Überwachung

Wegen kritischem Film zu Hongkong: Werden Schweizer Studenten von China bespitzelt?

Strassenschlachten auf einem Unigelände bei Hongkong: Solche Szenen verarbeiteten die Künstler zu einem Film, der das Interesse der chinesischen Botschaft weckte. (AP Photo/Vincent Yu, File)

Strassenschlachten auf einem Unigelände bei Hongkong: Solche Szenen verarbeiteten die Künstler zu einem Film, der das Interesse der chinesischen Botschaft weckte. (AP Photo/Vincent Yu, File)

Nach Protest-Sprays mit Hongkong-Bezug intervenierte die chinesische Botschaft bei der Zürcher Hochschule der Künste.

Am Wochenende diskutierten Studierende der Zürcher Hochschule der Künste an einer Veranstaltung über die Proteste in Hongkong. Zuvor hatten sie sich einen Kunstfilm dazu angesehen: eine düstere Collage mit viel Tränengas, Demonstranten und aggressiven Polizisten. Entstanden ist er im Rahmen des jährlich stattfindenden Programmes «Transcultural Collaboration». Studierende reisten dafür diesen Herbst nach Schanghai und Hongkong.

Schon einmal führten Graffiti zu Aufsehen an der ZHdK: Studierende bemalten Anfang Juni 2016 die Wände im siebten Stockwerk des ZHdK-Gebäudes auf dem Toni-Areal. An anderen Stellen ist das Bemalen erlaubt.

Schon einmal führten Graffiti zu Aufsehen an der ZHdK: Studierende bemalten Anfang Juni 2016 die Wände im siebten Stockwerk des ZHdK-Gebäudes auf dem Toni-Areal. An anderen Stellen ist das Bemalen erlaubt.

Anonyme Diskussion aus Angst vor Schnüffelei

Als sich das studentische Filme­macherkollektiv nach der Vorführung der Diskussion stellte, griff es zu einer ungewöhnlichen Massnahme. Statt dass das ganze Kollektiv, bestehend aus Studenten aus der Schweiz und Hongkong, auf die Bühne kam, schickte es nur einen Vertreter. Die anderen schalteten sich zum Teil anonym über das Chat-Programm Telegramm in die Diskussion ein. Die Begründung für diese umständliche Art zu diskutieren: Angst vor dem chinesischen Staat. Die Befürchtung machte die Runde, dass China-­kritische Kommentare von anwesenden Studierenden aus Hongkong, China oder Taiwan an Vertreter der Volksrepublik weitergeleitet werden könnten. Gemäss einem Vertreter des Filmemacherkollektivs sei der Inhalt des Films bereits nach einem Test-Screening an die chinesische Botschaft durchgesickert. Ein Student kommentierte die Situation so: «Chinesische Zensur und Selbstzensur finden so ihren Weg in die Schweizer Uni.» Was passiert da an der Kunsthochschule? Überprüft China, wie sich die dort studierenden chinesischen Studenten (rund ein Dutzend) und die Handvoll Studenten aus Hongkong verhalten? Oder sind die Kunststudenten paranoid geworden?

Die Botschaft interessierte sich für den Film

Recherchen ergaben, dass tatsächlich ein Mitarbeiter der chinesischen Botschaft in Bern vor der Premiere vom Film erfuhr und sich für dessen Inhalt interessierte. Er wandte sich in einer E-Mail an den Rektor Thomas Meier. In der Anfrage ging es aber hauptsächlich um kontroverse politische Slogans zum Hongkong-Konflikt, die an der Kunsthochschule aufgetaucht waren und über die der «Tages-Anzeiger» später berichtete. Rektor Meier bestätigte auf Anfrage den Mail-Kontakt. Es sei den Botschaftsvertretern vor allem darum gegangen, eine Eskalation zu vermeiden, was auch im Sinne der Schule sei. Er habe geantwortet, die Sprayereien seien gemäss den Grundsätzen der Hochschule (keine Politik) entfernt worden. Im Hinblick auf den Film habe er auf die verfassungsmässig ­garantierte Kunstfreiheit verwiesen.

Toni Areal, Sitz der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK), wo es zu politischen Sprays mit Bezug zu Hongkong kam. Es waren Parolen gegen die Polizei, aber auch gegen die Proteste angebracht worden. Die Hochschule enfernte sie schnell.

Toni Areal, Sitz der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK), wo es zu politischen Sprays mit Bezug zu Hongkong kam. Es waren Parolen gegen die Polizei, aber auch gegen die Proteste angebracht worden. Die Hochschule enfernte sie schnell.

Die Intervention zeigt, dass die chinesische Botschaft gut informiert ist über die Vorgänge an der Hochschule. Drei Tage nach Auftauchen der Sprayereien ging die E-Mail ein.

Chinesische Botschaft weist Vorwürfe zurück

Wie das geschehen ist, kann Meier nicht erklären. Er sagt lediglich: «Es könnte sein, dass chinesische Studierende Kontakt zur Botschaft haben. So wie es auch üblich ist, das Schweizer Studierende im Ausland mit der Botschaft Kontakt haben.» Meier sagt auch: «Wir haben keinerlei Hinweise darauf, dass China in unserem Haus spioniert.»

Eine Sprecherin der Botschaft schreibt auf Anfrage, es sei unmöglich, dass die chinesische Botschaft irgendjemanden irgendwie überwache. «Wir haben das auch nie getan.»

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