Regiomech Zuchwil
Corona erschwert Weg in die Lehre: «Ein Praktikumsplatz ist ein Glücksfall»

Corona erschwert nicht nur die Lehrstellensuche für Jugendliche im Kanton Solothurn, sondern auch die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund oder Sozialhilfebeziehenden in den Arbeitsmarkt. Das zeigt das Beispiel der Zuchwiler Regiomech.

Noëlle Karpf
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Blick in das Jugendprogramm der Regiomech: Hier werden die jungen Menschen mit Migrationshintergrund auf eine Lehrstelle in der Schweiz vorbereitet. Bild: Christian Tschui

Blick in das Jugendprogramm der Regiomech: Hier werden die jungen Menschen mit Migrationshintergrund auf eine Lehrstelle in der Schweiz vorbereitet. Bild: Christian Tschui

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Die Coronakrise dürfte auch auf dem Lehrstellenmarkt einiges verändern; dem Trend der vergangenen Jahre entgegenwirken. Bislang gab es eher zu viel Lehrstellen für die Schulabgängerinnen und Schulabgänger und dadurch unbesetzte Lehrstellen. Nun sprechen Studien davon, dass die Krise zu einem Einbruch des Lehrstellenangebots, und somit auch Jugendlichen ohne Lehrstelle führen wird. Im Kanton verhalte sich die Situation noch «stabil», von einem Einbruch sei noch nichts zu spüren, hiess es zuletzt beim zuständigen Amt. Deutlichere Spuren hinterlässt die Krise dafür in Ausbildungsprogrammen für Jugendliche, von denen auch in Vorjahren schon nicht immer alle Anschluss in die Berufswelt fanden.

Das Beispiel: die Regiomech in Zuchwil. Sie integriert Sozialhilfebeziehende, IV-Empfängerinnen und -empfänger sowie RAV-Klientel, beschäftigt im Restaurant und der Werkstatt Personen mit Beeinträchtigungen. Und sie will Jugendliche mit Migrationshintergrund in die Schweizer Berufswelt integrieren. Dafür braucht es laut Marco Galantino, Marketingverantwortlicher, ohnehin «Offenheit» bei den Arbeitgebern in der Region. Ein Hindernis sei etwa, dass Betriebe Lernende suchten, die nicht nur Deutsch, sondern Schweizerdeutsch sprechen. Jetzt, in der Krisenzeit, ist es für die Teilnehmenden im Jugendprogramm – offen für Sozialhilfebeziehende zwischen 16 und 25 Jahren – noch einmal anspruchsvoller. Dieses Jahr schliessen 42 Schülerinnen und Schüler ab, ist von Galantino zu erfahren. 27 davon beginnen im August eine Lehre. Sie werden Automobilfachmänner, Metzgerinnen, Küchenangestellte und Informatikerinnen.

Doch: «Die Coronasituation hinterlässt Spuren», erklärt Galantino, «sodass die Lehr- und Stellensuche schwieriger geworden ist.»

Drei der jungen Menschen im Programm hätten aufgrund der Krise ihre Lehrstelle wieder verloren; in den Vorjahren hat zudem die Anzahl Teilnehmenden mit Lehrstelle im Gegensatz zu diesem Jahr bei jeweils 80 oder gar 90 Prozent gelegen. Im Dienstleistungssektor sei «Zurückhaltung» zu spüren, was das Abschliessen von Lehrverträgen angeht. Und: «Da viele Betriebe sich immer noch in der Kurzarbeit befinden, ist es teils tatsächlich ein Glücksfall, einen Praktikumsplatz zu finden, damit die Jugendlichen vor Ort von sich überzeugen können.» Und das müssen die Jugendlichen aus dem Programm der Regiomech.

Zusatzrunde und vielleicht 2021 eine Lehrstelle

Umsatzeinbussen von 400000 Franken, ein geschlossenes Restaurant, viel weniger Essensauslieferungen in Schulen und Kitas, abgesagte Kurse und aufs Eis gelegte Integrationsprogramme: Das sind nur einige der Folgen für die Zuchwiler Firma, die Galantino in Bezug auf die Krise aufzählt. Und: Auch die Jugendlichen im Integrationsprogramm mussten im Fernunterricht unterrichtet, auf Bewerbung und Lehrstelle vorbereitet werden. «Nicht alle besitzen zu Hause das nötige Equipment, um etwa über Zoom dem Unterricht zu folgen», schildert der Marketingverantwortliche diese Herausforderung. Mit «Papier, Post und Telefon» habe man bei Hausaufgaben und Unterricht geholfen. Für etwas Ansporn in der Sache habe die Regiomech denjenigen, die Aufgaben «pünktlich und komplett gelöst» abgegeben hätten, je drei Einkaufsgutscheine verlost. Trotzdem: Eine optimale Vorbereitung – und effektiv eine Lehrstelle – konnte man nicht allen bieten.

Diejenigen, die jetzt ohne Anschlusslösung dastehen, dürfen laut Galantino noch ein Jahr im Programm anhängen, etwa mit einem anderen Schwerpunkt. «Die wertvolle Vorarbeit soll Früchte tragen», so Galantino über die Motivation der Regiomech – auch wenn es mit Corona nun ein Jahr länger dauert.

Politik will Lehrstellensuchende auch nach Krise unterstützen

Vorstoss Die Nähe zwischen Berufsbildung und Wirtschaft sei eine Stärke des Schweizerischen Bildungssystems. In Zeiten der Krise erweise sie sich aber auch als Schwäche. Das steht in einem Vorstoss von SP-Kantonsrätin Luzia Stocker (Olten). «Tausende» Lehrstellen würden wegfallen, so Stocker. Weiter würden auch Angebote wie ein Brückenjahr nicht ausreichen; vor allem «schulisch schwache Jugendliche» würden mehrere Jahre auf eine Lehrstelle warten müssen.

«Die Gefahr besteht, dass diese Jugendliche in der Sozialhilfe landen und mehrere Jahre darauf angewiesen sind», so die Kantonsrätin. Sie stellt dem Regierungsrat deshalb Fragen dazu, wie das Lehrstellenangebot im Zeichen der Coronakrise aussehe vor allem, was die Regierung unternehme, um das Lehrstellenangebot und Jugendliche zu unterstützen.

Derweil gibt es an der Lehrstellenfront auch wieder gute Nachrichten. Eine schweizweite Erhebung von «LehrstellenPuls» zeigt, dass sich die Situation im Vergleich zur «Shutdown-Phase» verbessert. So hätten mehr Jugendliche einen Lehrvertrag abschliessen können; Lernende würden nach den Lockerungen auch wieder besser ausgebildet. Aber: Knapp 20 Prozent der befragten Lehrbetriebe gibt auch an, krisenbedingt weniger Lehrabgängerinnen- und Abgänger anstellen zu können.

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