doch mit seiner Familie damals besser in Australien geblieben.

Leerstehende Häuser kosten nur

Und nun heisst es, dass der Durchschnittsgrieche reicher sei, als der Durchschnittsdeutsche. Der «Grieche» hat durchschnittlich mehr Land und Liegenschaften, als der «Deutsche». Doch hat niemand Geld, um Land zu kaufen. Die Häuser stehen leer und werfen keinen Ertrag ab. Im Gegenteil – sie kosten. Jetzt denken Gregorys Kinder erneut über ein Auswandern nach Australien nach.

* Marianna Moser war Zivilstandsbeamtin in Olten und führt heute mit ihrem Partner die Lesvosreisen GmbH. Gregory ist ihr Nachbar.