Simon Gantenbein spricht beim Gespräch in einem kleinen Café in der Berner Innenstadt derart laut und bestimmt, dass sich irgendwann die beiden Rentner vom Nebentisch erheben und zur Mässigung aufrufen.

Gantenbein will warnen, will aufrütteln, er will, dass die Gesellschaft endlich die Augen öffnet. Denn er kann einfach nicht verstehen, dass viele Leute selbst in seinem Umfeld bloss mit den Achseln zucken, wenn sie erstmals vom neuen Nachrichtendienstgesetz hören. «Die freiheitlichen Werte unserer Gesellschaft sind in Gefahr», sagt er. «Nicht mehr und nicht weniger.»

Heute Montag und morgen Dienstag berät der Nationalrat das neue Nachrichtendienstgesetz, das dem Nachrichtendienst des Bundes (NDB) erlauben soll, private Räume zu verwanzen, Telefone abzuhören, E-Mails mitzulesen, per Staatstrojaner in fremde Computer einzudringen und Privatpersonen und Unternehmen zur Auskunft zu verpflichten (siehe Kasten). «Das Gesetz verleiht dem NDB sehr viele Kompetenzen», sagt Gantenbein. «Und das ohne greifende Kontrollinstanzen. Es ist, als gäbe man einem Fünfjährigen eine Motorsäge zum Spielen.»

Aufklärer und Lobbyist

Simon Gantenbein, im Bündnerland aufgewachsen, hat eine Lehre als Informatiker absolviert, dann die Berufsmatura nachgeholt, nun arbeitet er als Informatiker im Kanton Bern. Aus privatem Interesse besuchte er vor ein paar Jahren einen Workshop für spurenarmes Surfen im Internet und wurde so auf die Digitale Gesellschaft Schweiz aufmerksam, ein Bündnis netzpolitisch interessierter Kreise, dem 50 Personen und 15 Gruppierungen angehören, von Grundrechtsorganisationen bis zu Künstlerkollektiven.

Mit der Digitalen Gesellschaft macht sich Gantenbein nun gegen das neue Nachrichtendienstgesetz sowie die Revision des artverwandten Bundesgesetzes betreffend die Überwachung des Post- und Fernmelde-verkehrs (Büpf) stark, über die der Nationalrat im Sommer befinden wird. Als Lobbyist bezeichne er sich ungern, sagt er, dieser Begriff habe etwas Anrüchiges. «Ich sehe mich lieber als ‹Aufklärer in digitalen Fragen›.» E-Mails sendet und empfängt er verschlüsselt, anstelle des beliebten Messenger-Diensts Whatsapp benutzt er eine Alternative, die End-to-End-Verschlüsselung zulässt, von Facebook hat er sich längst abgemeldet.

Bequeme Internetnutzer

Simon Gantenbein, ein Verschwörungstheoretiker? Der 28-Jährige lächelt. Seit Whistleblower Edward Snowden enthüllt habe, in welchem Ausmass der US-amerikanische Auslandgeheimdienst NSA spioniere, müsse er sich diesen Vorwurf nur mehr selten anhören. «Jeder Mensch hat Geheimnisse und eine Privatsphäre, die er schützen möchte.» Wenn er von Freunden höre, man fürchte sich nicht vor Überwachung, weil man nichts zu verbergen habe, frage er jeweils: «Verrätst du mir das Passwort zu deinem Facebook-Profil oder den PIN-Code deines Bankkärtchens?» Noch habe niemand in Ziffern geantwortet.

Internetnutzer seien nun mal bequem, sagt Gantenbein. «Solange ihre Verbindung schnell ist, stellen sie sich keine Fragen.» Umso mehr sei es an der Politik, dafür zu sorgen, dass wenigstens ein Mindestmass an Datenschutz gewahrt werde. Doch leider fürchteten sich die Politiker fast aller Parteien vor dem Vorwurf, zu wenig für die Sicherheit getan zu haben, sollte es dereinst auch in der Schweiz zu einem Terroranschlag kommen. «Deshalb sind sie bereit, dem NDB, welcher der Öffentlichkeit keine Rechenschaft schuldig ist und wie eine unkontrollierte Blackbox agiert, sehr viele Kompetenzen einzuräumen.»

Dunkelgraues Zukunftsszenario

In den Vierzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts schrieb der britische Schriftsteller George Orwell «1984», einen dystopischen Roman über einen totalitären Präventions- und Überwachungsstaat. Auf die Frage, wie er sich die Schweiz in 40 Jahren vorstelle, sagt Simon Gantenbein, er wolle nicht so schwarzmalen wie Orwell. Aber: «Auch ich male dunkelgrau, wenn ich mir ein Zukunftsszenario ausdenken soll.»