Virus-Variante
Milderer Verlauf? Vor allem Kinder betroffen? Das ist der aktuelle Stand bei Omikron

Omikron wird in immer mehr Ländern der Welt nachgewiesen. Damit steigt die Angst vor der noch weitgehend unbekannten Corona-Variante. Was wir bisher über sie wissen.

Reto Fehr / watson.ch
Drucken
Gautengs Premierminister David Makhura erklärt einer Gruppe Bürgern das neue Impfprogramm Vooma.

Gautengs Premierminister David Makhura erklärt einer Gruppe Bürgern das neue Impfprogramm Vooma.

Keystone

Die Entdeckung der Omikron-Variante erwischte die Wirtschaft auf dem falschen Fuss und beeinflusste auch den Bundesrat in der Entscheidung, seit gestern Montag neue Regeln aufzustellen.

Doch noch weiss man sehr wenig über die Omikron-Variante. Es gibt lediglich einige Anhaltspunkte. Das sagen Experten zur aktuellen Lage:

1. Deepti Gurdasani, Epidemiologin

Auch wenn die Omikron-Variante ihren Ursprung nicht in Südafrika haben muss, so grassiert sie im Land am Kap aktuell stark. Insbesondere die Provinz Gauteng mit Johannesburg zeigt stark steigende Neuinefktionen und Hospitalisationen.

Deepti Gurdasani,Epidemiologin an der Queen Mary University in London publizierte die Zahlen aus Gauteng auf Twitter. Sie zeigte sich am Samstag überrascht, dass es teilweise heisse, «Omikron habe einen milden Verlauf».

Hospitalisationen in Gauteng:

Y-Achse: Anzahl Hospitalisierte, X-Achse: Kalenderwoche.

Y-Achse: Anzahl Hospitalisierte, X-Achse: Kalenderwoche.

Weiter schreibt Gurdasani, dass die Verbreitung auch unter der geimpften Bevölkerung besorgniserregend sei. Für die Entwicklung in Grossbritannien malt sie auf Twitter derzeit kein schönes Bild: «Sich kaum darauf vorzubereiten und sich ausschliesslich auf die Anwendung von Boostern zu verlassen, wird sich wahrscheinlich als ein weiterer kostspieliger und vorhersehbarer Fehler herausstellen.»

Das sagt die WHO zu Omikron

Im aktuellsten Update vom 28. November schreibt die WHO: Es ist noch unklar, ob die Übertragung schneller geschehe. Auch zur Schwere der Verläufe will man noch keine Vergleiche zu anderen Varianten machen. Auch wie sehr die Impfung wirkt, ist noch unklar.

2. Rudo Mathivha, Leiterin Intensivstation in Südafrika

Wenig erfreulich tönt es aus dem Chris Hani Baragwanath Hospital in Soweto (Johannesburg), dem drittgrössten Spital der Welt. Rudo Mathivha, die Leiterin der Intensivabteilung erklärt die Lage im südafrikanischen TV so: «Die Situation macht uns ziemlich Sorgen. Wir haben so viele Kinder und auch junge Erwachsene wie noch nie zuvor während der Pandemie. Kinder steckten sich auch vorher an, aber jetzt kommen sie mit mittleren bis schweren Symptomen ins Spital.» Sie müssen dann einige Tage hier bleiben.

Auch junge Erwachsene und Personen bis 40 Jahre werden jetzt viel häufiger eingewiesen. «Die meisten davon sind ungeimpft», sagt Mathivha. «Wir haben auch viele Schwangere mit einem positiven Test. Auch hier entwickeln immer mehr auch stärkere Symptome.»

Rudu Mathivha, Leiterin der Intensivstation im Chris Hani Baragwanatnath Hospital in Südafrika erklärt die aktuelle Lage (in Englisch).

Youtube/sabc news

Das grösste Problem aktuell seien aber die Kinder, wenn weiterhin viele von ihnen hospitalisiert werden müssen, wie Mathivha berichtet: «Unsere Spitäler sind nicht auf Kinder ausgerichtet. Normalerweise werden nicht viele von ihnen auf einmal schwer krank. Wir werden diese nicht alle aufnehmen können. Ich will keine Panik verbreiten. Aber weitet die Massnahmen auch auf die Kinder aus.»

Ein spezieller Fall hat mir das Herz gebrochen: «Eine 15-Jährige ohne bekannte Vorerkrankungen wurde nach zwei Tagen Fieber eingeliefert und hier positiv getestet. Sie kollabierte vor unseren Augen. Wir konnten nichts mehr für sie machen.»

Mathivha sagt zum Schluss des Interviews: «Ich will die 20- bis 40-Jährigen ansprechen: ‹Bitte, geht euch impfen.› Ihr seid der Schlüssel, um diese Verbreitung zu stoppen.»

3. Eric Feigl-Ding, Epidemiologe

Auch Eric Feigl-Ding, Epidemiologe und bis vor kurzem an der Harvard-Universität, lieferte einen Twitter-Thread, in welchem er aufzeigt, wie sehr sich die aktuelle Welle in Südafrika in Richtung der Jüngeren verschiebt. So werden aussergewöhnlich viele unter 5-Jährige eingeliefert:

In der Stadt Tshwane wurden beispielsweise in den ersten zwei Wochen der aktuellen Welle (14. bis 27. November) mehr als 100 unter 5-Jährige hospitalisiert. In der Welle im Mai waren es noch unter 20. Wie sehr die aktuelle Welle in Südafrika die jüngere Bevölkerung betrifft, zeigt dieser Vergleich der aktuellen Welle (orange) und der letzten (blau) nach Altersgruppen:

Y-Achse: Anzahl Personen, X-Achse: Hospitalisationen pro Altersgruppe in der dritten (blau) und vierten (orange) Welle.

Y-Achse: Anzahl Personen, X-Achse: Hospitalisationen pro Altersgruppe in der dritten (blau) und vierten (orange) Welle.

Auch in Tshwane zeigt sich ein ähnliches Bild wie in Soweto: Die grosse Mehrheit der Kinder (oder ihre Eltern) und jungen Erwachsenen, die ins Spital müssen, sind nicht geimpft.

Wie schnell die Neuinfektionen aktuell zunehmen, zeigt diese Grafik, welche die bisherigen drei Wellen in der Provinz Gauteng mit der momentanen Entwicklung vergleicht:

Achtung: Die Jahreszeiten auf der Südhalbkugel sind unseren entgegengesetzt.

Achtung: Die Jahreszeiten auf der Südhalbkugel sind unseren entgegengesetzt.

4. Anthony Fauci, Covid-19-Berater von Joe Biden

Eric Feigl-Ding kommt nach seinem Thread zum Schluss, dass die «Omikron ist milder»-Aussage mit den neusten Daten nicht mehr aufrechterhalten werden kann.

Anthony Fauci, Covid-Berater der amerikanischen Regierung, war am Sonntag gegenüber der CNN noch leicht positiver eingestellt: «Wir müssen wirklich vorsichtig sein, bevor wir irgendwelche Aussagen treffen, dass Omikron weniger schwerwiegend ist oder wirklich keine schwerwiegende Krankheit verursacht, die mit Delta vergleichbar ist, aber bis jetzt sind die Signale ein wenig ermutigend. Es sieht nicht so aus, als gäbe es einen hohen Schweregrad.»

Auch die Boosterimpfung könnte möglicherweise ein «beträchtliches Mass an Schutz» bieten. Fauci betonte aber auch, dass es schlicht noch zu früh ist, um genaue Aussagen zu treffen.

5. Südafrikanische Experten

«Bloomberg» stellte die Hauptaussagen von sieben Experten oder Ärzten aus Südafrika in einem Artikel zusammen. Die Meinungen könnten unterschiedlicher nicht sein. Richard Friedland, CEO von Netcare, dem grössten privaten Gesundheitssystem Südafrikas, meinte dabei: «Ich glaube, dass wir einen Silberstreif am Horizont sehen und dass Omikron das Ende von Covid-19 bedeuten könnte, da es sich so weit abschwächt, dass es zwar hoch ansteckend ist, aber keine schweren Krankheiten verursacht. So war es auch bei der Spanischen Grippe.»

Dem entgegnet Marc Mendelson, Leiter der Abteilung Infektionskrankheiten der Universität von Kapstadt: «Die einzigen, die ihre Hand auf ihr Herz legen und der Welt sagen, macht euch keine Sorgen, das wird schon wieder, haben angesichts dieses Virus noch nicht genug Demut gelernt.»

Aktuelle Nachrichten