Michael Frauenfelder war ganz unten, bevor ers ganz nach oben schaffte. Ganz oben, das ist hier auf der Aussichtsplattform des Grossmünster-Glockenturms, dem mächtigsten Kirchturm von Zürich. Kalter Aprilwind pfeift um die Giebel, die Touristen auf dem Aussichtsturm nebenan ziehen die Jacken enger. Frauenfelder steht im blauen Kurzarm-Shirt auf der kleinen Terrasse, zeigt auf die umliegenden Kirchen und erzählt von den Glocken und dem Geläut. Darüber weiss kaum einer mehr Bescheid als er; der Glöckner des Grossmünsters.

Ganz unten, das war die Zeit auf der Strasse. Vor acht Jahren landete Frauenfelder in der Gosse. Er war gerade 30, hatte keinen Job, verlor die Wohnung, die Sozialleistungen, die Freundin. «Ich fiel durchs Netz», sagt der Mann mit dem krausen Haar und den kräftigen Armen. Sein Hab und Gut lagerte er in einer Halle ein, packte ein paar Kleider in seine Tasche und kam vom Hinterland nach Zürich. Wo gibt’s etwas zu essen? Wo schlafe ich? Wie komme ich zu Geld? Diese Fragen dominierten seinen Alltag, einen ganzen Winter lang. Ein halbes Jahr lebte Frauenfelder auf der Strasse, schlief mal hier, mal dort, schnorrte bei Passanten um Geld, fragt bei Turnhallen-Abwarten, ob er ab und zu die Dusche benutzen dürfe.

Hart war das, plötzlich alles verloren zu haben und Nacht für Nacht draussen in der Kälte zu schlafen. Doch Frauenfelder haderte nicht. Kraft gaben ihm die Kirchen. Weniger der Glaube an Gott als vielmehr der Klang der Glocken. Schon als Sechsjähriger war der kleine Michael ein Glockensüchtiger. Fast jeden Samstag stieg er mit dem Sigrist in seinem Heimatdorf auf den Turm und lauschte dem Geläut. Mit seinem Klavierlehrer durfte er ab und zu in der Kirche auf der Orgel üben. Nach der Schule machte Frauenfelder eine Lehre als Maschinenmechaniker und fuhr mit seinem Velo in jeder freien Minute im Land umher, um Glockentürme zu besuchen. Über 500 hat er in seinem Leben schon gesehen. Er kann das Geläut von Dutzenden Kirchen in der Schweiz blind unterscheiden. Frauenfelder weiss alles über Glocken, sie sind seine Welt. Sie waren es auch in der schwersten Zeit seines Lebens. Täglich blickte er als Obdachloser hinauf zu den mächtigen Festen der Zürcher Gotteshäuser, wo viele seiner Lieblingsglocken hängen. Ihr Klang war der Soundtrack seiner Zeit auf der Strasse.

Im Frühjahr 2012 landete Frauenfelder im Pfuusbus von Pfarrer Sieber. Er hatte nichts mehr ausser einer Winterjacke und ein paar Ausweisen. «Mein Leben von früher war wie verschluckt, einfach weg.» Die Zeugnisse, die Fotoalben, das Bild des Uhrwerks im St. Peter, das ihm so viel bedeutet hatte: fort. Im Pfuusbus gabs Zmorge, Znacht und eine warme Decke. Und weil Frauenfelder kein Suchtproblem hatte und körperlich fit war, ging alles plötzlich ganz schnell. Er zog in eine Notwohnsiedlung des Sozialwerks von Pfarrer Sieber, jobbte im Stundenlohn als Zügelhelfer und hörte irgendwann, dass sie im Grossmünster eine angestaubte Tradition wieder aufleben lassen wollen: Die Kirche suchte Freiwillige, die Dachreiterglocke zu speziellen Ereignissen von Hand läuten würden, wie in alten Zeiten.

Frauenfelder meldete sich und fing bald darauf an, die Dachreiterglocke an Festtagen nach alter Manier zu läuten. Nebenher übernahm er kleinere Aufgaben im Grossmünster, putzte mal den Turm, flickte mal die Lampe, war ein guter Geist. In der Weihnachtszeit 2013 kam der Grossmünster-Pfarrer Christoph Sigrist zu ihm und sagte: «So geht’s nicht weiter, du brauchst eine Anstellung.» Vier Monate später, vor genau fünf Jahren, unterschrieb Frauenfelder seinen Arbeitsvertrag. Heute ist er Sigrist in der grössten Kirche der Stadt.

«Das war ‹scho es betzeli› eine Auferstehung», sagt Frauenfelder. Er steht im Turmzimmer des Glockenturms, wo früher der Kirchensigrist wohnte und aus dem Fenster spähte, um bei Brandfällen in der Altstadt schnell die Feuerwehr verständigen zu können. Der Kamin des alten Kachelofens ist noch gut zu sehen. Ansonsten ist der Raum fast leer. Das Licht fällt fahl durch die Fenster. Es riecht nach alter Farbe und Staub. Frauenfelder bringt manchmal Besuchergruppen auf den Kirchturmführungen hierher und serviert einen kleinen Apéro. Hauptberuflich hält er die Kirche im Schuss mit allen tausend Aufgaben, die da halt so anfallen. Am liebsten aber ist er bei seinen Glocken.

Vier riesige Exemplare hängen heute noch im Glockenturm. Die grösste davon wiegt über vier Tonnen. Ab und zu schaltet Frauenfelder den Läut-Automaten ab und legt selber Hand an. Seit fünf Jahren läutet er die Glocken am Samstagabend und an Feiertagen von Hand. Er hat noch keinen Einsatz verpasst. Richtig streng wird’s jeweils beim Sechseläuten. Vom Moment, wo sie vorne am Sechseläutenplatz das Feuer entfachen, bis zum Moment, in dem der Böögg explodiert, hält er die Viertonnenglocke mit blosser Körperkraft in Schwung. Vor drei Jahren war er geschlagene 43 Minuten im Einsatz, bevor der Späher von der Aussichtsplattform herunter in den Glockenstuhl stürmte und ihm zuschrie: «Stopp, s’hed de Böögg vertätscht.» Die Arme schmerzten, die Stirn glänzte, Frauenfelder war überglücklich.

Zwischen den Grossmünster-Glocken wirkt Frauenfelder wie erlöst von all dem Schweren, das ihm widerfahren ist. «Glänkt ond gleitet vo obe» sei das alles gewesen, sagt er. Als er noch in der Gosse lag, fragte er sich manchmal, wieso das ausgerechnet ihm passiere. Wenn er jetzt zurückschaue, dann sei ihm alles klar. Die Strasse, der Pfuusbus, die Einsätze als Freiwilliger beim Dachreiterglockenläuten: «Wäre ich nie obdachlos gewesen, dann stünde ich heute nicht hier.» An Ostern wird Frauenfelder – wie bei jedem Gottesdienst – im Grossmünster stehen, der Predigt lauschen und dann beim Vater-Unser an den Glockenseilen ziehen, mit derselben feinfühligen Wucht wie immer und mit einem breiten Lächeln im Gesicht.