Wie rassistisch ist die Schweiz? Diese Frage wurde in den letzten Tagen oft gestellt. Die Fälle Bremgarten und Oprah Winfrey sorgten in ausländischen Medien für viel Gesprächsstoff. Zumindest was US-Talkmasterin Winfrey angeht, die angeblich in einer Zürcher Nobelboutique schlecht behandelt wurde, hat die Präsidentin der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus (EKR) eine dezidierte Haltung. Sie lehne es ab, aus einem Ego-Problem ein Rassismus-Problem zu machen, schreibt Martine Brunschwig Graf auf Facebook – so wie es die Medien, allen voran die ausländischen, seit Tagen tun würden.

«Bizarre Überreaktion»

Zumindest indirekt kritisiert die EKR-Präsidentin damit auch Schweiz Tourismus. Die Tourismusorganisation hatte postwendend auf den Rassismusvorwurf der Fernsehikone reagiert und sich via Twitter bei Winfrey entschuldigt: «Wir schäumen vor Wut, diese Person hat sich völlig falsch verhalten.»

Mit diesem Tweet hat Schweiz Tourismus den Vorfall quasi bestätigt und manch ein Beobachter sieht darin einen Brandbeschleuniger: «Die negativen Schlagzeilen haben massgeblich mit der Überreaktion von Schweiz Tourismus zu tun», sagt SVP-Nationalrat Roland Rino Büchel. Es sei hirnrissig, in die Welt hinaus zu twittern, man sei «extrem wütend» über das Handeln einer einzelnen Verkäuferin. «Woher weiss diese Organisation, dass es sich hier nicht einfach um ein Missverständnis handelt?», fragt der St. Galler Aussenpolitiker.

Büchel war in den letzten Tagen gefragter Gast bei ausländischen Radiostationen. Eine BBC-Moderatorin sprach ihn im Vorgespräch direkt auf den Tweet von Schweiz Tourismus an. Diverse Medien machten in ihren Schlagzeilen aus Schweiz Tourismus ganz einfach die Schweiz, als ob sich der Staat ganz offiziell bei Winfrey entschuldigt hätte.

Nächste Woche tagt die Aussenpolitische Kommission des Nationalrates. Büchel will die Reaktion von Schweiz Tourismus dort thematisieren und verlangt von Direktor Jürg Schmid eine Erklärung, wie es zu dieser «bizarren» Entschuldigung gekommen sei. Schliesslich, so Büchel, handle es sich bei Schweiz Tourismus um eine «hochsubventionierte» Organisation. Diese war gestern für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Über Twitter liess sie am Abend wissen: «Jeder Gast, der die Schweiz unzufrieden verlässt, ist einer zu viel. Darum ging es uns.»

Verkäuferin meldet sich zu Wort

Im «SonntagsBlick» schilderte die beschuldigte Verkäuferin, die seit fünf Jahren in der Luxusboutique Trois Pommes arbeitet, ihre Version der Geschichte. Sie bestritt den Vorwurf, sie habe Winfrey die ominöse 35 000-Franken-Krokodilleder-Tasche aus rassistischen Gründen nicht ausgehändigt: «Das ist absolut nicht wahr! Ich fragte sie sogar, ob sie die Tasche anschauen wolle.»

Die Verkäuferin bezeichnet die Aussagen der US-Fernsehikone als «absurd». Gute Manieren und Höflichkeit seien das A und O in diesem Geschäft. Die Verkäuferin versichert: «Ich habe niemandem etwas zuleide getan.»

Satiriker Viktor Giacobbo nahm den Ball auf und fragte Schweiz Tourismus auf Twitter lakonisch: «Wie wärs jetzt mit einer Entschuldigung bei der Handtäschli-Verkäuferin?»