Lockerungen

«Vorsichtig und voller Freude in die neue Normalität»: Der Bundesrat sieht die Schweiz auf Kurs – und lockert die Corona-Massnahmen

Daniel Koch (links), zusammen mit Bundesrat Berset und Bundespräsidentin Sommaruga, nach einem seiner letzten Auftritte.

Daniel Koch (links), zusammen mit Bundesrat Berset und Bundespräsidentin Sommaruga, nach einem seiner letzten Auftritte.

Plötzlich geht es schnell, schneller als angekündigt: Theater, Zoos, Discos und viele mehr dürfen ab dem 6. Juni öffnen; Veranstaltungen bis 300 Personen sind wieder erlaubt. Und «Mister Corona» geht.

Die Medienkonferenz war schon fast vorbei, als Bundesrat Alain Berset überraschend das Wort ergriff – und den Mann verabschiedete, der in den vergangenen Wochen den Übernamen «Mister Corona» erhalten hat. Daniel Koch vom Bundesamt für Gesundheit geht in den Ruhestand, doch noch. Wegen der Coronakrise hatte er seine Pensionierung aufgeschoben, hatte stattdessen Auskunft gegeben zum Virus, Regeln und Empfehlungen erklärt, unzählige Fragen zu Masken und Grosseltern beantwortet.

Wenn der Corona-Krisenmanager nun Ende Monat abtritt, so ist das auch ein deutliches Zeichen: Die Situation ist aktuell unter Kontrolle. Die Bundesräte traten gestern denn auch geradezu gelöst vor die Medien. Statt mahnender Worte gab es viel Optimismus. Bundespräsidentin Simonetta Sommarugas sagte:

Und Justizministerin Karin Keller-Sutter ergänzte: «Nach und nach erhalten wir unsere Freiheiten zurück, auf die wir verzichten mussten.»

Erste Lockerungen schon am Samstag

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Der Optimismus schlägt sich auch konkret nieder: Der dritte Lockerungsschritt, den der Bundesrat gestern beschlossen hat, fällt grösser aus als ursprünglich angekündigt. Bereits ab diesem Samstag sind grössere Gruppen wieder erlaubt: Statt nur fünf Personen wie aktuell sind bis zu 30 Personen wieder möglich. Ein Picknick unter Freunden oder ein spontanes Fussballspiel soll dadurch wieder möglich sein, wie Bundespräsidentin Sommaruga sagte.

Ab Samstag kommender Woche ist dann vieles wieder möglich, was in den letzten Wochen verboten war. Theater und Kinos dürfen wieder öffnen, ebenso Zoos, Campingplätze, Erotikbetriebe und Discos. Private und öffentliche Veranstaltungen mit bis zu 300 Personen sind wieder erlaubt – also zum Beispiel Hochzeitsfeste, Ferienlager, Sportveranstaltungen, Konzerte, aber auch Demonstrationen.

Allerdings braucht es Schutzkonzepte; Distanz- und Hygieneregeln müssen eingehalten werden. Und überall dort, wo es zu engem Kontakt kommt, müssen Präsenzlisten erstellt werden, damit alle Personen wenn nötig benachrichtigt und in Quarantäne gesetzt werden können – und sich das Virus nicht weiter verbreitet.

«Das Contact-Tracing ist jetzt sehr wichtig», sagte Gesundheitsminister Alain Berset. In der Pflicht sieht der Bundesrat nun vor allem die Betreiber und Veranstalter. Die Regierung könne und wolle nicht mehr alles vorschreiben, so der Tenor. Weiterhin verboten sind Veranstaltungen über 300 Personen, jene ab 1000 Personen bis mindestens Ende August – was etwa die Eventbranche hart trifft.

Über 65-Jährige dürfen aufatmen

Gute Nachrichten hatte Berset gestern hingegen für die über 65-Jährigen. «Die Situation erlaubt es den älteren Menschen, wieder am öffentlichen Leben teilzunehmen und sich wieder um die Enkelkinder zu kümmern.» Die Fallzahlen seien tief, die Zahl der Hospitalisierungen ebenso, aktuell gebe es kein Problem. «Wir können uns in der neuen Normalität einrichten – vorsichtig und voller Freude», sagte Berset.

Wie anders hatte es noch vor Ostern geklungen. Man solle möglichst zuhause bleiben, nicht wegfahren, schon gar nichts ins Tessin. Und noch Mitte April, als der Bundesrat die etappenweise Lockerungen ankündigte, blieb er vorsichtig – mahnte, man wolle unbedingt einen Rückschlag verhindern. Die Wirte liess er im Ungewissen, gegenüber Restaurant-Öffnungen zeigte sich Berset damals noch skeptisch. «Wer hat Lust in einem Restaurant zu essen mit zwei Metern Abstand?»

Allerdings war vor Ostern die Situation auch eine andere: Mehrere Hundert Personen wurden damals pro Tag neu positiv getestet. Inzwischen sind es trotz der bereits erfolgten Lockerungen deutlich weniger, gestern beispielsweise 15. Und jetzt wisse man auch viel mehr über das Virus, betonte Berset. «Wir werden nie wieder die gleiche Situation haben wie Ende Februar.» Man wisse nun, dass Distanzhalten und Händehygiene ein wesentlicher Faktor sei, um die Verbreitung des Virus einzudämmen.

Was genau geschehen würde, falls die Zahlen wieder stark steigen würden: Dazu blieb der Bundesrat vage. Falls der Trend drehe, würde man schauen, weshalb – und entsprechend spezifische Massnahmen ins Auge fassen, hiess es lediglich.

Ein Schritt mit Symbolkraft

Doch eine mögliche zweite Welle war gestern kaum Thema. Der Bundesrat schaut offensichtlich zuversichtlich in die Zukunft. Das zeigt sich auch daran, dass er per 19. Juni die sogenannte «ausserordentliche Lage» aufheben will, die er Mitte März ausgerufen hatte.

Diese gibt ihm weitgehende Kompetenzen, er regiert im Notrecht, muss die Kantone nicht konsultieren. Letzteres ändert sich mit der Rückkehr zur sogenannten «besonderen Lage». Faktisch ist das kein grosser Schritt, doch hat er Symbolkraft – so wie der Abgang von «Mister Corona» Daniel Koch.

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