Lohnkosten

Wermuth kritisiert Kita-Praktika: «Junge Menschen werden als billige Arbeitskräfte ausgenutzt»

Theoretisch dauert die Ausbildung zur Fachfrau Betreuung drei Jahre - doch häufig muss davor mindestens ein einjähriges Praktikum absolviert werden.  (Symbolbild: Neue Zuger Zeitung, Stefan Kaiser (Cham, 19. Mai 2015))

Theoretisch dauert die Ausbildung zur Fachfrau Betreuung drei Jahre - doch häufig muss davor mindestens ein einjähriges Praktikum absolviert werden.  (Symbolbild: Neue Zuger Zeitung, Stefan Kaiser (Cham, 19. Mai 2015))

Voraussetzung für eine Lehrstelle in einer Kita ist oft ein einjähriges, manchmal gar zweijähriges Praktikum. Ohne die günstigen Praktikantinnen würden die Lohnkosten und damit auch die Kitatarife deutlich ansteigen. Die Frage ist, wer dafür bezahlt.

Die Lehrstellen als Kitabetreuerin sind beliebt, doch der Weg dorthin ist oft steinig. Neue Zahlen der Dachorganisation der Arbeitswelt Soziales (Savoirsocial) zeigen: Fast 40 Prozent der Lernenden im Bereich Fachfrau/-mann Betreuung hat vor der Lehre bereits ein oder mehrere Praktika absolviert. Betrachtet man einzig die Kitabetreuerinnen, liegt die Zahl gar noch höher. *

Am weitesten verbreitet sind mit 60 Prozent Praktika von einem Jahr, 18 Prozent der Praktika dauern gar zwei Jahre. Begründet wird die Zusatzschlaufe gemäss der Auswertung meist damit, dass die angehende Betreuerin ihre Eignung für den Beruf unter Beweis stellen soll.

Tatsächlich spielen aber die Lohnkosten eine entscheidende Rolle. Eine Kitapraktikantin verdient gerade einmal zwischen 400 und 1000 Franken im Monat. Während der Lehre zur Fachfrau Betreuung sind es dann je nach Lehrjahr ungefähr 750, 950 respektive 1250 Franken.

«Heimliche Voraussetzung für Lehrantritt»

«Die dreijährige Lehre könnte man im Prinzip von der Schule weg beginnen. Aber weil die Kitas in der Schweiz so schlecht finanziert sind, verlangen sie häufig vorgängig ein Praktikum», sagt Christine Flitner, Zentralsekretärin der Gewerkschaft VPOD. «Das Praktikum ist damit zu einer heimlichen Voraussetzung für einen Lehrantritt geworden, die Lehre wird hinterrücks auf vier Jahre verlängert.»

SP-Nationalrat Cédric Wermuth kritisiert die Praxis. Nicht selten würden «junge Menschen so ein oder gar zwei Jahre als billige Arbeitskräfte ausgenutzt», schreibt er in einem aktuellen Vorstoss. Besonders stossend sei dies, wenn im Anschluss an das Praktikum nicht einmal eine Lehrstelle in Aussicht stehe. Solche Fälle kennt auch Christine Flitner. Manche Kitas hätten pro drei Praktikumsstellen nur gerade eine Lehrstelle zur Verfügung. Die anderen zwei Praktikantinnen gingen leer aus.

Flitner zeigt sich aber auch überzeugt: «Die Kitas würden die Praktika sofort abschaffen, wenn sie es sich leisten könnten.» Die Aussage deckt sich mit einem Positionspapier des Verbandes Kinderbetreuung Schweiz kibesuisse. «Die Verbandsmitglieder würden mehrheitlich auf die Anstellung von Praktikantinnen und Praktikanten verzichten, wenn sie genügend finanzielle Mittel für einen Personalmix ohne Praktikanten zur Verfügung hätten», heisst es dort.

Vollkosten steigen um 20 Prozent

Der Verband begrüsst eine Reduktion der Praktika, gibt aber gleichzeitig zu bedenken, dass erst die Kostenfrage geklärt werden müsse. 78 Prozent der Betriebskosten seien auf den Personalaufwand zurückzuführen. Wenn alle Praktikanten durch anderes Personal ersetzt werden müsse, stiegen die Vollkosten um mindestens 20 Prozent.

«Wenn die heutigen Kitatarife zu tief sind für eine anständige Entschädigung der Angestellten, dann müssen sie eben erhöht werden», sagt Cédric Wermuth dazu. Geht es nach dem SP-Nationalrat, müssten aber nicht die Eltern tiefer in die Tasche greifen, sondern der Staat für die Mehrkosten aufkommen. Auch kibesuisse sieht die öffentliche Hand in der Pflicht. Die finanzielle Belastung der Eltern sei schon heute sehr hoch.

Der Verband empfiehlt seinen Mitgliedern, Praktika auf maximal ein Jahr zu beschränken und innerhalb einer Kita nicht mehr Praktika als Lehrstellen anzubieten. Zudem sollten die Praktikantinnen angemessen betreut werden.

Bern setzt Obergrenze

Die Regeln bereits verschärft hat der Kanton Bern. Dort dürfen Kita-Praktika noch maximal sechs Monate dauern. Sichert der Betrieb eine Lehrstelle zu, kann das Praktikum um weitere sechs Monate verlängert werden. Ansonsten muss ab diesem Zeitpunkt ein höherer Lohn von 3000 Franken pro Monat bezahlt werden.

Christine Flitner bezeichnet das Berner Modell als Schritt in die richtige Richtung. «Noch viel besser wäre es aber, Praktikantinnen dürften erst gar nicht beim Betreuungsschlüssel angerechnet werden», sagt Flitner. «Damit hätten die Kitas kein Interesse mehr daran, möglichst viele Praktikantinnen einzustellen.» Mit dem Betreuungsschlüssel wird die Anzahl Personen festgelegt, welche für eine bestimmte Gruppengrösse verantwortlich ist. Bei den Vorgaben spielt auch die Qualifikation der Betreuer eine entscheidende Rolle.

*Die Zahl umfasst auch Lehrlinge, die in Alters- oder Behindertenheimen ihre Ausbildung machen. Diese schaffen aber häufiger als ihre Kolleginnen in der Kita den direkten Berufseinstieg ohne vorgängigem Praktikum.

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