Ein besorgter Mann meldete sich bei unserer Zeitung. Er habe in seinem Keller eine riesige Menge des selben Medikaments gefunden, total 50 Flaschen. Es ist ein Medikament, das in Apotheken rezeptfrei gekauft werden kann. Das Problem dabei: In grossen Mengen und teilweise mit Alkohol vermischt, kann es als Droge missbraucht werden und zu einer starken Abhängigkeit führen.

Der Name des Medikaments ist unserer Redaktion bekannt. Wir nennen ihn aber bewusst nicht – aus Rücksicht auf mögliche Nachahmer. Denn jedes Mal, wenn Markennamen in einer Zeitung genannt würden, stelle man fest, «dass die Nachfrage massiv zunimmt», sagt der Luzerner Kantonsapotheker Stephan Luterbacher auf Nachfrage.

Kauf und Besitz ist nicht strafbar

Das grosse Medikamentenlager gehöre einem Familienmitglied, sagt der Mann, der in der Agglomeration Luzern wohnt. Er ist schockiert und will wissen, wieso es so weit kam. Es könne doch nicht sein, dass eine Apotheke einer einzelnen Person eine so grosse Anzahl desselben Medikaments verkaufe. Er spricht gar von «mafiösen Praktiken».

Der Mann hat seinen Fund zur Abklärung der Polizei übergeben. Was damit weiter geschieht, ist offen. Die Luzerner Polizei kann zum konkreten Fall aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes keine Auskunft geben. Tatsache ist: Der Kauf und Besitz dieses rezeptfreien Medikaments, auch in grossen Mengen, ist nicht strafbar. Verkaufen darf Medikamente aber nur, wer eine entsprechende Bewilligung hat, egal ob diese Medikamente rezeptpflichtig sind oder nicht.

Medikament gegen Erkältungen

Es ist ein Medikament, das gegen Erkältungen eingenommen wird. Gemäss mehreren Medienberichten wird es offenbar vor allem von Jugendlichen als billige Droge missbraucht. Zum Teil soll damit sogar auf der Gasse ein schwunghafter Handel zu teils stark überhöhten Preisen betrieben werden. Der Luzerner Kantonsapotheker Stephan Luterbacher weiss um die Problematik: «Uns sind Einzelfälle bekannt.»

Zurzeit bestehe tatsächlich keine Rezeptpflicht für dieses Medikament. Allerdings müsse jeder Apotheker und Arzt im Rahmen seiner beruflichen Sorgfaltspflicht bei jedem Patienten prüfen, «ob für das zur Zeit noch freiverkäufliche Arzneimittel die vorgesehene Indikation (Husten) gegeben ist». Wenn er Zweifel daran habe, dürfe er das Arzneimittel nicht abgeben: «Dies insbesondere, da bekannt ist, dass diese Präparate sehr gerne missbräuchlich verwendet werden.»

Auch beim Verein Akzent Prävention und Suchttherapie, dem früheren Drogen Forum Innerschweiz, hat man mit dem betreffenden Medikament einschlägige Erfahrungen gemacht. Mindestens zwei Personen waren deswegen im vergangenen Jahr in Therapie. Erst kürzlich meldete ein Grossvater eine starke Abhängigkeit seines Enkels von diesem Medikament.

Medikament soll rezeptpflichtig werden

Für besorgte Familienangehörige gibt es nun eine gute Nachricht. Das betreffende Medikament soll demnächst rezeptpflichtig werden. Das entsprechende Verfahren wurde von Swissmedic, der Schweizerischen Zulassungs- und Aufsichtsbehörde für Arzneimittel und Medizinprodukte, eingeleitet. Wann genau die Rezeptpflicht eingeführt wird, ist noch offen. «Je nach Verhalten des Herstellers, zum Beispiel Einspruch gegen eine Umteilungsverfügung der Swissmedic, kann es noch einige Zeit dauern bis die Umteilung definitiv ist», sagt Stephan Luterbacher.