Wochenkommentar

Was wir von den Westschweizern lernen sollten

Forschung an der ETH Lausanne (Symbolbild)

Forschung an der ETH Lausanne (Symbolbild)

Das Klischee haftet unverrückbar in den Köpfen vieler Deutschschweizer: Die Romands seien eine chaotische Truppe, dafür immer schön locker drauf, sie würden die Dinge nicht so genau nehmen und vor allem ihrem Weisswein frönen.

Als Beweis dafür dienen gern lustige Geschichten aus dem Militär, wo viele Deutschschweizer zum ersten Mal Westschweizer leibhaftig erleben. Die «Weltwoche» widmete solchen Pauschalurteilen vor nicht einmal einem Jahr diese Titelgeschichte: «Mediterraner Schlendrian - die Romands sind die Griechen der Schweiz»; sie würden weniger arbeiten, höhere Renten beziehen, sich stärker verschulden.

Und jetzt das: Die EU-Kommission ernennt das «Human Brain Project» der ETH Lausanne zu einem Leuchtturmprojekt, das mit einer Milliarde Euro (!) unterstützt werden soll. «Die ETH Lausanne triumphiert erneut über die ETH Zürich», erkannte der Zürcher «Tages-Anzeiger».

Die ETH Lausanne hat sich unter ihrem Präsidenten Patrick Aebischer innert eines Jahrzehnts zu einer der besten Hochschulen der Welt entwickelt und die Zahl der Studenten fast verdoppelt. Aebischer lässt seinen Forschern hohe Freiheiten. Damit holt er die besten Professoren nach Lausanne, und diese ziehen wiederum die besten Studenten an. Aebischer geht Partnerschaften ein: mit Nestlé und Rolex, um Forschungsgelder zu generieren. Mit Alinghi und «Solar Impulse», weil das sexy ist.

An der ETH Zürich lästern hinter vorgehaltener Hand viele über Aebischers Stil - zu viel Show, zu wenig Wissenschaft, so der ungerechtfertigte Vorwurf. Aebischer erklärte sein Rezept im Montagsinterview mit der «Nordwestschweiz» einst so: «Forschung und Technik galten früher als eingerostet, langweilig und anstrengend. Mein Ziel war es, die Studenten vom Gegenteil zu überzeugen: dass Forschung und Wissenschaft Probleme der Gesellschaft lösen - und dass das etwas wahnsinnig Spannendes ist.» Wenn Aebischer das sagt, dann spürt man sein inneres Feuer.

Im Geiste endet unser Land für viele Deutschschweizer am Röstigraben. Die Westschweiz ist ihnen fremd, man reist lieber ins Tirol statt ins Vallée de Joux oder nach Berlin statt nach Genf. Auch wir Medien berichten nur auf Sparflamme über den westlichen Landesteil, und so verpassen viele Deutschschweizer, was im Westen unseres Landes abgeht - nicht nur an der ETH Lausanne.

Der «Arc Lémanique», das Gebiet zwischen Genf, Lausanne und Montreux, hat sich zur Boomregion entwickelt und läuft Zürich den Rang ab. Das BAK Basel hat errechnet: Seit dem Jahr 2000 ist das Bruttoinlandprodukt dort um 25 Prozent gestiegen, im Grossraum Zürich um 15 Prozent. Am «Arc Lémanique» entstanden mehr Arbeitsplätze, es zogen mehr Menschen hin und mehr multinationale Unternehmen; Genf ist zum Zentrum des weltweiten Rohstoffhandels geworden. Und das alles praktisch unbemerkt von der Deutschschweiz.

Dabei täten wir gut daran, uns an den Westschweizern ein Beispiel zu nehmen, statt sie zu belächeln. Sie haben mit innovativen Ideen, Begeisterungsfähigkeit, Lebensfreude und viel Engagement Erfolge verbucht - die ETH Lausanne ist nur ein Beispiel dafür. Aber ein wichtiges: Denn im Bereich Technik und Wissenschaft müssen wir uns warm anziehen, wenn wir Weltspitze bleiben wollen. Allein aus China strömen jährlich 500 000 Studenten mit technischen Studienabschlüssen auf den Arbeitsmarkt. In diesem Kontext mutet eine Rivalität zwischen Deutsch- und Westschweiz besonders sonderbar an.

Meistgesehen

Artboard 1