Verkehr
Cargo Sous Terrain: Das Riesenprojekt im Aargau und Solothurn erklärt

Das unterirdische Logistiksystem will die Transportbranche revolutionieren. Beginnen wird es im Aargau und im Kanton Solothurn.

Jocelyn Daloz, Sébastian Lavoyer
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CH Media

Die nächste Baustelle des Jahrhunderts könnte in Härkingen beginnen. In dieser Region soll die erste geplante Teilstrecke des unterirdischen Güterbahnsystems des Unternehmens Cargo Sous Terrain starten. Der Traum: Die Autobahnen und Städte an der Oberfläche dauerhaft vom Güterverkehr entlasten.

Das Bundesamt für Verkehr geht davon aus, dass dieser bis 2040 um 37 Prozent zunehmen wird. «Unsere Annahme ist, dass die Zunahme noch höher ausfallen könnte», sagt Klaus Juch, Projektleiter von Cargo Sous Terrain. Umso mehr begeistert sich der Bauingenieur für dieses Projekt, das die Logistik völlig neu definieren will.

Güter von St. Gallen nach Genf transportieren

Bevor das Transportnetz bis 2045 das ganze Mittelland umfasst und Genf, Lausanne, Basel, Luzern, Zürich und St. Gallen verbindet, soll zunächst im Jahr 2031 ein Tunnelsystem in Betrieb genommen werden, das sich vom Logistik-Hotspot Härkingen-Neuendorf bis nach Zürich erstreckt. Unterwegs sind zahlreiche «Hubs» geplant, wo die Ware aus den Tunnels hinaufbefördert werden kann. Diese befinden sich an bereits existierenden Logistikzentren wie Suhr, Schafisheim und Hunzenschwil, Dietikon-Spreitenbach oder im Berner Niederbipp.

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Brücken bauen, um Tunnels zu bohren

Ein riesiges Unterfangen mit Milliadenbudget - insgesamt soll das Projekt mehr als 30 Milliarden Franken kosten. Gerade darum schloss sich Bauingenieur Klaus Juch dem Projekt an. Der Hägendorfer hat eine Karriere in der Immobilienverwaltung hinter sich und sieht sich gerne als Brückenbauer.

Er wird viele Brücken bauen müssen, um die unzähligen Hürden des Projektes zu überwinden: Denn bevor erste Bagger in Suhr, Härkingen oder Dietikon auffahren, bevor Tunnelvortriebsmaschinen das Gestein am Jürasüdfuss und in der Mittelland-Molasse durchlöchern können, muss es politisch gutgeheissen werden.

Vonseiten des Bundes scheint die Unterstützung nach langem Zagen und Zaudern gesichert zu sein: Der Bundesrat hat einen Gesetzesentwurf verabschiedet, die Details müssen im Parlament ausgearbeitet werden. Das Gesetz soll sich stark vom Eisenbahngesetz inspirieren lassen: Demnach soll für Cargo Sous Terrain ein Sachplan zum unterirdischen Warentransport erstellt werden. Parallel dazu laufen bereits erste Gespräche bezüglich der notwendigen Anpassungen von kantonalen Richtpläne und der Erarbeitung des Plangenehmigungsverfahren.

Die Strecke durch die Kantone Zürich, Aargau, Solothurn...

Die Strecke durch die Kantone Zürich, Aargau, Solothurn...

Keystone

Der Zeitplan ist sportlich: 2026 soll der Spatenstich erfolgen

Aber hinter der offensichtlichen Unterstützung des Projektes durch Bundesrat und Kantone versteckt sich nach wie vor eine leichte Skepsis aus der Politik. In der Botschaft des Bundesrates zum Gesetzesentwurf ist eine Zurückhaltung ersichtlich: Der Bund will sich nicht zu stark im Güterverkehr einmischen, er will die Kompetenzen der Kantone bei der Nutzung des Untergrunds nicht antasten und schliesst aus, sich finanziell zu beteiligen.

Die Kantone Aargau und Solothurn hingegen forderten in ihren Stellungnahmen bei der Vernehmlassung im Jahr 2019, dass sich der Bund stärker – zumindest in der Planung – beteiligt. Kantone wollen, dass der Bund mehr Verantwortung übernimmt Gemäss dem Departement Bau, Verkehr und Umwelt des Kantons Aargau sei diese Frage auch mit dem Gesetz noch nicht beantwortet: «Die verbleibenden Fragen zu den Schnittstellen zwischen Bund und Kantonen, auf die wir bereits in unserer Stellungnahme im Rahmen der Vernehmlassung hingewiesen haben, sind im weiteren Verfahren zu klären», schreibt Sprecher Giovanni Leardini auf Anfrage.

Solothurn will mehr Einsatz des Bundes

Noch deutlicher formuliert es das Bau- und Justizdepartement des Kantons Solothurn: Es betrachtet die vorgesehene Planungskaskade mit Sachplan, Richtplan und Plangenehmigungsverfahren als nicht zielführend. «Dass unterirdische Gütertransportanlagen von nationaler Bedeutung auf allen Ebenen aus einer Hand vom Bund geplant und am Schluss bewilligt werden müssten, ist evident und müsste auch im Interesse eines künftigen Infrastrukturträgers von nationaler Bedeutung sein», schreibt Sekretär Bernardo Albisetti. Solothurn sei wohl von den anderen Kantone, von denen viele weniger betroffen sind, überstimmt worden.

Das Departement erkennt fehlenden Willen der Bundesbehörden, Verantwortung zu übernehmen einen föderalistischen Reflex der Kantone, «möglichst keine Zuständigkeit den Bundesbehörden zuzuordnen.»

Wasserversorger fürchten um die Qualität des Grundwassers

Ist die Hürde der kantonalen Richtpläne einmal überwunden, könnte das Projekt immer noch an Opposition von Anwohnern, Firmen, Gemeinden oder Verbänden scheintern, die ihre Einsprachen direkt beim Bundesamt für Verkehr einreichen können.

Das Plangenehmigungsverfahren mit dem Bundesamt für Verkehr als koordinierende Instanz soll sicherstellen, dass verschiedene Interessen sauber erfasst sind. So sollen Schutzgüter wie Grundwasser, Luft, Lärm, das Risiko möglicher Altlasten sowie archäologische Funde sorgfältig in die Planung mit einbezogen werden. Juch fürchtet sich nicht vor möglichen Einsprachen – er begrüsst diese im Gegenteil:

Wer ein berechtigtes Interesse hat und seine Besorgnisse formuliert, fürchten wir nicht. Wir heissen begründete Einsprachen willkommen

Bedenken haben zwei Verantwortliche der Wasserversorgung im Solothurner Gäu geäussert: so schreibt der Präsident der regionalen Wasserversorgung im Gäu Röbbi Gurtner sowie der Präsident des Zweckverbandes Wasserversorgung Untergäu Thomas Jäggi in einem Leserbrief an die NZZ, dass der neue Tunnel das Grundwasser erwärmen könnte: «Die geplante Trasse für den Tunnel des Cargo Sous Terrain liegt westlich von Olten vollständig in einem der wichtigsten Grundwasservorkommen im Mittelland. Mehr als 70000 Menschen werden mit Trinkwasser aus diesem Grundwasserstrom versorgt. Transport erzeugt immer Abwärme. Diese Abwärme darf keinesfalls in das Grundwasser abgeführt werden. Dazu braucht es klare Regeln von der Politik und die nachhaltige Lösung von den Projektträgern.»

Tunnel könnte sogar als Wärmequelle genutzt werden

Diese halten fest, schon nachhaltige Lösungen zu bieten: Klaus Juch spricht darüber mit Leidenschaft: «Ich bin in Hägendorf aufgewachsen, wohne seit Jahren in der Region. Ich habe seit jeher das gute Trinkwasser in dieser Region geniessen können. Ich werde deshalb alles dafür tun, dass meine Söhne das auch trinken können».

Dieses Versprechen verstärkt er dadurch, dass er für seine jetzige Gemeinde, Starrkirch-Wil, verantwortlich für das Trinkwasser war. Gemäss seiner Erklärungen dürften die Schäden am Grundwasser sehr gering ausfallen: 83 Prozenz der Streckenführung sollen direkt im Fels verlaufen, wo keine Grundwasserbestände sind.

Projektleiter von Cargo Sous Terrain Klaus Juch

Projektleiter von Cargo Sous Terrain Klaus Juch

Bruno Kissling / Oltner Tagblatt

«Die Molasse (ein Sedimentgestein, die von den Alpen ins Mittelland abgetragen wurden, Anmerkung der Redaktion) ist von Swisstopo gut beschrieben», sagt Juch. Wo Lockergestein durchquert wird, wie etwa in den Tälern von Reuss, Limmat, Aare oder Suhren, oder eben im Gäu, soll der Tunnel die Grundwasserschichten möglichst unter- oder überqueren. Möglich wäre sogar, den 30 bis 40 Meter tief liegendenen Tunnel als Wäremequelle zu nutzen: «Dadurch würden wir dem Grund sogar Wärme entziehen», sagt Juch.

Gemeinden sind für das Projekt, fürchten aber Mehrverkehr

In den betroffenen Aargauer und Solothurner Gemeinden schaut Cargo Sous Terrain bereits konkrete Parzellen für seine «Hubs an, wie Juch bestätigt. Die Gemeindevertreter betonen denn auch die visionären Aspekte des Projektes: «Ein bestechender Lösungsansatz für die Reduktion des ständig zunehmenden Verkehrs», sagt etwa Daniel Nützi, Gemeindepräsident von Härkingen (SO). Dieter Leu aus Rickenbach (SO) spricht von «guter Absicht», Urs Wiederkehr aus Hunzenschwil lobt das Projekt als «ökologisch sinnvoll». Marco Genoni, Gemeindepräsident von Suhr, spricht den springenden Punkt für die Region an: Der mögliche Mehrverkehr an den «Hubs».

Die Strecke durch die Kantone Zürich, Aargau, Solothurn...

Die Strecke durch die Kantone Zürich, Aargau, Solothurn...

Keystone

Denn wenn unzählige Logistiker wie Migros, Planzer und Galliker an diesen Orten anfahren, könnte sich der Stau von der Autobahn in die Industriegebiete verlagern. Gerade an Endpunkten wie Niederbipp oder Härkingen könnte der Mehrverkehr beachtlich sein - deshalb ist es für Gemeindepräsident Nützi wichtig, dass die Teilstrecke Richtung Süden weitergeht.

Dieter Leu glaubt sogar, dass seine Gemeinde nur dann profitieren werde, wenn die transportierte Ware nur umkonfektioniert statt von Rickenbach aus verteilt wird: «Sollten durch den CST-Hub die heute hier ansässigen Logistikunternehmen ausgebaut oder sogar neue Logistikunternehmen angesiedelt werden, wäre dies sehr negativ zu beurteilen.» Dass ein Hub mehr Arbeitsplätze schaffen würde, glaubt Leu wegen der zunehmenden Automatisierung der Branche nicht.

Cargo Sous Terrain will die Feinverteilung, die sogenannte «letzte Meile» dank künstlicher Intelligenz und einer vertieften Kooperation der Logistikfirmen meistern. Diese sollen sich absprechen, wer welche Routen wie und wann macht, damit die Lastwagen möglichst ausgelastet sind. Damit will man dem Unbehagen der Hub-Gemeinden und Städte begegnen. Einige Gemeinden sehen auch durchaus Chancen für ihre Standortförderung.

Urs Wiederkehr, Gemeindeammann von Hunzenschwil erhoft sich eine Beschleunigung des Doppelspurausbaus der Nationalbahnlinie Lenzburg-Zofingen, eventuell mit separatem Rangierbahnhof. Zudem könnte sich der nächtliche Rangier- betrieb beim Bahnhof Hunzenschwil, der heute nahe an Wohngebieten stattfindet, in Richtung des Hubs verlagern.

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