Technologietransferzentrum
Aus dem Kanton Solothurn kommen bald massgeschneiderte Implantate aus dem 3D-Drucker

In Bettlach, bei der 41medical AG, entsteht in den nächsten Monaten ein Technologietransferzentrum der Empa. Es soll den Einsatz des 3D-Drucks in der Medizinaltechnik voranbringen.

Urs Mathys
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Das Transferzentrum soll der innovativen Technologie den Weg in die MedTech-Praxis ebnen. (Symbolbild)

Das Transferzentrum soll der innovativen Technologie den Weg in die MedTech-Praxis ebnen. (Symbolbild)

KEYSTONE

Der 3D-Druck macht vor der Medizinaltechnik nicht Halt: Nicht nur herkömmlich – durch Fräsen, Drehen und Bohren – sollen Implantate künftig entstehen, sondern auch Schicht um Schicht gedruckt werden. In Bettlach wird ein Transferzentrum eingerichtet, das der innovativen Technologie den Weg in die MedTech-Praxis ebnen soll. «Ziel ist es, die oft beklagte Lücke in der Technologieentwicklung zwischen der Forschung und der Industrie zu schliessen», erklärt Lars Sommerhäuser.

Für den Programmanager Advanced Manufacturing bei der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) ist es kein Zufall, dass Bettlach als Standort gewählt worden ist. «Die Region ist stark mit der MedTech-Branche verbunden. Es gibt hier zahlreiche Firmen, die entsprechend aktiv sind. Dies ist ein ideales Umfeld für unser Projekt.»

Personalrekrutierung läuft an

Kommt dazu, dass mit der Bettlacher Firma 41medical AG vor Ort ein Mitinitiant und interessierter Partner zur Verfügung stand. Sommerhäuser: «41medical stellt uns in ihren Räumen Platz zur Verfügung, so dass wir schnell starten können.» So wird das Zentrum in den nächsten Monaten aufgebaut und schon ab Anfang 2020 operativ tätig sein.

Sie informierten (v. l.): Erik Schkommodau (FH Nordwestschweiz), Sarah Koch (Wirtschaftsförderung Solothurn), Sebastian Friess (Standortförderung Bern), Lars Sommerhäuser (Empa), Daniel Egloff (Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation), Pierangelo Gröning (Empa), Robert Frigg (41medical AG).     

Sie informierten (v. l.): Erik Schkommodau (FH Nordwestschweiz), Sarah Koch (Wirtschaftsförderung Solothurn), Sebastian Friess (Standortförderung Bern), Lars Sommerhäuser (Empa), Daniel Egloff (Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation), Pierangelo Gröning (Empa), Robert Frigg (41medical AG).     

Hanspeter Bärtschi

In einer ersten Phase werden in Bettlach wohl fünf bis zehn Personen – Prozessingenieure, Entwickler, Polymechaniker – beschäftigt: «Wir sind zuversichtlich, dass wir das Personal rasch rekrutieren können – auf sie wartet immerhin eine nicht alltägliche, spannende Aufgabe.»

Mitarbeitenden und Kunden sollen laut Sommerhäuser Anlagen zur Verfügung stehen, wie sie auch in der modernen industriellen Produktion zum Einsatz kommen: «Damit können Erfahrungen aus der Industrie hier mit neuen Materialien und Erkenntnissen aus der Forschung zusammengebracht werden», so das Ziel.

Aktionsplan Digitalisierung

12 Zentren in der ganzen Schweiz

Die Empa, die Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt, plant in der Schweiz den Aufbau von insgesamt 12 Technologietransferzentren. Die Pilotproduktionsanlagen sollen von Forschung und Industrie gemeinsam genützt werden können. Die 12 Zentren sollen dazu beitragen, die Lücke in der Technologieentwicklung zwischen Forschung und Industrie zu schliessen. Neben dem Zentrum in Bettlach, das sich des 3D-Drucks in der Medizinaltechnik annehmen wird, sind Zentren etwa zur Batteriezellen-Entwicklung oder zum Einsatz digitaler Fertigungstechnologien und Robotern im Bauwesen vorgesehen. Die Allianz der «Advanced Manufacturing Technologie Transfer Centers» soll die verschiedenen Institutionen optimal vernetzen und ist ein Teil des Aktionsplans «Digitalisierung» des Bundes. (ums.)

Partnerschaft mit Industrie

Das Transferzentrum wird in Form einer «Public Private Partnership» aufgebaut und soll sowohl durch öffentliche Gelder (primär aus Bundesmitteln) als auch durch interessierte Partnerunternehmen finanziert und betrieben werden. Zu den Trägern gehören Interessierte aus der Forschung, Spitäler und Firmen der Privatwirtschaft. Wie eben beispielsweise die Bettlacher Firma 41medical AG, die von früheren Mitarbeitern der Synthes um Professor Robert Frigg zusammen mit dem ehemaligen Synthes-Patron Hansjörg Wyss aufgebaut worden ist.

Die Infrastruktur des Zentrums soll breit zur Verfügung gestellt werden: Sowohl Firmen, die der Trägerschaft angehören, als auch anderen Unternehmen, die «nur» als Auftraggeber auftreten. Die additive Fertigung sei in der MedTech eine junge Technologie, und gerade bezüglich Implantaten würden erst recht hohe Qualitäts- und Sicherheitsansprüche bestehen, macht Empa-Spezialist Sommerhäuser deutlich: «Unter diesen Umständen macht es umso mehr Sinn, wenn die verschiedenen Beteiligten ihr jeweiliges grosses Know-how zusammenbringen und gemeinsam das Maximum herausgeholt werden kann.»
Nicht nur Sommerhäuser ist gespannt, welche Produkte in Bettlach schon bald einmal aus den Druckern fliessen.

Massgeschneiderte additive Fertigung

Welche Möglichkeiten bietet der 3D-Druck der Medizinaltechnik in der Zukunft? Welche Ziele verfolgt das geplante Innovationstransferzentrum für die additive Fertigung, also das Schicht-um-Schicht-Drucken eines Implantates? Wie können die hiesigen Medizinaltechnikfirmen von den Angeboten profitieren?

Darüber informierte am Dienstag im «Alten Spital» in Solothurn eine Veranstaltung der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa), des Staatssekretariates für Bildung, Forschung und Innovation sowie der Fachhochschule Nordwestschweiz. Mehrere hundert Vertreter von Firmen der Metallverarbeitung und der Medizinaltechnik wurden über die Möglichkeiten einer Kooperation mit dem Zentrum informiert.

Individualisierte Implantate

Aufgezeigt wurden aber auch der Stand der Technik sowie die Chancen der additiven Fertigung von metallischen Werkstoffen, mit dem Fokus auf medizintechnische Anwendungen. Hier gebe es ein enormes Potenzial, war an der Veranstaltung zu vernehmen. Zum Beispiel Implantate, die in Grösse und Form für jeden Patienten individuell massgeschneidert im 3D-Druck hergestellt werden können.

Daneben biete die additive Fertigung, mit der sich Schicht um Schicht fast beliebig komplexe Geometrien drucken lassen, die Möglichkeit, Implantate selbst mit völlig neuen Funktionen und Eigenschaften ausstatten zu können. Dadurch würden sich zahlreiche weitere bahnbrechende MedTech-Innovationen umsetzen lassen.

FH Nordwestschweiz engagiert

«Der 3D-Druck in der MedTech kommt nicht erst in fünf Jahren, er ist schon da», machte Erik Schkommodau von der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) klar. Bezüglich gedruckter, individuell angepasster Orthesen, Prothesen und Dentalimplantate sei die Entwicklung weit fortgeschritten – aber der Weg bis zum fertigen Produkt sehr anspruchsvoll – und teuer. Entsprechend sei die Wirtschaftlichkeit ein Knackpunkt. Der Einsatz von 3D-Druck in der MedTech sei «komplex – aber es geht», ist Schkommodau überzeugt. Bei der FHNW würden bereits Implantate für klinische Studien gedruckt: «Wir sind bereit für den praktischen Einsatz.» (ums.)