Glauben

Zu wenig Zeit im Lehrplan 21: Der Religionsunterricht verschwindet aus der Schule

Schulen verzichten heute öfters auf das Krippenspiel.

Schulen verzichten heute öfters auf das Krippenspiel.

Kinder lernen nur noch wenig über den Glauben. Zu wenig? Geistliche warnen vor den Folgen für die Gesellschaft.

Es kommt nicht oft vor, dass der Vatikan eine Warnung an Schweizer Schulen schickt. Als allerdings 2013 der umstrittene Lehrplan 21 in die Vernehmlassung ging, meldete sich Kardinal Kurt Koch aus Rom zu Wort. Er beklagte, dass statt Jesus alle Weltreligionen ins Zentrum des Unterrichts rückten. «Wenn sich Europa von den eigenen christlichen Wurzeln abschneidet, verliert es seine Identität», sagte er. «Das ist gefährlich.» Heute, sechs Jahre später, droht dem Religionsunterricht erneut ein Bedeutungsverlust – ein grösserer als damals.

Der Glaube findet im dicht gefüllten Stundenplan kaum noch Platz. Seit der Einführung des Lehrplans 21 verschwindet der Religionsunterricht zunehmend aus den Klassenzimmern. Die Schlagzeilen, die in den vergangenen Monaten vielerorts zu lesen waren, gleichen sich: «Religion muss der Schule in Emmen fernbleiben», titelte die «Luzerner Zeitung». «Sparprogramm mit Folgen: Religion fliegt aus dem Unterricht», hiess es wiederum im Aargau. Fast wortgleich klang es im Kanton Schaffhausen. Und in Wil (SG) sorgte ein Verbot von Weihnachtslieder für Empörung.

Weg vom Krippenspiel, hin zu Buddha und Mohammed.

Das Muster ist fast überall das Gleiche: Die Religion verliert ihren Platz in den Schulen, zerdrückt von dichten Stundenplänen, geschwächt vom Mitgliederschwund einer sich abwendenden Gesellschaft.

Das hat verschiedene Ursachen. Trotz der Intervention aus Rom – und der daraufhin wieder explizit im Lehrplan erwähnten christlichen Feste wie Weihnachten und Ostern – hat sich der Fokus klar zu allen Weltreligionen verschoben. Weg vom Krippenspiel und der Arche Noah, hin zu Buddha und Mohammed.

Kardinal Kurt Koch (rechts) im Gespräch  mit dem Bischof von St. Gallen Markus Büchel.

Kardinal Kurt Koch (rechts) im Gespräch mit dem Bischof von St. Gallen Markus Büchel.

In Genf und Neuenburg sind Kirche und Schule konsequent getrennt. Auch in Zürich und Bern organisiert der Staat einen konfessionslosen Ethikunterricht. Kirchen müssen die Kinder ausserhalb der Schule auf Firmung und Konfirmation vorbereiten. Einige Berner Kirchgemeinden erhalten von den Schulbehörden nicht einmal mehr die Klassenlisten – wegen des Datenschutzes. Zwar werden in Kantonen wie St. Gallen die Landeskirchen noch bis in die Klassenzimmer geduldet. Doch das wird vermehrt zum Sonderfall.

Kein Platz mehr für den Unterricht

Die demografische Entwicklung tut ihr übriges. Mit den steigenden Schülerzahlen wird der Platz knapp. Früher stellten Schulen die Räume für den konfessionellen Unterricht zur Verfügung. Das ist heute oft nicht möglich. Zudem werden die Lektionen seit Jahren an den Rand des Stundenplans gedrängt. Wenn überhaupt, finden die Lektionen am späten Nachmittag statt. Dort muss die Glaubensstunde mit Freizeitangeboten, wie Musik oder Sport konkurrieren.

Viele Schüler lassen sich dispensieren. «Noch vor wenigen Jahren war es kein Problem, an den Abenden oder am Samstag zu Unterrichten», sagt eine Aargauer Pfarrerin gegenüber dem «Portal der Reformierten». Doch mittlerweile seien zwei bis drei Abende mit Training belegt. «Auch die Wochenenden gehörten dem Sport», beklagt sie. König Fussball macht Kirchen zu Bettlern.

Klassenstunde statt Religion

Doch es sind längst nicht nur Bischöfe, Pfarrer und Katecheten, die um den Religionsunterricht bangen. Auch jene, die sich für den Religionswissenschaftlichen Ansatz im Lehrplan 21 stark gemacht haben, üben Kritik. «Bei der Umsetzung hapert es», schreibt die interreligiöse Arbeitsgemeinschaft «Iras Cotis» in einer Medienmitteilung. Auch sie beklagt, dass in vielen Kantonen kaum Stunden für den Religionsunterricht zur Verfügung stehen würden. Das liegt an der Zusammenführung verschiedener Fächer. Neu wird Religion im Fachbereich «Natur, Mensch, Gesellschaft» oder unter dem Sammelbegriff «Ethik, Religion und Gemeinschaft» unterrichtet.

Wie viel Zeit ein Lehrer wofür aufwendet, ist nicht fixiert. Oft würden in den Lektionen andere Fächer wie «Berufliche Orientierung» oder die «Klassenstunde» platziert, schreibt die Arbeitsgemeinschaft. Dabei kommt das Fach «Natur, Menschen Gesellschaft» in den Stundenplänen ohnehin zu kurz.

Eine Auswertung der Schweizer Erziehungsdirektoren hat ergeben, dass lediglich 5 von 21 Kantonen genügend Zeit für das Fach aufwenden. Wer soll da einen Überblick über Jesus, Buddha und Mohammed bekommen? Schon Religionsexperte Hugo Stamm sagte: «Gott ist überflüssig geworden.»

Das zeigen auch zahlen des Bundes. Jeder Vierte ist heute konfessionslos, 30 Prozent besuchen nie einen Gottesdienst. Rund 40 Prozent gehen nur für Beerdigungen und Hochzeiten in die Kirche.

Radikalisierung auf dem Pausenplatz

«In der Bildung lauert die Angst, sich an der Religion die Finger zu verbrennen», sagt Simon Gaus Caprez von der interreligiösen Arbeitsgemeinschaft. Doch Schulen kämen an Themen wie Radikalisierung, Islamfeindlichkeit oder Antisemitismus nicht herum. Spätestens auf dem Pausenplatz würden sie davon wieder eingeholt. «Es wächst eine Generation heran, die ihren Schulabschluss macht, aber kaum etwas über Religion weiss», sagt er.

Das tiefe Bildungsniveau werde sich später unweigerlich in der Gesellschaft bemerkbar machen. Im Religionsunterricht ginge es um unterschiedliche Glaubensrichtungen, Kulturen und die Kompetenzen für ein respektvolles Zusammenleben, sagt er. «Das sollte uns ein paar Lektionen wert sein.»

Autor

yannick.nock@azmedien.ch

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