Personenverkehr

Wegen Verspätungen: SBB will Ausbauwünsche der Kantone künftig kritischer beurteilen

Der Fahrplan ist dicht, das Angebot wächst. Das bringt die SBB an ihre Kapazitätsgrenzen. Bild: Christian Beutler/Keystone

Der Fahrplan ist dicht, das Angebot wächst. Das bringt die SBB an ihre Kapazitätsgrenzen. Bild: Christian Beutler/Keystone

Baustellen, Engpässe bei den Lokomotivführern und fehlendes Rollmaterial: Die SBB hat ein Problem mit der Pünktlichkeit. Es wird auch durch die Kantone befeuert, die den regionalen Personenverkehr ausbauen wollen. Jetzt steht SBB-Chef Andreas Meyer auf die Bremse.

Die Schweiz ist stolz auf ihr dicht ausgebautes ÖV-Netz. Sogar der hinterste Krachen ist erschlossen. Mehr als 100 Transportunternehmen bedienen gut 1400 Linien im Auftrag von Bund und Kantonen. Die meisten Strecken lassen sich nicht kostendeckend betreiben. Das hat seinen Preis. Der Bund und die Kantone gelten die Leistungen der ÖV-Betriebe jährlich mit je einer Milliarde Franken ab.

Auch der regionale Personenverkehr befeuert die Kapazitätsengpässe bei den SBB – und beeinträchtigt die Pünktlichkeit. «Wir müssen eingestehen, dass wir manchmal hätten sagen sollen: Das geht nicht mehr», sagte SBB-Chef Andreas Meyer am Montag an einer Medienorientierung in Bern, an dem die SBB Massnahmen zur Verbesserung der Pünktlichkeit präsentierten. Meyer hat den Kantonen an einem Treffen im September angekündigt, dass die SBB Ausbauwünsche künftig kritischer beurteilen werde. Das heisst: Sie werden auch einmal «Nein» sagen.

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Der Schwyzer Regierungsrat Othmar Reichmuth (CVP) ist Vorstandsmitglied der Konferenz der kantonalen Direktoren des öffentlichen Verkehrs. Meyers Ansage überrascht ihn nicht. «Wir sind uns bewusst, dass die SBB mehr oder weniger am Limit fahren und ein Angebotsausbau Auswirkungen auf die Pünktlichkeit hat», sagt Reichmuth. Die Kantone versuchten in den Verhandlungen die SBB zu überzeugen, weshalb es auf gewissen Strecken mehr Halte und ein breiteres Angebot brauche. «Es ist ein ständiges Ringen um eine Lösung, die für beide Seiten vertretbar ist», sagt Reichmuth. Schon jetzt würden die SBB nicht alle Wünsche erfüllen.

Täglich kommen 125'000 Bahnkunden zu spät an

Wünsche offen lassen die SBB auch bei den Pendlern. Klagen über die unpünktlichen SBB ist zum Volkssport geworden. Auf sozialen Medien wie Twitter kann man täglich mitverfolgen, wer gerade wo in einem verspäteten Zug sitzt - oder darauf wartet, dass er endlich losfährt. Jeden Tag erreichen rund 125'000 Bahnfahrer ihre Zieldestination zu spät. Läuft es ganz schlecht, steigt die Zahl auf 300'000. Hauptverkehrslinien sind besonders allfällig für Verzögerungen. Den SBB bereitet das Thema Pünktlichkeit Kopfzerbrechen, obwohl sie im internationalen Vergleich gut abschneiden und die Werte in den letzten Jahren stabil bei rund 90 Prozent lagen. Das heisst: Neun von zehn Kunden kommen mit weniger als drei Minuten Verspätung am Zielort an.

Mehrere Ursachen bringen die SBB an den Anschlag. Auf der bestehenden Infrastruktur verkehren immer mehr Züge, die Zahl der Baustellen nimmt zu, und es gibt Engpässe beim Rollmaterial. Sinnbildlich dafür steht der neue Fernverkehrs-Doppelstockzug des Typs FV Dosto von Bombardier, der immer wieder von neuen Problemen durchgeschüttelt wird. Die vollständige Inbetriebnahme verzögert sich daher um mehrere Jahre.

«Grobe Fehler» bei der Personalplanung

«Pünktlichkeit ist die magische Kennzahl», sagte Andreas Meyer. Ende 2018 lancierten die SBB das Programm «Kundenpünktlichkeit 2.0». Am Montag äusserte sich die SBB-Spitze auch selbstkritisch. Toni Häne, Leiter Personenverkehr, sprach von «groben Fehlern» bei der Rekrutierung von Lokomotivführern. Man habe den Ausbau des bestehenden Angebots oder den zusätzlichen Bedarf für Grossanlässe wie dem Eidgenössischen Schwingfest zu wenig berücksichtigt. Das Resultat: Derzeit fehlen den SBB 120 Lokomotivführern. An Spitzentagen stehen zu wenige zur Verfügung, die verbleibenden häufen Überstunden an. Den SBB ist es jedoch gelungen, genug Menschen für diesen Beruf zu begeistern. Allerdings wird die Personalnot im Führerstand erst 2021 entschärft. Dann werden genug neu ausgebildeten Lokomotivführer einsatzbereit sein. Und erst dann wird sich die betriebliche Situation laut den SBB nachhaltig entspannen.

Einige Massnahmen, um den Fahrplan «robuster» zu gestalten, setzen die SBB bereits ab dem nächsten Fahrplanwechsel um. Wenn zum Beispiel in Spiez zwei Intercityzüge fast gleichzeitig eintreffen, fährt jener los, der zuerst abfahrbereit ist. Und nicht jener, der gemäss Fahrplan zuerst an der Reihe ist. Denkbar ist künftig auch, dass bei schlecht frequentierten Linien zu Randzeiten künftig ein Bus anstatt ein Zug das ÖV-Angebot sicherstellt. Schliesslich sollen beim Personal und beim Rollmaterial mehr Reserven eingeplant werden.

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Autor

Kari Kälin

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