Versprochen hat der Gewerbeverband ein «Schauspiel-Drama» mit Laien, die sich gegen die «ungerechte AHV-Reform» wehrten. Doch mit Versprechen ist das eben so eine Sache. Zwar baute das Nein-Komitee gestern eine Bühne auf dem Bundesplatz in Bern auf. Anstatt Theater gab es dann aber Live-Musik und spröde, abgekartete Interviews mit Bundespolitikern. Und obendrauf ein weiteres Versprechen: Dass nach einem Nein die Reform besser für die Jungen und die Alten ausfallen würde.

Trotz verkleideter Politiker blieb das Gaudi aus: Passanten zogen die Gratis-Zuckerwatten den politischen Schlagworten vor. Dabei wäre ein Diskurs über Gerechtigkeit innerhalb der Reform angebracht. Ein Diskurs, der über «das Zückerchen» 70 Franken hinausgeht. Stichwort: Übergangsgeneration.

1300 Franken Rentendifferenz

Alle Erwerbstätigen, die vor 1974 geboren sind, können sich bei Annahme der Altersreform auf eine gute Rente freuen: Sie erhalten nebst den 70 Franken AHV-Zuschlag für alle Neurentner eine Garantie auf Besitzstandswahrung in der zweiten Säule. Das heisst, ihre Pensionskassenrente wird nicht kleiner sein als ohne Reform. Je nach heutigem Einkommen bedeutet das mindestens plus 840 Franken Rente pro Jahr. Es kann aber auch deutlich mehr sein.

Personen, die 2018 nicht 45 Jahre alt sind, zählen nicht zur Übergangsgeneration. Sie müssen ebenfalls mehr Lohn abgeben, um für die Rente zu sparen. Aber nur für tiefere Einkommen zahlt sich das auch aus, wie Berechnungen des Bundesamts für Sozialversicherungen zeigen (siehe Tabelle). Bruttoeinkommen von 25 000 bis 40 000 Franken können dereinst mit mehr als 2000 Franken Rentenzustupf pro Jahr rechnen, sie legen dafür aber auch grössere Teile ihres Lohns auf die hohe Kante: 1290 bis 1661 Franken zahlen sie pro Jahr zusätzlich an die Vorsorge.

Junge Erwerbstätige mit höherem Lohn zahlen ebenfalls mehr ein, erhalten aber marginal höhere Renten. Jene mit einem Bruttolohn von 84 600 Franken müssen nach der Pensionierung sogar Rentenkürzungen von bis zu 478 Franken pro Jahr in Kauf nehmen.

Kurz: Zwischen den Jahrgängen 1973 und 1974 tut sich eine Lücke bis zu 1300 Franken Rentenunterschied auf. Wobei es Personen an der Schnittstelle zur Übergangsgeneration am härtesten trifft. Denn je jünger die Beitragszahler sind, desto mehr können sie sparen, desto besser ist ihre Rente. Die Kehrseite davon: Sie zahlen viel mehr ein.

Stopp der Umverteilung

Wieso also hat das Parlament die Besitzstandsgarantie verabschiedet? Böse Zungen behaupten, der Grund sei nicht weit zu suchen: Kaum ein Parlamentarier ist jünger als 44. Die meisten gehören der Übergangsgeneration an und profitieren also von der Reform. Allerdings hatte die Besitzstandsgarantie ursprünglich eine Logik: Mit der Absicht, die Pensionskassen zu sanieren, geht eine Rentenkürzung einher: Der Mindestumwandlungssatz, der die Höhe der Rente bestimmt, wird gesenkt.

Der Handlungsbedarf ist unbestritten. Da die Menschen immer älter werden, reicht das angesparte Geld aus der zweiten Säule meist nicht für den ganzen Lebensabend aus. Auch die Finanzmärkte können die Lücken mit den sinkenden Renditen nicht mehr füllen. Um die Umverteilung von jährlich rund 1,3 Milliarden Franken von jung zu alt zu stoppen, muss der Umwandlungssatz gesenkt werden. Das führt zu Rentenkürzungen.

Da Bundesrat Alain Berset versprach, das Rentenniveau zu halten, schlug er eine Kompensation vor. Erwerbstätige sollen mehr Alterskapital ansparen können, um die Ausfälle auszugleichen. Dazu hätte jeder Erwerbstätige mehr Lohnbeiträge an die Pensionskasse abgeben sollen, zudem wäre es neu auch tiefen Einkommen möglich gewesen, eine anständige zweite Säule aufzubauen. Die Logik: Ein höheres Alterskapital garantiert auch bei tieferem Umwandlungssatz eine anständige Rente.

Die Zeit und das Sparen

Nur: Personen, die kurz vor der Rente stehen, bleibt zu wenig Zeit, um ihr Altersguthaben ausreichend zu vergrössern. Darum schlug Berset die Besitzstandgarantie vor, dass diese zwanzig Jahre dauern soll, besiegelte das Parlament erst am Ende der Beratung. Denn zu Beginn schlug der Ständerat als Kompensation für die tiefere Pensionskassenrente einen AHV-Zuschlag von 70 Franken pro Monat vor. Bersets Vorschlag wurde in abgeschwächter Form trotzdem übernommen. Zwar können so kleine Einkommen neuerdings mehr sparen, was sich positiv auf die Rente auswirkt. Doch durch die Besitzstandswahrung profitiert die Übergangsgeneration doppelt.

Wieso die Rente bereits heute sinkt

Wer mehr als 21 150 Franken Lohn pro Jahr verdient, zahlt einen Teil an die Pensionskasse. Der Erwerbstätige spart so bis zur Pensionierung Altersguthaben in der zweiten Säule an, das ab dann zur Finanzierung der Rente dient. Der Umwandlungssatz bestimmt, wie viel vom Altersguthaben pro Jahr ausbezahlt wird.

Wer 100 000 Franken Altersguthaben angespart hat, erhält bei einem Umwandlungssatz von 6,8 Prozent 6800 Franken pro Jahr. Mit der Reform wird der Satz auf 6 Prozent gesenkt, also auf 6000 Franken Rente. Allerdings gilt dieser Umwandlungssatz nur für Löhne bis 84 600 Franken pro Jahr, das sogenannte Obligatorium. Bei höheren Einkommen steht es den Pensionskassen frei, tiefere Umwandlungssätze anzuwenden. So liegt bei vielen Versicherten der Umwandlungssatz bereits heute deutlich unter sechs Prozent.