Solothurn schreibt Geschichte

Es wird immer mysteriöser: Jetzt fehlt auch eine Statue

Die Figur von Tadeusz Kosciuszko im Stadtpark.

Die Figur von Tadeusz Kosciuszko im Stadtpark.

Solothurn Tourismus lädt Solothurner ein, von Tag zu Tag eine Kriminalgeschichte weiterzuschreiben. Aus den eingeschickten Ideen entwickelt ein Schreib-Team dann jeweils einen neuen Abschnitt. Teil 3.

Autorin: Simone Leitner

Mitwirkende: Isabel Hunziker, Zuchwil | Hans Fischer, Lüterkofen | Susanne Im Hof | Elisabeth Huser, Laupersdorf 

Jeffrey ist enttäuscht. Er hat sich auf ein interessantes Gespräch mit dem Münzexperten und Historiker Dr. Manfred Kämpf gefreut. Er hätte das Gespräch auf die wertvolle Scherbe geleitet. Der Journalist ist besessen von den römischen Keramikscherben, die im damaligen Salodorum einer Fertigungsphase zwischen 15 und 25 n. Chr. zugeordnet werden. «Schliesslich macht es diese Scherbe amtlich: 2020 wird Solothurn 2000 Jahre alt. Und ausgerechnet dieses historische Stück wird gestohlen», sagt er zu Alma Müller, die sich erholt hat und ihm nun langsam entgegen kommt. Sie nickt traurig und flüstert Jeffrey ins Ohr: «Der Füdlistein ist auch weg. Du weisst, da will uns jemand sehr schaden. Und du weisst auch wer». Jeffrey schüttelt den Kopf und macht eine abweisende Handbewegung. Er nimmt sein Handy aus der Jacke und ruft seinen Onkel an. «Hallo Kuno, hier ist Jeffrey. Ich brauche deine Hilfe.» Kuno Studer, der bekannte Solothurner Kommissar, ist kurz vor seiner Pensionierung und hat gefühlt alle Verbrechen mindestens zehnmal erlebt, schnaubt laut und sagt: «Dann schiess los!» Jeffrey Affolter erzählt seinem Lieblingsonkel vom neuen Job als Redaktor beim Solothurner Journal, vom Verlust der historischen Scherbe im Museum Blumenstein, vom Verschwinden des Füdlisteins in der Goldgasse und seinen Befürchtungen. Spätestens jetzt sitzt Studer aufrecht im Stuhl und sagt, er würde alles Nötige in die Wege leiten. Dann murmelt er noch: «Vor wenigen Jahren verwandelte sich das Museum Blumenstein in ein Casino der edleren Art. Es wurde fünf Monate lang gespielt, gezockt und dem Genuss gefrönt – wie anno dazumal, als die Adeligen unter sich waren.» Studer wird noch unruhiger und sieht die kunstvollen Gemälde im Museum vor sich: Gütig lächeln die Mitglieder der Familien Greder von Wartenfels und Stäffis-Mollondin von den Wänden auf die Besucher herab, die in ihrem damaligen Landsitz jetzt ein- und ausgehen.

Das Sirenengeheul ist schon von weitem zu hören, ehe die drei aufgebotenen Polizeiwagen via Fegetzallee in den Blumensteinweg einbiegen. Jeffrey fühlt sich inzwischen unwohl am Tatort und beschliesst zu gehen. Die Spezialisten der Polizei will er bei der Spurensuche im Museum nicht unnötig behindern. Er fährt Richtung Konzertsaal, will ein paar Schritte durch den Stadtpark gehen, will sich ablenken. Aber kaum angekommen, traut er seinen Augen nicht: «Tadeusz Kosciuszko wurde entführt», flüstert Jeffrey erschrocken. Noch vor ein paar Tagen hatte er mit Alma über den polnischen Freiheitshelden, der im Jahre 1746 geborenen wurde und 71 Jahre später in Solothurn verstarb, gesprochen. Noch letzte Woche trafen sie sich im Sterbezimmer von Tadeusz Kosciuszko, welches heute ein Museum an der Gurzelngasse ist. Exakt in dem Haus, wo Tadeusz Kosciuszko seine drei letzten Lebensjahre verbrachte. Und jetzt ist sein Denkmal im Stadtpark weg. Das Ganze wird immer mysteriöser. Jeffrey ruft Alma an: «Die Statue im Stadtpark ist weg». Er fragt sich, wer richtet solch einen grossen Groll auf die Ambassadorenstadt und welches historische Prachtstück ist das nächste Opfer? Sein Blick schweift in Richtung St. Ursen-Kathedrale: «Bitte nicht!».

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