Erstklässler

Wieso Eltern ihre Kinder nicht mehr verspätet in die Schule schicken

Kinder gehen immer früher zur Schule.

Kinder gehen immer früher zur Schule.

Eltern verzögern den Schuleintritt ihrer Kinder deutlich seltener als früher. Gingen in den 90er-Jahren noch über 10 Prozent verspätet in der Schule, sind es heute weniger als 5 Prozent. Mit ein Grund: Kinder werden vermehrt individuell gefördert.

Gemäss Schulkonkordat aus dem Jahr 1970 soll ein Kind «mit erfülltem 6. Altersjahr» in die erste Klasse eintreten. Der offizielle Stichtag variiert aktuell noch von Kanton zu Kanton. Von einer Rückstellung spricht man, wenn ein Kind am Stichdatum schon das siebte Altersjahr erfüllt hat und erst danach in die erste Klasse eintritt. Die verzögerte Einschulung ist indes seit einigen Jahren wenig populär: Eltern verzögern den Zeitpunkt des Schuleintritts ihrer Kinder deutlich seltener als früher. Dies belegen Zahlen aus mehreren Kantonen, die der «Nordwestschweiz» vorliegen.

Im Kanton Aargau betrug der Anteil der Kinder, die verspätet eingeschult wurden, Ende 1990er-Jahre noch über zehn Prozent. Zwischen dem Jahr 2002 und dem Jahr 2012 gab es immer weniger sogenannte Rücksteller: Von 8,7 Prozent nahm der Anteil im Aargau auf 4,8 Prozent ab. Im Kanton Basel-Landschaft lag der Anteil der spät Eingeschulten 2011 bei 3 Prozent. Zehn Jahre zuvor waren es noch hohe 9,3 Prozent gewesen.

Bern und Zürich bestätigen Trend

Auch im Kanton Bern lässt sich der Trend beobachten: Hier sank der Anteil derjenigen Kinder, die am Stichtag, dem 30. April, schon sieben Jahre alt waren, in den vergangenen acht Jahren von 15,4 auf 11,9 Prozent. «Es sieht so aus, dass Kinder heute weniger häufig zurückgestellt werden oder die erste Klasse in zwei Jahren absolvieren», sagt Max Suter, Vorsteher des Amts für Kindergarten, Volksschule und Beratung in der Erziehungsdirektion des Kantons Bern.

Die Tendenz bestätigt sich im Kanton Zürich, wie eine überschlagsmässige Auswertung der Daten über die letzten zehn Jahre ergibt: «Auch hier nimmt die Zahl der verspätet eingeschulten Kinder in der öffentlichen Volksschule laufend ab», schreibt Alfred Ulmer, Leiter der Bildungsstatistik in der Bildungsdirektion des Kantons Zürich.

Integriert dank Heilpädagogik

Für diese Entwicklung gibt es mehrere mögliche Erklärungen. Im Kanton Aargau begründet man den Rückgang der verzögerten Einschulungen mit der Einführung der integrativen Heilpädagogik an immer mehr Schulen. «Die Heilpädagogik ermöglicht bei Bedarf eine individuellere Betreuung», sagt Irène Richner-Schellenberg, Kommunikationsleiterin im Bildungsdepartement des Kantons Aargau. «Mit den zunehmend individuellen Unterstützungsmöglichkeiten ist man davon abgekommen, die Kinder einfach länger im Kindergarten zu behalten. Der Mythos, das Kind ‹nachreifen› zu lassen, wird abgelöst durch den Ansatz der ‹massgeschneiderten› Unterstützung und Förderung.»

Johannes Kipfer, Vorsteher der Abteilung Volksschule in der Erziehungsdirektion des Kantons Bern, führt eine andere Erklärung an: «Wir vermuten, dass es sich positiv auswirkt, dass immer mehr Kinder den zweijährigen Kindergarten besuchen.» Zudem sei die Zusammenarbeit zwischen den Lehrpersonen des Kindergartens und der Primarstufe optimiert worden.

Im Thurgau passiert das Gegenteil

Viele Kantone verlegen ihren Stichtag in Schritten auf den 31. Juli. Dies steht im Zusammenhang mit der interkantonalen Vereinbarung über die Harmonisierung der obligatorischen Volksschule (Harmos-Konkordat).

Mit dem Stichdatum Ende Juli werden künftig die jüngsten eingeschulten Kinder im Vergleich zu heute jünger sein. Ein Beispiel: Bisher waren die jüngsten Kinder, die in die erste Klasse eintreten, bei einem Stichtag 30. April sechs Jahre und gut drei Monate alt. Beim Stichtag Ende Juli wird die jüngste Erstklässlerin ihren sechsten Geburtstag gerade erst gefeiert haben.

Die Verlegung des Stichtags könnte deshalb dazu führen, dass der Anteil der Rücksteller wieder zunimmt. Entsprechende Erfahrungen hat man im Kanton Thurgau gemacht, wo die Umstellung auf den neuen Stichtag bereits im Sommer 2008 erfolgte. Wie Walter Berger, Vorsteher des Amts für Volksschulen, erklärt, sei die Zahl der Rückstellungen in den Folgejahren schrittweise angestiegen. Und zwar von 6,2 Prozent (2009) auf 11,5 Prozent (2012). Berger sagt: «Offenbar hat die schweizweit geführte Debatte über das Harmos-Konkordat die Sensibilität der Eltern geschärft.»

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