Journalisten sind Herdentiere. Eine neue Erkenntnis ist das nicht, aber sie wird hier, vor dem Kommissionszimmer 286 im zweiten Stock des Bundeshauses, mal wieder eindrücklich unter Beweis gestellt. Gut und gerne vierzig Medienschaffende, bewaffnet mit Mikrofon, Kamera und Schreibstift, haben sich versammelt. Sie warten.

Es ist der Tag der Wahrheit für Christa Markwalder, zumindest der ersten Wahrheit. Die Berner FDP-Nationalrätin steht seit Wochen – seit bekannt wurde, dass eine von ihr eingereichte Interpellation über Umwege in Kasachstan formuliert wurde – im Kreuzfeuer der Kritik. Hat sie das Kommissionsgeheimnis verletzt, weil sie Unterlagen aus der Aussenpolitischen Kommission (APK) an eine PR-Beraterin weitergegeben hat? Soll die APK deswegen eine Strafanzeige einreichen? Es sind diese Fragen, die hinter der dicken Tür von Zimmer 286 erörtert werden.

Als sich diese öffnet, wird die Herde ruhig. Äusserlich unberührt verliest Kommissionspräsident Carlo Sommaruga (SP, GE) das Verdikt: Keine materielle Verletzung des Kommissionsgeheimnisses, keine Strafanzeige. Erst als er das Stimmverhältnis verwechselt, zeigt sich, dass auch er nervös ist. So wird aus einem vermeintlich knappen Resultat plötzlich ein einstimmiges (bei fünf Enthaltungen). Die Herde raunt. Und Christa Markwalder? Keine Spur von ihr. Sie hat das Kommissionszimmer wohl längst durch eine Hintertür verlassen.

Doch der Tag, der ihr so schnell nicht aus der Erinnerung verschwinden wird, hat erst angefangen. Als Nächstes traktandiert das Büro des Nationalrates den Fall. Anderes Zimmer, gleiches Szenario: Dicke Türen, Dutzende Journalisten und ein Präsident, welcher der angeschossenen Nationalrätin einen Persilschein erteilt. Markwalder habe mit der Herausgabe von Dokumenten das Kommissionsgeheimnis zwar formell verletzt, aber das Verschulden sei geringfügig. Auf disziplinarische Massnahmen verzichte man, sagt Nationalratspräsident Stéphane Rossini zu Beginn der Nationalratssession im Plenum. «Damit ist die Angelegenheit erledigt», so der Walliser SP-Mann.

«Das Leben wieder versüssen»

Im Saal brandet spontan Applaus auf, nur die SVP-Vertreter mögen nicht so recht mitklatschen. Über Markwalders Gesicht huscht der Anflug eines Lächelns. Sie, die vor zwei Wochen im «Blick» sagte, sie erlebe gerade «die Hölle», sie hat den Kopf vorderhand aus der Schlinge ziehen können. Was sich in den folgenden Minuten abspielt, sieht man im Bundeshaus nicht alle Tage: Rund ein Dutzend Nationalräte – es sind in erster Linie Frauen – schreiten zu Markwalders Pult, sagen ein paar Worte, geben ihr die Hand, drücken ihr Küsschen auf die Wange. CVP-Präsident Christophe Darbellay überreicht gar ein Schoggistängeli. «Um ihr das Leben wieder ein bisschen zu versüssen», sagt er später.

Denn das markwaldersche Politleben, es war bis anhin ziemlich süss. Stadträtin mit 24, Grossrätin mit 27, Nationalrätin mit 28. Ihre Karriere kannte nur eine Richtung: aufwärts. Und trotz – oder gerade wegen – ihrer insbesondere in europapolitischen Fragen parteifremden Haltung ist sie weit über die Fraktionsgrenzen hinweg geschätzt. «Umso höher ist nun die Fallhöhe», sagt die Grüne Nationalrätin Aline Trede, die mit ihr befreundet ist.

Christa Markwalder bleibt noch eine Weile auf ihrem Stuhl sitzen, scheinbar regungslos. Dann erhebt sie sich, geht wortlos an den Ratskollegen vorbei, verlässt den Saal und verschwindet im Präsidentenzimmer. Auf ein Gespräch mit Journalisten hat sie keine Lust, auch das Telefon nimmt sie nicht ab. Es wird den ganzen Tag so bleiben. Dafür verschickt sie am späteren Nachmittag ein Communiqué: Sie sei «erleichtert über die sachliche Diskussion und die heutigen Beschlüsse» und wolle den Blick «nun nach vorne richten», heisst es. Aus der Geschichte habe sie «die Lehren gezogen». Wie diese aussehen bleibt unklar. Und auch nach Worten der Reue sucht man in der kurzen Erklärung vergeblich.

Frage der Immunität bleibt offen

Mindestens so erleichtert wie Markwalder dürfte auch FDP-Präsident Philipp Müller sein. Er sah sich im Nachgang der Kasachstan-Enthüllungen dem Vorwurf ausgesetzt, seine Parteikollegin vorschnell fallengelassen zu haben. Doch davon will er nichts wissen. «Ich habe nur wiedergegeben, was sie selbst und die Parlamentsdienste gesagt haben. Da wurden falsche Tatsachen hineininterpretiert», sagt er. Er sei froh, dass der Fall ad acta gelegt werden könne. «Jetzt ist die Luft draussen.»

Auch wenn die Kommissionen Markwalder schonten, aus Müllers Worten spricht auch der Zweckoptimismus eines Parteipräsidenten im Wahlkampfmodus. Denn noch ist die Affäre nicht ausgestanden: Vergangene Woche sind zwei Anzeigen gegen Markwalder eingegangen. Weil sie durch die parlamentarische Immunität vor einem Strafverfahren geschützt ist, hat die Bundesanwaltschaft deren Aufhebung beantragt. Ob dies geschieht – nach den Ereignissen von gestern ist es unwahrscheinlich –, entscheiden die Immunitätskommissionen nach der Sommersession. Und auch der prestigeträchtige Posten der Nationalratspräsidentin, den Markwalder im Januar antreten sollte, ist ihr noch nicht sicher – abgesehen davon, dass sie die Berner Bevölkerung zuerst im Amt bestätigen muss. Die Chancen darauf sind am Montag nicht kleiner geworden.