Coronavirus

Zwei-Meter-Regel wird nur leicht gelockert: Für Kantone bleibt «normaler Vollzeitunterricht» an Gymnasien unmöglich

Ab heute wieder Präsenzunterricht für ältere Jugendliche

"Endlich wieder etwas Abwechslung": Einblick in den Präsenzunterricht am Gymnasium Kirschgarten in Basel.

An den nachobligatorischen Schulen hält der Bund - wenn auch leicht abgeschwächt - an der Zwei-Meter-Regel fest. Die kantonalen Erziehungsdirektoren bedauern das. So könne an Gymnasien, Berufsschulen und Universitäten weiterhin kein normaler Unterricht stattfinden.

Seit gestern darf an Mittel-, Berufs- und Hochschulen grundsätzlich wieder in Schulzimmern und Hörsälen unterrichtet werden. Kantone wie Luzern oder Zug haben die Flinte schon im Voraus ins Korn geworfen. Sie nehmen den Präsenzunterricht an den Gymnasien in diesem Schuljahr nicht mehr auf, weil der Bund auf die Zwei-Meter-Abstandsregeln pocht.

Pünktlich zur Wiedereröffnung des nachobligatorischen Unterrichts hat der Bund jetzt seine Grundprinzipien für die Schutzkonzepte gelockert. Die «Lockerung» kommt im Kleid einer sprachlichen Nuance daher. Anstatt dass die Zwei-Meter-Regel «konsequent» eingehalten werden muss, soll sie jetzt noch «wann immer möglich» der Fall sein. Zudem entfällt die Auflage, dass jeder Schüler zwingend ein Coronarevier von vier Quadratmetern haben muss. Silvia Steiner, Zürcher Regierungsrätin und Präsidentin der Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) findet diese Schritte zwar «gut gemeint».

Steiner kann sich vorstellen, dass dank der Lockerungen mehr Schüler als geplant zum Beispiel am Unterricht im Physik- oder Chemielabor teilnehmen können. Eine Rückkehr zum Präsenzunterricht in Ganzklassen erlaubten die neuen Regeln aber nicht. Die EDK teilte denn auch schon gestern Morgen mit, an Gymnasien, Berufsschulen und Hochschulen könne unter diesen Umständen kein normaler Vollzeitunterricht stattfinden.

Steiner kritisiert das Festhalten an der Zwei-Meter-Regel. «Im Freizeitbereich darf sie unterschritten werden. Im Klassenzimmer bleibt sie bestehen, dabei ist das Recht auf Bildung ein Grundrecht», sagt sie. Erstaunt hat sie auch der Zeitpunkt der Ankündigung. Die Kantone erarbeiteten für die nachobligatorischen Schulen ein Coronaregime aufgrund der alten Regeln. Ausgerechnet am Tag der Wiederöffnung platzt der Bund mit neuen Weisungen ins Klassenzimmer. Die EDK verlangt, dass mit der Aufhebung der ausserordentlichen Lage auf den 19. Juni neu die Kantone für die Schutzkonzepte zuständig sind.

Berset umdribbelt die «Puff»-Frage

Zum Abstandsregime musste Bundesrat Alain Berset gestern in der Fragestunde des Nationalrats mehrfach Stellung nehmen. Die Zuger Nationalrätin Manuela Weichelt-Picard (Grüne) verlangte zum Beispiel eine Erklärung, weshalb Gymnasiasten die Zwei-Meter-Regel einhalten müssen, während der Bundesrat für Erotikbetriebe offenbar kein Abstandsproblem sehe. Die «Puff»-Frage umdribbelte Berset mit Ausführungen zur Volksgesundheit: Wenn man die Erotikbetriebe später geöffnet hätte, hätte man die Prävention von sexuell übertragbaren Krankheiten geschwächt.

Die Nicht-Antwort ärgert Weichelt-Picard. «Die Leidtragenden sind die Jugendlichen, die seit 12 Wochen daheimsitzen», sagt sie und verlangt, dass der Bund die Zwei-Meter-Regel an Gymnasien und Berufsschulen kippt, «damit unter Einhaltung der Hygieneregeln wieder normaler Präsenzunterricht möglich wird». Der Bundesrat will die Abstandsregeln jedoch frühestens Ende Juni anpassen.

Für die obligatorische Schule hat der Bund das Coronaregime leicht gelockert. Elternabende und Abschlussfeiern sind unter Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln wieder möglich. Auch Klassenlager dürfen wieder stattfinden.

Gastrobranche klagt über Umsatzeinbussen

Nach Lockerungen sehnen sich auch die Restaurants. Zwischen den Gästegruppen sind zwei Meter Distanz Pflicht. «Unsere Branche verliert pro Woche rund 200 Millionen Franken an Umsatz, weil wir nur 40 bis 60 Prozent unserer Plätze anbieten können», sagt Gastrosuisse-Präsident Casimir Platzer. Er kann nicht nachvollziehen, dass der Bundesrat erst in zwei Wochen über weitere allfällige Lockerungen entscheidet. «Es kann doch nicht sein, dass die Leute in grösseren Gruppen demonstrieren oder sich in Discos näher als zwei Meter kommen, aber in Restaurants stehen die Tische zwei Meter auseinander.»

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Autor

Kari Kälin

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