Verkehr
Auto gegen Fussgänger gegen Ampel: Der Bahnhofplatz ist eine Problemzone

Eine Fussgängerin ist entrüstet, weil sie beim Queren des Fussgängerstreifens beim Bahnhofplatz bei Rot gebüsst wurde.

Wolfgang Wagmann
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In der abendlichen Rushhour eine häufige Szene: Gleich gruppenweise queren Fussgänger trotz Rot der Ampel den Bahnhofplatz-Fussgängerstreifen.

In der abendlichen Rushhour eine häufige Szene: Gleich gruppenweise queren Fussgänger trotz Rot der Ampel den Bahnhofplatz-Fussgängerstreifen.

Wagmann Wolfgang

Die Frau Professorin (Name der Redaktion bekannt) war entrüstet: «Als ich am vergangenen Samstag gegen 18.05 Uhr meinen Freund vom Solothurner Bahnhof abholte, wurden wir wegen des Überschreitens einer roten Fussgängerampel gebüsst.» Eine längere Schilderung des Sachverhalts ging an Tourismusdirektor Jürgen Hofer, Polizeidirektor Peter Gomm und Kapo-Chef Thomas Zuber. Von diesem allerdings wurden die Vorwürfe an die Stadtpolizei weitergeleitet, denn diese hatte am Fussgängerstreifen durchgegriffen.

Fussgängerbevorzugung

Ampelfrei queren?

Die gebüsste Professorin ortet in Solothurn auch ein «urbanistisch-verkehrstechnisches Problem» – so sei im Sinn von «Walkability» die «oftmals völlig überflüssige Fussgängerampel» vor dem Bahnhof «zumindest stundenweise einfach abzustellen». Sie verweist auf andere Städte wie Köniz und schlägt den Ersatz der Ampeln durch ein Signallicht vor. Und liefert ganz professoral gleich entsprechende Literaturhinweise zu solchen Modellen mit.

Tatsächlich hat Martin Eggenberger, Projektleiter des mit dem Räumlichen Leitbild von Solothurn beauftragten Planteams S, schon Visionen einer Fussgänger-durchlässigeren Dornachstrasse präsentiert. (ww)

«Ja das kostet 20 Franken», bestätigt Stapo-Kommandant Peter Fedeli die Busse. «Es geht um die Sicherheit und den Verkehrsfluss», rechtfertigt er das Vorgehen seiner zwei Beamten, «um die Sicherheit der Fussgänger selbst, aber auch darum, dass der Autoverkehr nicht behindert wird und es durch brüske Bremsmanöver zu Auffahrkollisionen kommt.» Denn die Autolenker könnten ja plötzlich auftauchende Fussgänger «nicht einfach überfahren.»

Solche Momente gibt es jedoch am Bahnhofplatz tagtäglich, «und wir haben auch immer wieder Reklamationen deswegen». Ja, von Autofahrern, räumt Fedeli ein. Wobei er immerhin eine positive Nachricht zum Thema hat: Zu einem Unfall mit Fussgängern sei es seines Wissens noch nie gekommen.

«Keine Priorität»

Nein, solche Rotlichtkontrollen hätten keine Priorität, und wenn, dann erfolgten sie am Hotspot Bahnhofplatz. Vor einem Schulhaus Hermesbühl an der Bielstrasse beispielsweise kämen solche Vorfälle kaum oder nicht vor – es sei «unvorstellbar», dass dort ein Schulkind das Rotlicht missachte, meint der Kommandant – angesprochen auch auf die Verkehrsinstruktion der Stadtpolizei, die den Kindern genau bei solchen Fussgängerampeln das korrekte Verhalten beibringt. «Der Bahnhofplatz gab seinerzeit viel zu reden, was das Verkehrsregime anbelangt.»

Doch sei es schwierig, all die Verkehrsabläufe zu koordinieren – bekanntlich teilen sich Bus, Bipperlisi, Fussgänger-, Zweirad- und Autoverkehr den Platz und damit auch die Querungszeit.

Dass nun aber Fussgängerinnen und Fussgänger sich Zeit abstehlen, indem sie trotz Rot den Fussgängerstreifen queren, dafür zeigt Peter Fedeli wenig Verständnis. Wer pressant sei, könne jederzeit die Unterführung benützen. «Auch kann der Fussgänger sich durch Drücken des Knopfes anmelden und reiht sich dadurch in eine kürzere Warteschleife ein.» Die damit übrigens für die wartenden Autos länger wird.

Autoritär oder provokativ?

Nun, zum besagten Samstagabend gibt es noch einige Nebengeräusche. Für die Professorin war das Vorgehen der Beamten «eine grenzwertige Szene», bei welcher der ältere Beamte offenbar nur «seine Autorität unter Beweis stellen wollte». Eine Viertelstunde habe der Ordnungsakt in einem belehrenden Ton der Polizisten gedauert, gepaart mit Verständigungsschwierigkeiten, beschrieben als «mühsames Buchstabieren».

Es habe beim Queren trotz Rot auch «kaum Autoverkehr» gegeben, und die Beamten hätten sich in ihrem Polizeiauto, das «in einer Ecke stand», offenbar durch die «freche Geste» herausgefordert gefühlt. Als Besucherin der Literaturtage meint die Professorin denn auch dezidiert: «Mir als Schweizer Kulturvermittlerin ist der (zum Glück inzwischen weitgehend überholte) Ruf der Schweiz als autoritäre Provinz nämlich eher peinlich.»

Peter Fedeli vermeidet das Wort Provokation. Nüchtern erzählt er: «Es war gar keine eigentliche Kontrolle. Unser Patrouillenwagen wartete vor der Ampel, da querten direkt vor ihm die beiden bei Rot den Fussgängerstreifen.» Worauf seine Beamten eben reagiert hätten. Und zur Viertelstunde ergänzt Fedeli: «Die Frau sprach rasch französisch. Und auf die Bitte, langsamer zu sprechen, fuhr sie im gleichen Tempo fort. So musste sie halt buchstabieren.» Und zuletzt, als der Strafbescheid so ausgefüllt war, damit die Gebüssten per Rechnung hätten bezahlen können, seien dann Zwanzigernoten gezückt worden...