Pandemie
Wegen Corona werden derzeit viele Operationen verschoben – das sind die Folgen für Patienten

Die Covid-Pandemie bindet in den Spitälern viele Ressourcen. Die verschieben deshalb viele Operationen - zum Leidwesen der Patienten.

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Covid-Patient auf der Intensivstation: viele Ressourcen gebunden.

Covid-Patient auf der Intensivstation: viele Ressourcen gebunden.

KEYSTONE

Weil die Schweiz die Corona-Pandemie nicht in den Griff bekommt, steigt der Druck auf das Gesundheitssystem. Eine Reihe renommierter Spitäler aus der Deutschschweiz hat sich diese Woche mit Hilferufen und Appellen an die Öffentlichkeit gewandt. Die beschäftigt sich vor allem mit den Kapazitäten auf den Intensivstationen.

Kaum ein Thema sind dagegen die Operationen, die gerade verschoben werden müssen, um Kapazitäten für Corona-Patienten zu schaffen oder freizuhalten. Ihre Zahl geht in die tausende. Per Anfang Woche hat allein das Berner Inselspital seit Oktober über 700 Operationen verschoben, am Zürcher Triemli-Spital waren es bislang 100. Auch viele andere Spitäler haben ihre Operationsprogramme reduziert. Die Folgen sind weitgehend – für Spitäler wie Patienten.

Eine Belastung für Patienten, Angehörige und Ärzte

Im Zusammenhang mit den verschobenen Operationen ist jeweils von Wahleingriffen die Rede. Der Begriff legt nahe, dass ein Aufschub verschmerzbar ist. Doch diese Eingriffe, das betonte diese Woche auch Bundesrat Alain Berset, sind zwar planbar und also nicht im unmittelbaren Sinn dringend. Doch das heisst nicht, dass sie nicht notwendig sind. Und schon gar nicht, dass sie beliebig lange verschoben werden können.

Martin Fiedler ist der ärztliche Direktor des Berner Inselspitals. Weil die zweite Welle sich viel länger hinzieht als noch die erste, würden die vor einigen Wochen verschobenen Eingriffe teilweise immer dringlicher, sagt Fiedler. Die betroffenen Patienten hätten Schmerzen, symptomatische Behandlungen zögen sich in die Länge. Das sei eine grosse Belastung für Patienten, Angehörige und auch die behandelnden Ärzte. Dies sei «absolut nicht wünschenswert, aber Realität», sagt Fiedler.

In Bern teilt man die Operationen in vier Kategorien ein. Für dringliche Eingriffe, etwa Frakturen, Lebereingriffe oder Tumorchirurgie, gilt ein Zeitfenster von einem Tag bis 4 Wochen. Wirbelsäuleneingriffe sollen innert einem bis drei Monaten vorgenommen werden. Leistenbrüche, Krampfadern oder Hüftprothesen sind auch für mehr als drei Monate verschiebbar.

Auch ein Meniskusriss muss irgendwann operiert werden

Zuletzt, das melden mehrere grosse Spitäler, mussten auch Tumor-Patienten auf einen Eingriff warten – oder Herz-Kreislauf-Patienten, etwa am Zürcher Triemli-Spital. Doch wenn ein Eingriff verschoben wird, hat das auch für Patienten mit weniger schlimmen Verletzungen und Krankheiten seine Folgen. Das unterstreicht Gregor Siegel, Chefarzt Chirurgie am Spital Interlaken. «Wer seinen Meniskusriss oder seinen Leistenbruch nicht operieren kann, ist im Alltag behindert, kann unter Umständen nicht arbeiten. Man darf diese Leute nicht vergessen», sagt Siegel.

Die tägliche Planung ist auch in kleineren Spitälern wie jenem von Siegel zu einer Herkulesaufgabe geworden. Vielerorts entscheiden Planungsboards nun kurzfristig, welche Operation noch durchgeführt werden kann und welche nicht. Auf Dauer, sagt Siegel, «können wir das so nicht mehr bewältigen». Zumal die verschobenen Operationen ja irgendwann nachgeholt werden müssten – und gleichzeitig immer neue Patienten dazukommen. «Kein Mensch weiss, wie wir das wieder abarbeiten können, zumal auch unser gesamtes Personal seit Wochen jenseits der Belastungsgrenze arbeitet», sagt Chirurg Siegel.

Susanne Gedamke findet es wichtig, dass man auch über jene Patienten spricht, die wegen der aktuellen Gesundheitskrise erst verspätet operiert oder behandelt werden können. Gedamke ist Geschäftsführerin bei der Patientenorganisation SPO. Bei der SPO nimmt man wahr, dass es derzeit vermehrt Fälle gibt, bei denen Behandlungen für chronisch Kranke oder Krebspatienten ausgesetzt oder verschoben werden. «Die Situation ist nicht tragbar und kann erhebliche Schäden für die Patienten nach sich ziehen», sagt Gedamke. In Routinezeiten, betont die Patientenschützerin, stelle man fest, dass Schweizer Spitäler durchaus auch Eingriffe durchführen wollten, die nicht unbedingt notwendig seien. Doch aktuell sei das kein Thema. Gedamke sagt: «Die Lage ist wirklich ernst.»