Debatte

Wie rassistisch ist die Schweiz? Vier Schwarze sprechen über ihren Alltag und über den «Mohrenkopf»

Vier Menschen, vier Geschichten.

Vier Menschen, vier Geschichten.

Die Rassismus-Debatte ist auch in der Schweiz voll entbrannt. Hier sprechen vier Menschen ohne weisse Hautfarbe darüber, wie sie die Sache sehen.

Nach dem Tod des Afroamerikaner George Floyd bei einem gewaltsamen Polizeieinsatz gehen auch hierzulande Tausende Menschen für mehr Gleichberechtigung auf die Strasse. Die Demonstranten machen darauf aufmerksam, dass es auch in der Schweiz ein Rassismus-Problem gibt. Obwohl Rassismus laut Verfassung verboten ist, sind Anfeindungen, Sticheleien, Angriffe, Ausgrenzung, Benachteiligung auf Grund von Hautfarbe und Herkunft für viele Migranten Realität.

Wir haben vier Nichtweisse stellvertretend für viele befragt, wie es ist, in der Schweiz Schwarz zu sein. Was sie sich für das Zusammenleben wünschen und was sie von der «Mohrenkopf»-Diskussion halten. Sie zeichnen ein Bild vom Alltag in der Schweiz und sind sich nicht in allen Fragen einig. Besonders einer schert aus.

Anja Glover: «Es geht hier nicht um Schwarz gegen weiss»

Natürlich gibt es bei uns in der Schweiz Rassismus, ich als Afro-Europäerin erfahre ihn täglich, das steht nicht zur Debatte. Das Problem bei der Rassismus-Thematik weltweit und damit auch hier in der Schweiz, liegt für mich bei der Abwesenheit von Wissen. Darin, dass wir einfach gerne nur das sehen, was wir bereits kennen. Menschen verwenden viel Energie dazu, Traditionen und Sichtweisen zu verteidigen, aus Angst, dass ihnen etwas weggenommen wird. Eine Veränderung beginnt damit, zu erkennen, dass es niemanden Schuld ist, dass Rassismus in unserer Kultur und Sprache verankert ist. Aber es liegt in unserer Verantwortung, etwas dagegen zu tun. Es geht hier nicht um Schwarz gegen weiss. Es geht um alle gegen Rassismus.

Anja Glover gründete eine Kommunikationsagentur.

Anja Glover gründete eine Kommunikationsagentur.

Die aktuelle Diskussion um die M-Köpfe bestätigt für mich meine eigenen Erfahrungen. Wenn es so schwierig ist, im Kleinen etwas zu verändern, wenn sich so viele Menschen dagegen stellen, obwohl Rassismus keine Meinungssache ist, dann wird doch offensichtlich, dass wir ein Problem haben? Das grosse Problem ist nämlich nicht nur unbedingt der Name der Süssigkeit, sondern die Aggressivität mit der er verteidigt wird. Warum ist diese Verteidigung so wichtig? Woher kommt dieser Groll? Was fürchtet man zu verlieren?

Für mich reicht es oft, in die Geschichte zu blicken und zu erkennen, dass vieles, was damals »normal« war, heute absurd ist. Wie etwa die Rassentrennung oder das nichtvorhandene Frauenstimmrecht. Also wie können wir davon ausgehen, dass Dinge, die heute »normal« scheinen, von denen man aber weiss (unter anderem durch die Forschung), dass sie nicht der Norm entsprechen sollten, in ein paar Jahren nicht auch als absurd gelten werden? Und was haben wir dann für den Wandel gemacht? Welche Position haben wir dann eingenommen? Was werden wir unseren Kindern erzählen? Dass wir uns nicht betroffen fühlten? Es nicht so schlimm fanden?

Ich nehme mir immer wieder vor, im Hier und Jetzt zu leben. Für mich ist aber die Geschichte wichtig, das Wissen, wie unsere Gesellschaft aufgebaut ist, was vorher war und wie es in der Zukunft sein könnte. Ich habe eine gute Ausbildung gemacht, habe einen guten Job, kann mich zu Wort melden, wenn ich es will. Mir geht es gut in diesem Land, sehr gut sogar. Aber genau deshalb kann ich auch für Gerechtigkeit einstehen. Mir wurden weder Rassismus noch Sexismus ernsthaft zum Verhängnis. Wahrscheinlich haben mich beide Positionen sogar gestärkt, weil ich gelernt habe, mich zu wehren. Es liegt aber in meiner Verantwortung, meine Position dazu zu nutzen, mich aktiv gegen Ungerechtigkeit einzusetzen. Das ist anstrengend, verletzten, oft frustrierend. Es reicht nicht, davon überzeugt zu sein, nicht rassistisch zu handeln, wir müssen uns alle aktiv einsetzen, damit eine andere Zukunft möglich wird.

Fatima Moumouni: «Rassistische Polizeigewalt ist nur die Spitze des Eisbergs»

Mich nervt es, dass die Diskussion über Rassismus in der Schweiz nie über die Frage hinausgeht, ob es überhaupt Rassismus gibt. Jetzt gibt es wieder mediale Aufmerksamkeit auf das Thema und ich und alle, die man jetzt aufgeregt in der ansonsten sehr weissen Schweizer Medienlandschaft gesucht hat, werden wieder aufs Neue gefragt: Haben Sie schon mal Rassismus erlebt?

Fatima Moumouni ist Slam Poetin.

Fatima Moumouni ist Slam Poetin.

Das ist die falsche Frage. Es ist vollkommen klar, dass es auch hier Rassismus gibt. Menschen, die hier in die Schule gehen, arbeiten, leben, lieben erleben tagtäglich Rassismus auf verschiedene Arten. Rassistische Polizeigewalt ist dabei auch in der Schweiz nur die Spitze des Eisbergs. Zum Bekämpfen von Rassismus ist es wichtig, dass man anerkennt, dass es dabei nicht nur um explizite und absichtliche Übergriffe geht, sondern um ein ganzes System, das in allen möglichen Lebensbereichen eine Rolle spielt.

Die viel interessantere Frage, als die, ob ich schon mal Rassismus erlebt habe, ist also, warum die Mehrheitsgesellschaft das ständig negiert. Anders als Deutschland, wo ich aufgewachsen bin, erlebe ich die Schweiz als Land, das sich frei von rassistischer Schuld fühlt und deshalb die Augen verschliesst. Dabei gab es bis in die 60er Jahre Menschenzoos in der Schweiz, das Apartheidsystem in Südafrika wurde durch Schweizer Politik und Politiker unterstützt, Schweizer waren nicht nur beteiligt, sondern auch wichtige Mittäter in der Kolonialzeit. So etwas kann man nicht einfach vergessen, es muss aufgearbeitet werden.

Die Debatte um die richtige Bezeichnung für Schokoküsse ist dabei ein Teil des Versuchs, auf diese Geschichte aufmerksam zu machen. Viele Leute denken jedoch, es würde ausreichen, in dieser Diskussion zu sagen, Mohrenkopf sei ja nicht ‹böse gemeint›, ohne sich mit der Geschichte des Wortes und dem eigentlichen Problem, einer sprachlichen Normalisierung von rassistischen Begriffen, auseinandersetzen zu wollen.

Ich hoffe, dass die aktuelle Aufmerksamkeit auf die Black-Lives-Matter-Bewegung zu einem Wandel führt: Erst zu einer breiteren, gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Problem im Schweizer Kontext und dann zu politischen Massnahmen, die dem entgegenwirken.
Denn wie sollen wir jemals Probleme in diesem Land angehen, wenn der Blick ins Ausland immer nur dafür genutzt wird zu sagen, dass es hier ja glücklicherweise nicht so schlimm ist wie anderswo und wir ausserdem die beste Schokolade der Welt haben?»

Edwin Ramirez: «Humor ist meine Waffe gegen Rassismus

Es ist für eine weisse Person kaum vorstellbar wie entwürdigend und verletzend es ist, wenn man von der Polizei angehalten wird, während man vor seiner eigenen Wohnung den Karton rausstellt. Auf meine Frage, wieso sie mich kontrollieren würden, meinten die Polizisten nur: «Was du gemacht hast hat verdächtig ausgesehen und wir haben dich hier noch nie gesehen.» Ich kenne keine weisse Person, der je sowas vor der eigenen Haustür passiert ist.

Edwin Ramirez ist Comedian.

Edwin Ramirez ist Comedian.

Schwarzen Personen und anderen People of Colour wird allein wegen ihrer Hautfarbe unterstellt, bösartige Absichten zu haben. Auch über Schweizer gibt es Vorurteile, klar. Zum Beispiel, dass sie , überpünktlich seien. Dieses Vorurteil ist aber positiv behaftet. Im Vergleich dazu unterstellt man Schwarzen Menschen negative Eigenschaften wie sie seien unpünktlich oder zu laut.

Eines meiner schlimmsten Erlebnisse war ein Auftritt mit anderen Comedians in Zürich, bei dem wir mit Gästen zusammen gekocht und gegessen haben. Zum Dessert wurde ein ganzer Berg Schokoladentörtchen mit klischierten Gesichtern aufgetischt, mit dicken roten Lippen und grossen Augen. Ich war die einzige schwarze Person im Raum. Ich konnte es nicht fassen und war derart geschockt und wütend, dass ich anfing hysterisch zu lachen. Die Anwesenden dachten wohl, ich fände den Schokoladenberg extrem lustig. Ich war in dieser Zeit finanziell knapp dran und der Auftritt war gut bezahlt, ich wagt es nicht, mich zu wehren.

Ich würde mir wünschen, dass mehr Weisse in rassistischen Situationen etwas sagen und für uns einstehen. Wenn ich in solchen Situationen zu viel sage, kann das als schwierig oder undankbar gewertet werden.

Als Comedian ist Humor einer meiner Waffen gegen Alltagsrassismus. Ich kann so die teils absurden und verletzenden Situationen für mich verarbeiten und sie zugleich mit einem Publikum teilen. In der Hoffnung, dass sich in meine Lage versetzen können und erkennen wieso diese Situationen so verletzend sind. Manchmal bin ich aber auch zu müde, zu verletzt oder zu wütend, um zu kontern. Ich habe gelernt, dass ich meine Verletzlichkeit nicht runterschlucken muss, daran ist nichts falsch. Sich eine dicke Haut zuzulegen ist längerfristig keine ausreichende Überlebensstrategie. Rassismus zerfrisst eine Gesellschaft von innen, das sieht man vor allem in den USA, aber auch auf der ganzen Welt.

Die Schweiz ist mein Land, meine Heimat. Ich lebe sehr gerne hier, darum setze ich mich dafür ein, dass es die nächste Generation einfacher hat.

Adrian Spahr: «Meine Hautfarbe hat mir sicher nicht geschadet»

«Ich habe keine Erfahrungen mit Rassismus gemacht, obwohl man mir ansieht, dass ich eine brasilianische Mutter habe. Klar, auf dem Schulhausplatz musste ich einstecken, aber das mussten der Albaner und der Schweizer genauso. Im Militär war ich bei den Panzergrenadieren in Thun. Sie gilt als Truppe, die Patrioten anzieht. Trotzdem wurde ich sehr korrekt behandelt. Als ich die Polizeischule machte, sprachen wir dort auch über Racial Profiling, also Personenkontrollen, die nur aufgrund der Hautfarbe durchgeführt werden.

Adrian Spahr ist Co-Präsident der jungen SVP Kanton Bern. Er wohnt in Lengnau BE und arbeitet als Polizist in Basel.

Adrian Spahr ist Co-Präsident der jungen SVP Kanton Bern. Er wohnt in Lengnau BE und arbeitet als Polizist in Basel.

Ich erinnerte mich an einen Tag, als ich noch Schüler war. Ich wurde am Bahnhof Lengnau von Kantonspolizisten kontrolliert. Sie fragten, ob sie einen Blick in meine Tasche werfen könnten. Als ich die Tasche aufmachte, liessen sie von mir ab.

Ich habe über diese Kontrolle nachgedacht und bin zum Schluss gekommen, dass es kein Racial Profiling war. Wahrscheinlich haben die Polizisten, nach jemandem gesucht, der ähnlich aussah. Wenn Racial Profiling ein Problem wäre, dann müsste ich ständig den Ausweis zeigen. Ich wurde danach aber zehn Jahre lang nicht kontrolliert. An der Grenze zur USA wollten sie mich genau kontrollieren, liessen das aber, als sie meinen Dienstausweis sahen und klopften mir auf die Schulter.

In der SVP – ich bin Co-Präsident der jungen SVP Bern – habe ich mir keinen einzigen Spruch anhören müssen. Bei der Grossratswahl machte ich ein um Längen besseres Resultat, als der alteingesessene Gemeindepräsident meines Wohnortes, der auch in der SVP ist. Meine Hautfarbe hat mir also sicher nicht geschadet.

Es ist eher der politische Gegner, von dem ich angefeindet werde. Viel Linke nehmen es mir übel, dass ich trotz Migrationshintergrund in der SVP bin. Ich habe manchmal den Eindruck, dass sie sich nur so lange für Schwarze einsetzen, wie sie die gewünschte Meinung vertreten.

Die Demonstrationen in den USA finde ich in Ordnung – so lange sie friedlich bleiben. In der Schweiz finde ich es übertrieben, zu demonstrieren. Bis vor kurzem leitete ein Schwarzer eine der zwei Grossbanken. Wir haben in der Schweiz also kein ernsthaftes Rassismus-Problem. Es gibt aber Einzelfälle, die man bekämpfen muss. Ich bin selbst auch schon einmal eingeschritten, als sich Schweizer und Tamilen an die Gurgel gehen wollten.

Mohrenköpfe haben für mich nichts mit Rassismus zu tun. Die Debatte schadet, weil wegen ihr echte Rassismusprobleme weniger ernst genommen werden.

Ich wurde wegen eines Verstosses gegen die Antirassismusstrafnorm vom Berner Obergericht verurteilt. Es ging um ein Plakat gegen Standplätze für Fahrende. Ich werde das Urteil weiterziehen. Es ging mir nicht um die Herabsetzung einer Ethnie, sondern nur um konkrete Vorfälle. Ich finde es falsch, wenn unter dem Deckmantel von Antirassismus die Meinungsfreiheit eingeschränkt wird.»

Die wichtigsten Begriffe in der Rassismus-Debatte

Schwarze Menschen ist eine Selbstbezeichnung und beschreibt eine von Rassismus betroffene gesellschaftliche Position. «Schwarz wird in diesem Zusammenhang grossgeschrieben, um zu verdeutlichen, dass es sich nicht allein um die Hautfarbe und eine optische Zuschreibung geht, sondern um die gemeinsame Erfahrung auf eine bestimmte Art und Weise wahrgenommen zu werden.»

People of Color / POC ist eine internationale Selbstbezeichnung von/für Menschen mit Rassismuserfahrungen. Der Begriff markiert eine politische gesellschaftliche Position und versteht sich als emanzipatorisch und solidarisch. Er positioniert sich gegen Spaltungsversuche durch Rassismus und Kulturalisierung sowie gegen diskriminierende Fremdbezeichnungen durch die weisse Mehrheitsgesellschaft. Inzwischen wird teilweise auch von BPoC (Black and People of Color) gesprochen.

Farbige(r)) ist eine Fremdbezeichnung aus der Kolonial- und Segregationszeit und nach rassistischen Denkmustern entstanden. Er sollte nicht mehr benutzt werden.

Weiss und Weisssein bezeichnen ebenso wie «Schwarzsein» keine biologische Eigenschaft und keine reelle Hautfarbe, sondern eine politische und soziale Konstruktion. Mit Weisssein ist die dominante und privilegierte Position innerhalb des Machtverhältnisses Rassismus gemeint, die sonst zumeist unausgesprochen und unbenannt bleibt.

Black Lives Matter (BLM) (englisch für «Schwarze Leben zählen») ist eine internationale Bewegung, die innerhalb der afroamerikanischen Gemeinschaft in den Vereinigten Staaten entstanden ist und sich gegen Gewalt gegen Schwarze bzw. People of color einsetzt. Black Lives Matter organisiert regelmäßig Proteste gegen die Tötung Schwarzer durch Polizeibeamte und zu breiteren Problemen wie Racial Profiling, Polizeigewalt und Rassismus. (Quelle: Amnesty International)

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