Kürzlich erschütterte der Aufruf, wiederverheiratete Geschiedene von den Sakramenten auszuschliessen. Wie stellen Sie sich dazu?

Weihbischof Martin Gächter: Vor 50 Jahren forderte Papst Johannes XXIII. bei der Eröffnung des 2. Vatikanischen Konzils, dass wir in der Kirche mehr Barmherzigkeit erfahren sollten. Leben wir doch diese Barmherzigkeit im Sinne des Evangeliums, auch bei wiederverheirateten Geschiedenen. Die Kirche ist kein «Club von Perfekten». Sie ist eher ein «Spital» für Unvollkommene. Schliesslich ist Jesus nicht gekommen, um die Vollkommenen und die Gesunden zu suchen, sondern die Sünder. Gerade heute sollte uns bewusster werden, dass «Unvollkommene» erst recht zu Christus kommen dürfen. Jesus hat nicht einmal seinen Verräter Judas vom letzten Abendmahl ausgeschlossen.

Als Würdenträger und amtsältester Bischof der Schweiz hören Sie permanent Kritik an der Kirche. Was sagen Sie Kritikern, wie halten Sie das aus?

Zuerst frage ich mich immer, was an der Kritik berechtigt ist. Dabei hilft mir ein Wort von Bischof Franziskus von Streng, der mich zum Priester weihte: «Ich nehme alles ernst, aber nichts tragisch». Die Kirche sollte wenig disziplinieren, sondern das Wort Jesu leben: «Ich nenne euch nicht mehr Knechte, ich nenne euch Freunde» – übrigens ein Jesus-Wort, das Papst Benedikt XVI. oft zitiert.

Sie waren Jugendbischof des Bistums Basel und haben die «Entdeckungsnächte» und die Bistumsjugendtreffen initiiert. Haben Sie ein Patentrezept, um die Jugend für den Glauben und die Kirche zu begeistern?

Junge Menschen können sich heute bei der Überfülle an Möglichkeiten nicht leicht für immer binden. Sie hinterfragen zu Recht Traditionen. Ich konnte sie auch in der Kirche Neues entdecken lassen. Wir haben Klöster besucht, Ordensleute und Junge zusammengebracht. Diese Entdeckungsnächte wie auch die Weltjugendtage sind für viele einschneidende Erlebnisse geworden, auf die ich oft angesprochen werde.

Gelingt es Ihnen, angesichts des akuten Priestermangels, auch in diesem Bereich neue Konzepte für die Nachwuchspflege zu entwickeln?

Heute haben wir im Bistum Basel nur noch halb so viele Priester wie vor 50 Jahren und darum nur noch halb so viele Eucharistiefeiern. Doch in jeder Eucharistiefeier sind heute viel weniger Leute als damals. Der Mangel an Gottesdienstbesuchern ist noch rasanter gewachsen als der Priestermangel. Wenn wir wirklich etwas Machbares gegen den Priesterrückgang tun wollen, dann müssen wieder viel mehr Katholiken in die Messe gehen. Dann werden sich auch mehr junge Menschen zum Priestersein entschliessen können. Und wir Priester müssten noch deutlicher zeigen, dass der Zölibat glücklich gelebt werden kann und uns nicht einsam oder krank macht. Vielmehr macht er uns offen und frei für alle Menschen. Übrigens war der Zölibat noch nie modern. Auch Jesus wurde wegen seiner Ehelosigkeit nicht von allen verstanden und musste, als er die Ehelosigkeit seinen Jüngern empfahl, zufügen: «Fasse es, wer es fassen kann». Ich würde mich freuen, wenn endlich wieder ausgewogener vom Zölibat gesprochen würde.

Viele bleiben der Kirche zugehörig, nehmen aber nicht aktiv am Gemeindeleben und an den Gottesdiensten teil. Wie überzeugen Sie diese Menschen, regelmässig zur Kirche zu gehen – zu glauben?

Früher entschuldigte man sich, wenn man nicht in die Messe ging. Heute muss man sich fast entschuldigen, wenn man noch in die Kirche geht. Ich glaube, wir müssen besser aufzeigen, wie viel Freude es bringt und wie modern es ist, Christ und Katholik zu sein. Jesus Christus ist unser bester Freund, der uns nie fallen lässt. Er ist echter Mitmensch und zugleich Gottes Sohn.