Im Rahmen der Erwachsenenbildungsreihe jeweils am 4. des Monats der Grenchner Pfarrei Eusebius gab die katholische Theologin Einblick in ihre Tätigkeit im Frauengefängnis Hindelbank. Nach einigen Angaben zur Geschichte des Schlosses Hindelbank, das im 19. Jahrhundert zu einer Strafanstalt für Frauen umgebaut wurde, nahm Judith Bélat das Publikum humorvoll und zugleich selbstkritisch mit in eine verschlossene Welt, wobei verschlossen relativ ist: «Als ich vor mehr als 20 Jahren als Seelsorgerin in Hindelbank anfing, gab es um das Areal keinen Zaun und ein öffentlicher Wanderweg führte mitten hindurch. Heute wäre das undenkbar.» 

Dennoch sind auch heute die meisten der 107 Insassinnen nicht im Hochsicherheitstrakt untergebracht. Dieser hat acht Plätze, und nur hier kann es vorkommen, dass Bélat eine ihrer regelmässigen Kontakte durch Gitter getrennt besuchen muss. Zu ihrem eigenen Schutz, wie die Aussage der Mörderin «ich habe Lust Sie umzubringen» an Weihnachten belegt.

Solche Schocks, die den Abbruch des Gesprächs und eine Meldung ans Personal nach sich ziehen, seien indessen selten. «Meistens sind die Häftlinge sehr anständig zu uns Seelsorgern. Der Hunger nach spirituellem Beistand, nach Halt, ist gross. Ich brauche literweise Weihwasser und viele Rosenkränze und Bibeln.»

Gewalttaten nehmen zu

In den meisten Bereichen, auch in den Arbeitsateliers, habe sie ungehindert Zutritt, sagt Judith Bélat und lobt die Zusammenarbeit mit dem Personal der Justizvollzugsanstalt. So sehr gehört die Theologin mit ihrem Teilzeitpensum (neben der in drei Gefängnissen ist sie auch als Spitalseelsorgerin tätig) zur Lebensrealität im Gefängnis Hindelbank, dass es vorkommen kann, dass Besucher sie für einen Häftling halten. Dass dieser Irrtum einer Gruppe von Zürcher Staatsanwälten unterlaufen sein sollte, sorgte für einige Heiterkeit.

Mit Judith Bélats Erklärungen erwachten Zahlen und Diagramme zum Leben. Das Verhältnis von Schweizerinnen und Ausländerinnen, das sich etwa die Waage hält; die mangelnde bis fehlende Berufsbildung vieler Inhaftierter, die in der Justizvollzugsanstalt nachgeholt werden kann; die Verteilung der Nationalitäten und Religionen, wonach Nordeuropäerinnen beziehungsweise Musliminnen in der Schweiz kaum je schwere Verbrechen begehen. Nachdenklich stimmen der Trend verschiedener Vergehen und allgemein die Zunahme psychischer Probleme.

So zeigte Bélat auf, dass Drogendelikte in den letzten Jahren abnehmen, schwere Gewalt, besonders Tötungsdelikte, hingegen zunehmen. Anders als bei den Männern, nehme aber durch vermehrte Gewaltausbrüche von Frauen die Gefahr für die Gesellschaft nicht zu: «Wenn Frauen töten, dann praktisch nur in unguten Beziehungen.»